Staatssicherheit verschleppt Kritiker: Menschenraub in Schöneberg

Einladungen nimmt man an, wenn es irgend geht - das verlangt die bürgerliche Höflichkeit.

Einladungen nimmt man an, wenn es irgend geht - das verlangt die bürgerliche Höflichkeit. Und so kann Karl Wilhelm Fricke kaum anders, als der Bitte seines flüchtigen Bekannten Kurt Maurer zu folgen und ihn nach Hause zu begleiten. Immerhin hat Maurer ihm ebenfalls einen Gefallen getan, nämlich ein schwierig zu beschaffendes Buch besorgt: die gerade erschienene deutsche Übersetzung des Lehrbuchs "Politische Ökonomie", herausgegeben von der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Ein zentrales Werk für das Selbstverständnis des sowjetischen Satellitenstaates in Ostdeutschland, wie der DDR-kritische Journalist Fricke glaubt. Er hat vor, den Band in der westdeutschen Zeitschrift "SBZ-Archiv" zu besprechen. Gerade deshalb wird es zum idealen Köder.

Es ist der 1. April 1955. Gegen Mittag hat Maurer bei Fricke angerufen. Das erwartete Buch habe er nun beschafft, allerdings fehle ihm leider die Zeit, das Werk wie gewohnt in Frickes Wohnung in Friedenau vorbeizubringen. Ob der Journalist ihm entgegenkommen könne? Er kann: Die beiden verabreden sich in Schöneberg. Aus schierer Gewohnheit notiert der 25-jährige Fricke, bevor er aufbricht, die Absprache im Kalender auf seinem Schreibtisch: "Maurer 15 Uhr / Geisbergstraße links / Postamt W 30". Wie verabredet treffen sich die beiden, doch der Mittelsmann entschuldigt sich. Er hat das Buch nicht bei sich, es sei in seiner Wohnung - sie liege gleich um die Ecke. Ob Fricke nicht mitkommen wolle?

Ein paar Stunden zuvor noch hatte Kurt Maurer nicht genug Zeit, den Band vorbei zu bringen - nun lädt er seinen Bekannten sogar zu sich ein. Doch Fricke wird nicht misstrauisch, weiß er doch, dass Maurer zwar einst Kommunist war, aber jahrelang in Stalins Gulag hatte sitzen müssen und 1952 nach West-Berlin geflüchtet war. Außerdem gilt Schöneberg, ein Teil des amerikanischen Sektors der bereits getrennten, aber noch nicht durch eine Mauer zerschnittenen Stadt, als sicher.

Maurer bringt Fricke in eine nahe gelegene Wohnung, wo auch Frau Maurer wartet. Es ist freilich nicht das eigene Heim des Paars, was Fricke aber nicht weiß. Sie passt jedenfalls zu den beiden. Frau Maurer bietet Zigaretten an und ein Gläschen Weinbrand, Marke "Scharlachberg-Meisterbrand", was der wohlerzogene Journalist natürlich nicht ablehnen kann. Die drei unterhalten sich eine halbe Stunde lang; dann wird Fricke unruhig, denn er ist am selben Nachmittag noch mit seiner Verlobten verabredet: Er bittet seinen Gewährsmann um das Buch. Maurer geht hinüber zum Schreibtisch und gibt seinem Gast den Band. Die drei setzen sich wieder und nehmen ein letztes Gläschen Weinbrand. Karl Wilhelm Fricke fällt auf, dass der "Scharlachberg" anders schmeckt als zuvor, doch er schöpft keinen Verdacht. Als ihm schwindelig wird, schiebt er das auf die ungewohnte Menge Alkohol am frühen Nachmittag. Kalter Schweiß tritt auf seine Stirn, er spürt Übelkeit, stemmt sich hoch und schafft es bis zur Toilette. Als der Brechreiz nachlässt, kehrt der Journalist zurück zu seinen Gastgebern, entschuldigt sich und bittet sie, ihm ein Taxi zu rufen. Es wird für die nächsten 1460 Tage das letzte Mal sein, dass er um etwas bittet und hoffen darf, dass seinem Wunsch entsprochen wird. Unmittelbar danach, es ist kurz nach 16 Uhr am 1. April 1955, verliert Karl Wilhelm Fricke das Bewusstsein.

