"Gotteskrieger" lebt in Charlottenburg

Im Landratsamt Ulm ist der Ärger noch lange nicht verraucht. Auch das noch: Nichts ließ sich in der Angelegenheit machen, außer zähneknirschend zu zahlen.

Im Landratsamt Ulm ist der Ärger noch lange nicht verraucht. Auch das noch: Nichts ließ sich in der Angelegenheit machen, außer zähneknirschend zu zahlen. Den Grund für den Ärger des Amtes stellte der geplante Umzug des Deutsch-Ägypters Reda Seyam dar, der seinen Wohnsitz bei Ulm aufgab, um nach Berlin zu ziehen. Die Kosten dafür musste die Gemeinde übernehmen.

Das war vor drei Jahren. Seitdem lebt Reda Seyam in Berlin - und beschäftigt die Sicherheitsbehörden. Seyam gilt als Terrorverdächtiger, der nach den Vorstellungen des Generalbundesanwaltes an den Anschlägen auf Bali im Jahr 2002 beteiligt gewesen sein soll, bei denen mehr als 200 Menschen starben. Doch die mittlerweile jahrelangen Ermittlungen haben bislang nicht zu einer Anklage des Islamisten geführt. Seyam streitet jede Beteiligung an den Anschlägen ab.

Der Fernseh-Autor Gert Monheim hat Seyam ein halbes Jahr lang besucht und befragt. Heute strahlt die ARD seine Dokumentation "Der Gotteskrieger und seine Frau" aus (21 Uhr). "Er lebt mit seiner zweiten Frau und sechs Kindern in Charlottenburg", sagt Monheim. In der islamischen Szene gelte der "ehemaliger Bosnien-Kämpfer als Legende". Die Familie lebt von Arbeitslosengeld 2.

Einblick in religiöses Weltbild

In der Dokumentation gibt Seyam Einblicke in seine religiöse Weltsicht. "Er bezeichnet Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban als vorbildlichen islamischen Staat", sagt Monheim, "und hält Steinigungen bei Ehebruch für gerechtfertigt."

Seyam ist einer der schillerndsten und zugleich geheimnisvollsten Muslime in Deutschland. Nach Angaben seiner ersten Ehefrau, Doris Glück, die 2004 ein Buch über ihr Leben mit ihm geschrieben hat, kam er 1987 nach Deutschland, um Mathematik zu studieren. Er habe sie gebeten, ihr beim Verfassen einer Zeitungsanzeige zu helfen, in der er eine deutsche Ehefrau suche. Schließlich habe sie ihn geheiratet. In den folgenden Jahren habe er sich vom liebevollen "Omar-Sharif-Typ" zum Gotteskrieger gewandelt. Glück konvertierte zum Islam, 1994 zog das Ehepaar nach Bosnien, um die Moslems im Bürgerkrieg zu unterstützen. Seine Ehefrau hegte dagegen den Verdacht, dass die Hilfsorganisation, für die er arbeitet, dazu gedient habe, die Mujaheddin mit Geld und Waffen zu versorgen.

Auf Bali verhaftet

Schließlich wurde Seyam vier Wochen vor den Anschlägen auf Bali von dortigen Sicherheitskräften verhaftet. Er soll einer der Drahtzieher des Terroranschlags gewesen sein. Mangels Beweisen wurde er jedoch freigelassen und von Beamten des Bundeskriminalamtes nach Deutschland geholt. Er lebte zunächst in der unter Extremistenverdacht stehenden muslimischen Gemeinde in Neu-Ulm, bevor er nach Berlin zog. Hier lebt er mit seinen sechs Kindern und seiner Ehefrau seitdem unter ständiger Beobachtung der Sicherheitskräfte. Seine zweite Ehefrau stammt aus Albanien und ist die Witwe eines "Märtyrers". Vor dem Amtsgericht Schöneberg setzte die Familie durch, ihr jüngstes Kind "Djihad" zu nennen, dem arabischen Begriff für Gotteskrieg. Nach Informationen dieser Zeitung prüfen die Berliner Sicherheitskreise längst, wie man gegen Seyam vorgehen könne. Es sei bekannt, dass er ein radikaler Islamist sei, heißt es dort. "Wir haben ihn wie andere im Auge", sagte ein Beamter. Eine offizielle Stellungnahme gab es gestern aus der Senatsinnenverwaltung nicht. Über Einzelfälle gebe es generell keine Auskünfte, sagte eine Sprecherin.

Die Berliner Ausländerbehörde hat in den vergangenen drei Jahren zehn Menschen ausgewiesen, bei denen der Verdacht bestand, dass eine Nähe zum Terrorismus besteht. Unter ihnen zwei Imame, die ihre Gemeinde zu radikalem Handeln aufgerufen hatten.

Die Berliner CDU kritisierte den Umgang mit Reda Seyam.

Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Frank Henkel, fragte: "Kann es sein, dass ein mutmaßlicher Terrorist unbehelligt unter uns lebt - zumal wir wissen, dass über 5000 radikale Islamisten in der Stadt wohnen?" Die Union will, dass die Behörden prüfen, ob der Mann tatsächlich staatliche Leistung erhalten kann und ob nicht eine Scheinehe vorliegt. CDU-Innenexperte Peter Trapp geht noch einen Schritt weiter: "Sollte sich herausstellen, dass eine Scheinehe vorliegt, sollte Seyam ausgewiesen werden."