Im Kreuzfeuer der türkischen Presse

Die Berliner PDS-Abgeordnete Evrim Baba ist in der Türkei unfreiwillig in die Schlagzeilen diverser Tageszeitungen geraten.

Die Berliner PDS-Abgeordnete Evrim Baba ist in der Türkei unfreiwillig in die Schlagzeilen diverser Tageszeitungen geraten. Seit mehr als einer Woche vergeht kaum ein Tag, am dem die 36 Jahre alte Dolmetscherin, die für die Linkspartei seit 1999 im Abgeordnetenhaus sitzt, nicht auf den Titelseiten mehrerer Zeitungen abgebildet ist.

Speziell die eher national orientierte Tageszeitung "Sabah" hat sich auf die aus dem kurdischen Teil der Türkei stammende Frau eingeschossen. Sie wirft ihr in großen Lettern Vaterlandsverrat an der Türkei vor. Andere Blätter, wie etwa die Zeitung "Milliyet", nehmen Evrim Baba gegen diese Anfeindungen in Schutz.

Außenminister lud ein

Auslöser der Medienschlacht am Bosporus war eine offizielle Einladung, die der türkische Außenminister Abdullah Gül an Evrim Baba und 25 weitere türkischstämmige Parlamentarier aus ganz Europa verschickt hatte. Der türkische Spitzenpolitiker wollte mit seinen ehemaligen Landsleuten über den beabsichtigten EU-Beitritt der Türkei und damit einhergehende Probleme debattieren. Prominenteste Gäste des Zwei-Tage-Trips nach Istanbul und Ankara, der am vergangenen Wochenende stattfand, waren der Reiseunternehmer Vural Öger, der die SPD seit 2004 im Europaparlament vertritt, und der grüne Europapolitiker Cem Özdemir.

Die Anfeindungen gegen die Berliner Abgeordnete Baba, die seit 17 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, begründete die Zeitung "Sabah" mit dem Vorwurf, Evrim Baba verleugne in ihren deutschen Ausweispapieren ihre türkische Herkunft. Angeblich, so das Blatt, stehe in Babas Pass unter der Rubrik Geburtsort "Kurdistan".

Pass belegt türkische Herkunft

Die PDS-Politikerin weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Baba: "Das ist eine völlig haltlose Unterstellung. Sowohl in meinem Reisepass als auch in meinem Personalausweis steht wahrheitsgemäß als Geburtsort Varto/Türkei."

In Varto, einem Ort in der Osttürkei, wurde Baba im Februar 1971 geboren. Ihr Vater, damals Hochschuldirektor, wurde wegen seines Engagements als kurdischer Politiker in den 70er-Jahren für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Im Jahr 1981 floh Babas Familie - ihre Eltern und die fünf Kinder - kurz vor dem Militärputsch in der Türkei nach Berlin. Die sieben Flüchtlinge erhielten in Deutschland sofort politisches Asyl. Babas Vater war bis heute nicht ein einziges Mal in seinem Heimatland, aus Angst vor einer erneuten Verhaftung.

Evrim Baba dagegen reist häufig in die Türkei. Rückblickend äußert sie sich sehr zufrieden über ihre jüngste Reise, die auf Einladung des türkischen Außenministers erfolgte: "Ungeachtet der Anfeindungen durch einzelne Zeitungen wurde ich von Herrn Gül sehr herzlich in der Türkei begrüßt. Das Außenministerium kümmerte sich auch intensiv um meine Sicherheit in Istanbul und Ankara."

Zwischen zwei Fronten geraten

Die PDS-Politikerin vermutet, dass sie unbeabsichtigt zwischen zwei zentrale politische Lager in der Türkei geraten ist, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Baba: "Es gibt in der Türkei nationalistische Kräfte, die gegen einen EU-Beitritt und gegen eine Demokratisierung des Landes sind. Diese Kräfte attackieren die türkische Regierung, die sich für den EU-Beitritt einsetzt und für dieses Ziel auch bereit ist, die von der Europäischen Gemeinschaft aufgegebenen Hausaufgaben zu machen." Zu diesen Hausaufgaben gehören die Gewährleistung von Meinungsfreiheit, eine politische Lösung der kurdischen Frage und die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern. Sie selbst, so Baba, unterstütze jene Kräfte, die sich um einen Beitritt zur Europäischen Union und mehr Demokratie bemühen.

Auch nach der Türkei-Reise ebbte die Kampagne gegen Baba nicht ab. Die Zeitung "Sabah" etwa führte eine Umfrage durch, ob "solche Vaterlandsverräter" in die Türkei eingeladen werden sollten. Der Tenor der Antworten war eindeutig - auf keinen Fall dürften Leute wie Evrim Baba von der türkischen Regierung eingeladen und auf VIP-Empfängen hofiert werden.

Aufklärung durch "Milliyet"

Die Berliner PDS-Politikerin legt jedoch Wert auf den Hinweis, dass ihr in der medialen Schlacht auch mehrere türkische Blätter beigestanden haben. Baba: "Die Tageszeitung Milliyet hat ein Faksimile meines deutschen Personalausweises gedruckt und damit den Vorwurf der Zeitung Sabah, ich hätte als Geburtsort Kurdistan angegeben, als Lüge entlarvt."

Die Schlagzeilen in der Türkei verfolgen Evrim Baba inzwischen bis nach Berlin. Baba: "Ich habe eine anonyme Mail bekommen, in der ich bedroht wurde. Der unbekannte Absender schrieb mir, man wisse, wie man mit Leuten wie mir umgehen müsse." Die Berliner PDS-Politikerin vermutet dahinter die versteckte Drohung, ihr könnte es so ergehen, wie dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Der populäre Journalist, der sich stets für Meinungsfreiheit engagiert hatte, war im Januar in der Türkei ermordet worden. Evrim Baba hat nach Erhalt der Droh-Mail die Berliner Polizei eingeschaltet, die jetzt nach dem Absender sucht.