"Rot-Rot ist ein Verbrechen" - SPD entsetzt

Kurz vor der Verleihung der Ehrenbürgerwürde hat der Liedermacher Wolf Biermann scharfe Kritik am rot-roten Senat in Berlin geübt.

Kurz vor der Verleihung der Ehrenbürgerwürde hat der Liedermacher Wolf Biermann scharfe Kritik am rot-roten Senat in Berlin geübt. In einer Gesprächsrunde der "Leipziger Volkszeitung" sagte er, es sei "verbrecherisch, dass die SPD mit der PDS ins Bett geht". Dies werde sich aber zum Glück bald ändern, fügte er hinzu. Das Gespräch fand aus Anlass der Leipziger Buchmesse statt.

Schon jüngst hatte sich der Liedermacher bei einem Auftritt in Potsdam keine Freunde bei SPD und Linkspartei.PDS gemacht, als er nach der Debatte über seine Ehrenbürgerwürde von einer "Provinzposse" sprach. Damals merkte er spöttisch an: "Dass der Wowereit mir die Ehrenbürgerwürde verleiht - das gönne ich ihm!"

Die Berliner SPD reagierte entsetzt und verärgert auf die Leipziger Äußerungen Biermanns. Der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller sagte dieser Zeitung: "Es ist mehr als peinlich, dass sich ein künftiger Ehrenbürger derart im Ton vergreift." Auch der Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Peter Stadtmüller, entrüstete sich: "Das ist eine eindeutige Entgleisung. Von einem künftigen Ehrenbürger müsste man mehr Stil erwarten können."

Dagegen nahm die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth den Liedermacher in Schutz. "Der Umgang mit Wolf Biermann ist beschämend", sagte sie auf dem Grünen-Landesparteitag in Berlin. Er sei ein Künstler, und Künstler müssten anecken, dafür sollte man Verständnis aufbringen. Die Grünen jedenfalls hätten sich in der Debatte um die Ehrenbürgerwürde richtig verhalten. Sie stimmten dafür.

Am Montag soll der Sänger die Ehrenbürgerwürde aus den Händen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) erhalten. Wowereit hatte Vorbehalte gegen die Verleihung, äußerte diese aber nie öffentlich. Nun dürfte er sich bestätigt fühlen.

In der Koalition wird erwartet, dass Wowereit am Montag "in seiner eigenen Art" auf die Aussagen Biermanns eingehen werde. Auch vom Liedermacher selbst könnten erneut kritische Töne zum SPD/PDS-Bündnis geäußert werden.

Den Anstoß zur Ehrenbürgerwürde gab der Parlamentsvizepräsident Uwe Lehmann-Brauns. Der CDU-Politiker hatte dafür die Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, mit ins Boot geholt und auch mit Wowereit gesprochen. Als sich Wowereit aber nicht mehr meldete, ergriff Lehmann-Brauns öffentlich die Initiative. Er suchte sich Verbündete in der Opposition. So trieben CDU, FDP und Grüne die Diskussion voran.

In der Koalition gab es anfangs dagegen noch große Vorbehalte. Zum einen kritisierten die Sozialdemokraten den Stil von Lehmann-Brauns, die öffentliche Auseinandersetzung über eine solche Auszeichnung zu suchen. Zum anderen sahen die Genossen Biermann auch als politisch denkenden Künstler kritisch. Nach längerer Diskussion stimmte die Fraktion letztlich aber doch für den Vorschlag, weil Biermann die Ehrung aufgrund seines Widerstands gegen die DDR-Führung doch verdient habe und man eine Beschädigung der Ehrenbürgerwürde vermeiden wollte.

Die Linkspartei.PDS kritisierte vor allem Biermanns Haltung zum Irak-Krieg, den er für richtig gehalten hatte. Deshalb stimmte die Partei im Parlament als einzige nicht für die Ehrenbürgerwürde, sondern enthielt sich.

Der 70-jährige Wolf Biermann wurde in Hamburg geboren und wohnt auch heute wieder dort. Berühmt wurde er durch seine Langspielplatte Chausseestraße 131, in der er das Leben in der DDR kritisch besang. Auch die Verse über den "Preußischen Ikarus" machten ihn über Berlin hinaus bekannt. Die DDR-Führung nutzte 1976 einen Auftritt Biermanns in Köln, um den Regimekritiker auszubürgern. In der Folge schlossen sich viele Künstler dem kritischen Geist an und verließen die DDR. Für viele Historiker markieren diese Geschehnisse den Anfang vom Ende der DDR.