Monatelang vorbereitet

Er ist das Opfer eines perfiden Plans geworden, dessen erste Spur sich in einer Stasi-Akte am 30. August 1954 findet. Ein "geheimer Mitarbeiter" des damaligen Staatssekretariats für Staatssicherheit (SfS) mit Decknamen "Peter" schlägt Maßnahmen gegen einen gewissen "Student" vor: "Da ,Student' unsere Wohnung bisher noch nicht kennt und auch nicht den richtigen Namen von ,Fritz', sondern annimmt, er heißt Maurer, ist hier eine Möglichkeit, eventuell eine Aktion durchzuführen, indem man ,Student' in irgendeine Wohnung bestellt, die für eine solche Aktion günstig wäre." Um welche Art von "Aktion" es gehen soll, steht in dem Bericht nicht - offenbar haben SfS-Offiziere "Fritz" und "Peter" den Auftrag gegeben, Möglichkeiten einer Entführung auszukundschaften.

In West-Berlin ist die Verschleppung von Kritikern der SED-Diktatur in zu dieser Zeit beinahe Alltag. Schon am 3. November 1947 hatte der damalige Bürgermeister Ferdinand Friedensburg beklagt, dass seit Mai 1945 insgesamt 5413 Personen in Berlin aus politischen Gründen verhaftet und danach "spurlos" verschwunden seien. Anlass war die Entführung des West-Berliner Journalisten Dieter Friede. Für internationales Aufsehen sorgt die Entführung von Walter Linse aus Lichterfelde 1952. Dafür hatte das SfS Berufsverbrecher angeheuert. Doch statt den prominenten DDR-Kritiker ohne Aufsehen zu kidnappen, liefern sie sich mit Zeugen eine wilde Verfolgungsjagd. Und auch die Entführung des russischen Exilpolitikers Alexander R. Truchnowitsch am Abend des 13. April 1954 geht nicht "reibungslos" vonstatten: Nachbarn sehen, wie ein Entführer-Quartett den Sowjet-Kritiker besinnungslos aus seiner Wohnung in Wilmersdorf schleppt. Die freie Presse in West-Berlin berichtet tagelang - gegenüber diesem verheerenden Echo ist die Tatsache, dass der Entführte bald nach dem Transport durchs Treppenhaus am Knebel erstickt, nicht mehr als ein Missgeschick.

In der Morgenpost lässt sich kurz darauf ein nicht namentlich genannter hoher westlicher Polizeibeamter zitieren: "Wenn wir nicht um West-Berlin eine Chinesische Mauer mit Schießscharten bauen wollen, können wir Gewaltakte wie im Fall Truchnowitsch nicht verhindern." Denn an der Sektorengrenze kontrollieren zwar Posten; doch lassen sich die damals 132 offiziellen Übergänge leicht umgehen. An Hunderten Stellen führen kleine Nebenstraßen über die Sektorengrenze in den unfreien Teil der Stadt und ins Umland. "Wollte man all diese Lücken schließen, sagt das Kommando der Schutzpolizei, so müsste man die ganze 200 Kilometer lange West-Berliner Grenze hermetisch abriegeln und den Polizeiposten Schießbefehl geben", berichtet die Morgenpost am 4. Mai 1954. Ernsthaft erwogen hat diese Alternative nie jemand.

Angesichts dessen setzt die DDR-Staatssicherheit ihre Strategie des Menschenraubes fort - nur "eleganter" und besser vorbereitet sollen die Entführungen ablaufen. Am 16. November 1954 unterzeichnet Oberst Bruno Beater, einer der mächtigsten Geheimpolizisten der DDR, die "Dienstanweisung 54/54". Damit beginnt die "Aktion "Blitz", gedacht als Schlag gegen möglichst viele Gegner des SED-Regimes. "Besondere Bedeutung", so heißt es in Beaters Befehl, "kommt hierbei den Vorgängen zu, deren Liquidierung in West-Berlin und Westdeutschland ihren Ausgang finden muss".

Die Wohnung als Falle

Auf Fricke bleibt der Spitzel "Fritz" alias Kurt Maurer angesetzt, der in Wirklichkeit Kurt Rittwagen heißt, schon seit Juni 1952 für die Staatssicherheit arbeitet und sich überhaupt nur in ihrem Auftrag nach West-Berlin "abgesetzt" hat. Auch Rittwagens Frau Anne-Maria ist Agentin, Deckname "Peter". An seinen Führungsoffizier schreibt "Fritz" am 27. Januar 1955: ",Student' hat bei mir verschiedene Bücher bestellt. (...) Da ich vermeiden möchte, ihn aus der Wohnung zu holen, könnte ich in einem Vortags geführten Telefongespräch mitteilen, dass ich seine gewünschten Bücher in meinem Besitz habe. Aber unter dem Vorwand, starke arbeitsmäßige Überlastung ihm den Vorschlag zu machen, dass wir uns treffen könnten. Auf diesem Treff würde ich ihn dann zum Essen einladen mit der Begründung, er könnte dann gleich seine Bücher mitnehmen. Ich bin überzeugt, dass er nicht abschlägt." Sechs Tage später heißt es im nächsten Bericht: "Es besteht jetzt hier jede Voraussetzung, dass es nur einer Vereinbarung mit ,Student' bedarf und er würde mich in meiner Wohnung aufsuchen." Am 7. Februar schlägt der Agent vor: "Ich bitte zu prüfen, ob es nicht möglich ist, für unsere Aktion den Schlafsack, der für ,Schach' gedacht war, zu benützen."

Nun ist die Entführung vorbereitet. Die Bürokratie der Stasi erfordert nur noch eine offizielle Bestätigung. Dazu verfasst der Führungsoffizier von "Fritz" und "Peter", SfS-Hauptmann Alfred Buchholz, am 28. März 1955 eine Aktennotiz: "Die feindliche Tätigkeit von Fricke besteht darin, dass er durch Personen aus der DDR Unterlagen und Material über führende Funktionäre der Partei, der Wirtschaft und der Verwaltung erhält. Fricke arbeitet zusammen mit Tillich, Ernst, Leiter der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, mit dem Bundesverfassungsschutz, mit Carola Stern alias Erika Assmus. An dem von Assmus erschienenen Buch ,Die SED' hat Fricke ebenfalls mitgearbeitet. Des Weiteren schreibt Fricke Artikel für die westdeutsche Presse." Das genügt dem Stasi-Offizier und seinen Vorgesetzten, um Fricke entführen zu lassen - dabei tut er nicht anderes, als seinen Beruf als Journalist auszuüben. Doch statt sich mit den kritisierten Umständen auseinanderzusetzen und ihre Ursachen zu beseitigen, soll der Kritiker mit Gewalt ausgeschaltet werden. Auch erhofft sich Buchholz ein weiteres Ergebnis: "Durch die Festnahme des Fricke soll erreicht werden, die Methoden unserer Feinde erkennen zu lernen, mit denen es ihnen teilweise gelungen ist, in den Besitz des oben geschilderten Materials zu kommen."

Die Entführung selbst gelingt reibungslos: Fricke ist durch eine Mischung aus Atropin und Scopolamin im dritten Gläschen Weinbrand außer Gefecht gesetzt. Ohne Aufsehen wird er in den Abendstunden nach Ost-Berlin geschafft - wie genau, ist unbekannt. Wahrscheinlich ist er tatsächlich als "Paket" verschnürt in einem Schlafsack über die Sektorengrenze gebracht worden. Jedenfalls kommt er erst gut sieben Stunden später wieder zu Bewusstsein.

Es ist ein böses Erwachen: Er sitzt in einem ziemlich großen Raum vor einem runden Tisch, um ihn herum vier bis fünf Männer teils in Zivil, teils in Uniform. Kaum hat Fricke die Augen aufgeschlagen, nimmt er wahr, dass er obszön beschimpft wird: "Du Drecksack" nennt ihn einer der Männer, "Du Arschficker" beleidigt ihn ein anderer. Die Männer haben offenbar, wie sich erst Jahrzehnte später herausstellen wird, Frickes Stasi-Akte gelesen. Darin findet sich die Denunziation, der Journalist habe 1953 seine Unterkunft verloren, weil seine damalige Zimmerwirtin den Eindruck gehabt habe, "der sei nur zu Männern freundlich, Frauen existieren für Fricke nicht". Überhaupt habe er nur Besuch von jungen Männern und Jungs gehabt. Anfang der fünfziger Jahre steht Homosexualität noch unter Strafe - aber die Denunziation ist ohnehin falsch, denn Fricke ist nicht schwul, sondern, im Gegenteil, verlobt. Noch ahnen die Stasi-Männer nicht, dass ihr Plan wesentlich durch seine Verlobte scheitern wird.

Das weiß auch Fricke nicht, als er benommen die Folgen der K.-o-Tropfen abschüttelt. Einer der Männer schlägt ihn mit der flachen Hand ins Gesicht, wohl um seine Reaktion zu "testen". Erst jetzt wird dem Entführten klar, dass er sich in einer feindlichen Umgebung befindet; dass es sich um das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen handelt, kann er aber nur vermuten. Fricke wankt zur Tür, wird zurückgestoßen, schreit um Hilfe, schlägt um sich, verliert erneut das Bewusstsein. Er wird kurz wieder wach, als er nackt unter einer kalten Dusche liegt, dann aber geben seine Bewacher vorerst auf: Die chemische Keule, mit der "Fritz" und "Peter" ihr Opfer betäubt hatten, war anscheinend zu stark. Er schläft erst einmal, in einer fensterlosen Zelle auf einer kalten Holzpritsche.

Am kommenden Morgen, Sonnabend, dem 2. April 1955, ist Fricke einigermaßen beisammen. Er bekommt eine abgetragene Hose sowie - ein besonderer Hohn - eine alte Uniformjacke der Volkspolizei. Durch einen schmalen Korridor wird er in ein tristes Büro geführt. Hinter dem Schreibtisch sitzt ein Stasi-Offizier, Rang: Oberleutnant. Vor dem Schreibtisch steht ein kleinerer quadratischer Tisch, in einer Ecke davor ein Holzschemel für Fricke. Der Häftling muss seine Hände flach auf die Oberschenkel legen - wann immer er seine Sitzhaltung ändert, blafft ihn der Vernehmer an: "Setzen Sie sich anständig hin!"

Angeklagt wegen "Boykotthetze"

Um sieben Uhr morgens beginnt, so weist es das Protokoll aus, das erste Verhör von Karl-Wilhelm Fricke durch die Staatssicherheit. Ihm wird "eröffnet, dass gegen mich von Seiten der Organe des Staatssekretariats für Staatssicherheit wegen Verbrechens nach Artikel 6 der Verfassung der DDR ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist". Diesen Artikel kennt Karl Wilhelm Fricke: "Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhass, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches." Doch was genau "Boykotthetze" eigentlich sein und was in diesem Zusammenhang "demokratisch" bedeuten soll, wird nicht definiert. Aus gutem Grund, denn Artikel 6 der DDR-Verfassung ist jener Gummiparagraf, auf dem Verfolgung politisch Andersdenkender beruht. Fricke weiß: Schon viele tausend Jahre Zuchthaus sind wegen angeblicher Verstöße gegen diese Bestimmung verhängt worden. Dabei stört es die Staatssicherheit nicht, ob ihre Opfer DDR-Bürger sind. Fricke, der aus Mitteldeutschland stammt und 1949 in den Westen geflüchtet war, lebte seit 1952 in West-Berlin, weshalb für ihn DDR-Recht nicht gilt - abgesehen davon, dass Artikel 6 der Verfassung menschenrechtswidrig und als "gesetzliches Unrecht" ohnehin unwirksam ist.

Doch für solche Argumente gibt es in einem Stasi-Verhör keinen Raum. Wieder und wieder fragt der Vernehmer, woher Fricke seine Informationen bekommen habe, und jedes Mal antwortet der Beschuldigte, dass er "keinerlei Verbindungen verbrecherischen Charakters zu Personen" in der DDR oder (so heißt es im Protokoll) "im demokratischen Sektor von Berlin" unterhalten habe. So vergeht Tag um Tag: Am 2. April wird Karl Wilhelm Fricke von 7 bis 13 Uhr und erneut von 23 Uhr bis zum nächsten Morgen um 6.30 Uhr verhört, am 3. April von 23 Uhr bis 5.30 Uhr am folgenden Morgen sowie nach wenigen Stunden Pause von 11.15 Uhr bis zum 5. April um 6.15 Uhr. Ähnliche Dauerverhöre wiederholen sich, selbstverständlich immer ohne Anwalt. All das steht in den Protokollen - offensichtlich ist dem Vernehmer Horst Bauer gleichgültig, dass er damit schwere Verstöße gegen Frickes Menschenrechte dokumentiert. Das Ergebnis ist aus Stasi-Sicht allerdings enttäuschend: Die Taktik, das Opfer gezielt zu übermüden, verfängt nicht. Hilflos hält die Stasi fest: "Fricke steht in dringendem Verdacht, im Gebiet der DDR als Resident Agentengruppen im Auftrage West-Berliner Spionageagenturen unterhalten zu haben. Als Journalist hat Fricke Kriegs- und Boykotthetze betrieben."

Die Verschleppung entwickelt sich nun doppelt anders als geplant: Erstens verrät er keine Informanten im Osten, denn er hat gar keine; und zweitens misslingt auch die vorbereitete Verschleierung der Entführung. Frickes Freundin Friedelind Möhring wundert sich sehr, als er nicht wie verabredet am 1. April 1955 nachmittags zu Hause ist. Sie weiß, wie gefährdet ihr Verlobter ist, und schlägt sofort Alarm. Doch noch weigert sich die West-Berliner Polizei, dem Verdacht einer Entführung nachzugehen - immerhin ist Fricke ja noch vor wenigen Stunden gesehen worden. Erst als er am kommenden Morgen um 6.50 Uhr noch immer nicht aufgetaucht, nimmt die Kripo Friedelinds Befürchtung ernst. Zur selben Zeit, zu der Fricke zum ersten Mal "vernommen" wird, durchsuchen Beamte sein Zimmer in Friedenau - und stoßen auf die Notiz "Maurer 15 Uhr / Geisbergstraße links / Postamt W 30". Für die West-Berliner Polizei ist es kein Problem festzustellen, wer "Maurer" ist und wo er wohnt.

Ein gefälschtes Telegramm

Am selben Abend kommt gegen 19.30 Uhr bei Frickes Vermieterin ein Telegramm aus Hannover an: "Musste zu einer dringenden Besprechung, konnte Sie leider vorher nicht verständigen. Sollte Friedelinde fragen, so sagen Sie ihr, dass ich sie nach meiner Rückkehr sofort anrufe. Rückkehr vielleicht schon morgen. Fricke." Was als Ablenkung gedacht war, erweist sich als Rohrkrepierer: Denn in der Wohnung hat die Kriminalpolizei Frickes Ausweis gefunden - ohne Papiere aber kann man West-Berlin gar nicht verlassen.

Jetzt ist klar, dass Karl Wilhelm Fricke entführt worden sein muss. Und natürlich wird nun Kurt Maurer befragt, der laut Kalendernotiz der letzte war, mit dem sich der Vermisste getroffen hat. Der ersten Vernehmung folgt nach wenigen Stunden die vorläufige Festnahme; doch ein West-Berliner Richter setzt ihn nach gut 24 Stunden im Gefängnis wieder auf freien Fuß: Während Fricke ohne Anwalt verhört wird, genießt sein Entführer die Segnungen des Rechtsstaates. Kaum entlassen, wendet sich der Spitzel "Fritz" an seine Auftraggeber: "Durch einen vereinbarten Code informierte ich die zuständigen Mitarbeiter. Ich wurde sofort von unseren Genossen in die DDR zurückgerufen", schreibt er Jahrzehnte später.

Die Flucht des Entführers versucht die Stasi zu instrumentalisieren. Die Desinformations-Spezialisten lassen das SED-Blatt "Neues Deutschland" die Flucht des Agenten als Erfolg darstellen: "Am 5. April 1955 kamen Herr Kurt Rittwagen und seine Frau Anne-Maria, beide bisher wohnhaft in West-Berlin, in den demokratischen Sektor von Berlin und stellten sich den Staatsorganen mit der Bitte um Gewährung von Asyl. Herr Rittwagen erklärte, dass er langjähriger Mitarbeiter der Organisation Gehlen in West-Berlin war. Er war als Gewährsmann bei einer Gehlen-Gruppe tätig, die sich mit der Bespitzelung und dem Versuch de Zersetzung der SED, der KPD und anderer fortschrittlicher Organisationen in Westdeutschland und West-Berlin befasst." Rittwagen habe mit der "Agentenorganisation gebrochen", weil er zunehmend bespitzelt, sogar von der Polizei verfolgt worden sei. In derselben Ausgabe der Zeitung steht folgende Notiz zu lesen: "Seit Anfang dieser Woche schlägt die West-Berliner Presse Lärm, weil sich ein gewisser Fricke unabgemeldet aus dem Staube gemacht haben soll." Es wird bis Dezember 1990 das einzige Mal bleiben, dass Frickes Entführung im "Neuen Deutschland" thematisiert wird.

Während sich Oberleutnant Bauer müht, den standhaften Gefangenen in Hohenschönhausen zu brechen, üben sich seine Vorgesetzten in Dementis. Der Sprecher des SfS, Oberst Gustav Borrmann, verkündet auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin am 4. Mai 1955 auf eine entsprechende Korrespondentenfrage, ihm sei "weder der Namen Fricke noch ein Fall Fricke" bekannt. Damit hat sich die DDR festgelegt: Einen Schauprozess kann sie dem Entführten nicht mehr machen. Also bleibt er erst einmal weggesperrt im berüchtigten "U-Boot", dem Zellentrakt in Hohenschönhausen.

Psychofolter im "U-Boot"

Im Keller einer ehemaligen Großküche sind hier 68 Zellen für je einen bis vier Häftlinge gebaut worden. Nur einige davon haben ein Fenster, dann aber mit blinden Scheiben; die anderen sind gleich ganz fensterlos. Die im Durchschnitt sieben Quadratmeter kleinen Zellen sind nur mit einem Kübel und einer einfachen Holzpritsche ausgestattet; die Gefangenen bekommen nichts zu lesen, haben keinerlei Kontakt zur Außenwelt und werden mit einer genau abgestimmten Taktik unter psychischen Druck gesetzt: Alle zwei bis drei Minuten schaut ein Posten durch das Guckloch in der Tür und macht dabei bewusst leise Geräusche: "Die psychische Belastung, die allmählich eintritt, ist enorm. Sie verstärkt sich in dem Maße, wie es dem Gefangenen nicht gelingt, seine Isolation gedanklich zu durchbrechen", erinnert sich Fricke noch Jahrzehnte später.

Doch bei ihm verfängt auch diese Taktik nicht. So kann die Stasi in ihrem Schlussbericht nach 19 Wochen Verhören und Psychofolter nicht mehr festhalten, als sich ihre Offiziere von Anfang an eingeredet haben: "Der Beschuldigte hat (...) unter dem Decknamen ,Student' umfangreiche Verbrechen gegen die Deutsche Demokratische Republik durchgeführt. Als hauptamtlicher Mitarbeiter lieferte er in großem Umfang von ihm gesammeltes Spionagematerial, insbesondere über Institutionen und Dienststellen der DDR, des Zentralkomitees der SED, über die Kasernierte Volkspolizei, und ermöglichte dadurch die Durchführung von Sabotage- und Diversionsakten gegen die DDR." Dafür allerdings hatten weder die Verhöre noch die sonstigen Ermittlungen irgendeinen Beleg ergeben. Zu den Verbrechen, derer die Stasi Karl Wilhelm Fricke ebenfalls "überführt", gehört laut Schlussbericht, "verleumderisches und provokatorisches Material zusammengestellt und seinen Auftraggebern übergeben" sowie "seit 1951 fortgesetzt erlogene und verleumderische Artikel gegen die DDR geschrieben" zu haben. Um allerdings festzustellen, dass Fricke regelmäßig kritische Berichte über die DDR verfasst und durch Kontakte zu den Pressestellen des Gesamtdeutschen Ministeriums, der Freiheitlichen Juristen und der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit auch Material sammelt, hätte man ihn weder entführen noch 19 Wochen lang verhören zu brauchen: Das wäre durch Abonnements der Zeitschrift "SBZ-Archiv" und des "Rheinischen Merkurs" zu erfahren gewesen, einer westdeutschen Wochenzeitung, als deren Korrespondent Fricke die DDR von Berlin aus beobachtete.

Zufrieden ist mit diesem Ermittlungsergebnis auch die SED nicht. Für einen Schauprozess eignet sich das "Belastungsmaterial" nicht, abgesehen davon, dass die Staatssicherheit die Existenz eines "Falles Fricke" ja ganz offiziell dementiert hatte. Während zwischen der DDR-Generalstaatsanwaltschaft, der Stasi und der SED-Zentrale hin und her korrespondiert wird, erträgt Fricke in Hohenschönhausen weiter die routinemäßige Psychofolter. Offiziell bleibt er verschwunden; seine Verlobte, seine Redaktionen und die westdeutsche Öffentlichkeit erfahren kein Wort. Einen Anwalt hat Fricke noch nicht zu Gesicht bekommen - einen frei gewählten Verteidiger aus West-Berlin ohnehin nicht, aber auch keinen Pflichtverteidiger aus der DDR.

Das ZK der SED genehmigt die Anklage

Die wahren Machtverhältnisse in Ostdeutschland legt die Korrespondenz des stellvertretenden Generalstaatsanwalts Bruno Haid mit dem ZK der SED offen. Am 19. April 1956 sendet Haid dem zuständigen "werten Genossen Streit" den Entwurf der Anklageschrift; man werde gegen Karl Wilhelm Fricke eine Zuchthausstrafe von 15 Jahren beantragen: Eine Justizbehörde informiert vorab die Staatspartei über ihr geplantes Vorgehen, mit dem Ziel, es genehmigt zu bekommen. Doch das ist nicht der Fall; Josef Streit ist unzufrieden. Das hat freilich nichts mit den "Ermittlungsergebnissen" gegen Fricke zu tun, sondern mit der politischen Großwetterlage: Wenige Wochen zuvor, auf dem XX. Parteitag der KPdSU in Moskau, hat der sowjetischen Machthaber Nikita Chruschtschow den Personenkult um Stalin gegeißelt und dessen Verbrechen kritisiert. Da scheint den SED-Bonzen, die nach dem Kurswechsel im Kreml die "sozialistische Gesetzlichkeit" beschworen haben, die Verurteilung eines Journalisten zu einer unverhältnismäßig hohen Strafe nicht recht ins Bild zu passen - selbst wenn der Prozess, wie längst festgelegt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden soll. Also reicht ein anderer Staatsanwalt die lediglich um eine Passage gekürzte Anklageschrift erneut beim ZK ein; nun lautet der vorgeschlagene Strafantrag vier Jahre. Das findet die Zustimmung der Genossen.

Vier Tage vor Prozessbeginn lernt Karl Wilhelm Fricke zum ersten Mal seinen Anwalt kennen - Friedrich Wolff. Fricke bittet ihn, die Zulassung West-Berliner Journalisten zum Verfahren zu beantragen. Doch der "Verteidiger" lehnt diese Bitte als "völlig aussichtslos" ab. Wolff weigert sich sogar, die Verschleppung seines Mandanten vor Gericht zur Sprache zu bringen. Angesichts dessen erwartet Fricke nichts Gutes.

Doch die Situation, zu der es dann kommt, hat nicht einmal der mit vielen Absurditäten des SED-Regimes vertraute Journalist erwartet. Der Prozess wird vor dem 1. Strafsenat des Obersten DDR-Gerichts in der Scharnhorststraße eröffnet. Anwesend sind außer den drei Richtern, dem Staatsanwalt, dem "Verteidiger" und dem Angeklagten nur drei Stasi-Wachleute und eine Protokollführerin. Sie verlässt allerdings nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses den Saal, und unmittelbar danach beantragt der Staatsanwalt offiziell Ausschließung der Öffentlichkeit. Doch diesmal spielt der Vorsitzende Richter nicht mit: Nach kurzer Beratungspause lehnt das Gericht den Antrag ab. Die gar nicht anwesende Öffentlichkeit wird also nicht ausgeschlossen, was weder Sinn noch einen Unterschied macht. "Kafka lässt grüßen": Mehr kann Fricke auch 51 Jahre später dazu nicht sagen. Die Protokollführerin kommt übrigens trotz der Nicht-Ausschließung nicht zurück in den Saal - und entsprechend gibt es auch kein Protokoll der Verhandlung.

Ein Urteil aber gibt es. Es fällt nach gerade fünfeinhalb Stunden und entspricht genau dem vom SED-Zentralkomitee abgesegneten Strafantrag: vier Jahre Zuchthaus für Karl Wilhelm Fricke. Grundlage der Verurteilung seien "Verbrechen gegen Artikel 6 der Verfassung der DDR". Zuletzt bemühen sich die Richter, die gerade das Recht gebeugt haben, um den Anschein von Rechtsstaatlichkeit: Sie verfügen, dass die Untersuchungshaft dem Angeklagten angerechnet wird; allerdings muss er die Kosten des Verfahrens tragen.

Der Verurteilte wird zunächst in das Zuchthaus Brandenburg-Görden und nach kurzer Zeit in das Gefängnis Bautzen II verlegt, eine Sonderhaftanstalt unter Kontrolle der Staatssicherheit. 963 Tag sitzt er hier, in Einzelhaft. Erst jetzt erfahren seine Angehörigen, dass er noch am Leben ist und wo er sich befindet - und Fricke erfährt seinerseits, dass auch seine immer noch in Harzgerode (Sachsen-Anhalt) lebende Mutter Edith festgenommen worden ist. Vorgeworfen wird ihr, "im Februar 1955 in West-Berlin die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR verleumdet zu haben" und ebenfalls im freien Teil der Stadt 370 DDR-Mark getauscht und dafür Kleidung "für Dritte" gekauft zu haben. Sie wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt: "Sippenhaft" nennt man derlei. Am 1. November 1956, nachdem sie zwei Drittel ihrer Strafe abgesessen hat, wird Edith Fricke entlassen und flüchtet kurz darauf nach Köln.

Ein "guter Rat" von der Stasi

Ihrem Sohn dagegen wird kein Tag der verhängten Strafe erlassen. Seinen Antrag auf Entlassung nach zwei Dritteln lehnt die DDR-Justiz ab. Zwar sei sein "Verhalten gegenüber den Aufsichtsbeamten gut", schreibt der der Anstaltsleiter von Bautzen II genau am dritten Jahrestag der Entführung. Aber: "Seine Einstellung zum Staat der Arbeiter und Bauern, überhaupt zur DDR ist undurchsichtig." Man hätte es auch klarer sagen können: Karl Wilhelm Fricke bleibt trotz Einzelhaft ein Demokrat und ein Gegner der kommunistischen Diktatur, kompromisslos und konsequent. So bekommt er seinen Entlassungsschein erst am 31. März 1959 - exakt drei Jahre und 364 Tage nach seiner Verschleppung. Bürokratisch korrekt ist auf dem Schein vermerkt, er werde nach Berlin-Steglitz entlassen, an seinen letzten offiziellen Wohnsitz. Die Fahrkarte und fünf DDR-Mark gibt ihm die Stasi noch mit - und einen Rat, dessen es nicht bedurft hätte: "Der Inhaber dieses Entlassungsscheins wurde darüber belehrt, dass er auf der ihm vorgeschriebenen Fahrtstrecke auf kürzestem Weg das Gebiet der DDR zu verlassen hat." In West-Berlin erwarten ihn, wie brieflich vereinbart, seine Verlobte und ein Freund: Nach vier Jahren ist Karl Wilhelm Frickes Odyssee durch die Segnungen des Sozialismus vorüber.

Die Morgenpost-Serie: Wie es war.

In loser Folge werden wichtige Ereignisse, Geschichten oder Tage erzählerisch aufgearbeitet - vor allem aus Sicht der Menschen, die daran beteiligt wurden.