Gemeinsam gegen das Vergessen

Am Anfang stand für Lars Menk die Suche nach der Herkunft des eigenen Namens. Neun Jahre später legte der 45-Jährige ein einzigartiges Lexikon über die Herkunft von 13 000 deutsch-jüdischen Namen vor.

Am Anfang stand für Lars Menk die Suche nach der Herkunft des eigenen Namens. Neun Jahre später legte der 45-Jährige ein einzigartiges Lexikon über die Herkunft von 13 000 deutsch-jüdischen Namen vor. "Das Wichtigste für mich war, denjenigen, die nicht mehr in Deutschland leben, zu ermöglichen, ihre Wurzeln zu finden", erklärt Menk den eigenen Antrieb zu dem beeindruckenden Werk.

Für sein ehrenamtliches Engagement für die deutsch-jüdische Geschichte erhielt Menk gestern Abend zusammen mit vier weiteren Preisträgern den "Obermayer German Jewish History Award". Zum siebten Mal wurde der vom US-amerikanischen Unternehmer Arthur Obermayer gestiftete Preis verliehen, das sechste Mal fand die Würdigung, die anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 verliehen wird, im Berliner Abgeordnetenhaus statt.

Die Jury, darunter der Vorsitzende der Axel-Springer-Stiftung, Ernst Cramer, zeichnete in diesem Jahr fünf Preisträger aus den verschiedensten Gebieten aus. "Jedes Jahr denke ich aufs Neue, dass es dieses Mal die interessantesten sind", sagte Arthur Obermayer gestern im Abgeordnetenhaus. Zwei der Ausgezeichneten stammen aus Berlin. Neben Lars Menk, der hauptberuflich als Briefträger arbeitet, erhielt auch Inge Franken den renommierten Preis. Sie engagiert sich seit 1996 in einer Dialoggruppe, in der sich Kinder von Holocaust-Überlebenden mit Nachfahren von Nazis treffen. "Ich komme von der Naziseite", sagt Franken. "Man trägt an einer schweren Last, die sehr viel leichter wird, wenn man sagen kann: Ja, meine Eltern gehörten zu den Tätern." Seit ihrer Pensionierung vor 15 Jahren hilft die Lehrerin Menschen, über ihre eigene Vergangenheit zu sprechen. "Wenn wir gemeinsam weinen können, können wir auch gemeinsam lachen."

Gemeinsam besuchen die Mitglieder der Gesprächsrunde Schulen und wollen die Schüler anregen, sich für ihre Herkunft zu interessieren. Bei ihren Schulbesuchen stößt Franken dabei nicht nur auf Zustimmung, sondern teilweise auch auf offene Ablehnung, was die engagierte Berlinerin jedoch nicht abschreckt. Im Gegenteil: "Ich gehe gern zu rechtsgerichteten Schülern, denn sie brauchen die Auseinandersetzung am meisten", sagt sie. Außerdem hat Franken ein Buch über das vergessene jüdische Kinderheim an der Fehrbelliner Straße 92 in Prenzlauer Berg geschrieben. In dem Gebäude trifft sich die Gesprächsrunde regelmäßig.

Der Obermayer-Award gilt als einer der renommiertesten Ehrungen für das Bewahren deutsch-jüdischer Geschichte. Alle Nominierten werden von Juden vorgeschlagen. Die Jury wählt dann die Preisträger aus. "Jeder von ihnen hat Herausragendes für die Bewahrung der Geschichte geleistet", sagte der Stifter Arthur Obermayer anlässlich der Verleihung, die am Abend im Preußischen Landtag mit einem Festakt begangen wurde.

Neben den beiden Berlinern Menk und Franken erhielt der gebürtige Italiener Johannes Bruno die Auszeichnung für seine Arbeiten über die Jüdische Gemeinde in Speyer, Ernst Schäll aus Laupheim restauriert seit 20 Jahren die Grabmale auf dem jüdischen Friedhof seines Heimatdorfes, und Wilfried Weinke ist seit 15 Jahren damit beschäftigt, vergessene jüdische Geschichte in Hamburg zu entdecken und zu bewahren.

In ihrer Festrede würdigte die Direktorin des Berliner Büros des American Jewish Committee, Deidre Berger, die Preisträger und den Stifter. Arthur Obermayers Auszeichnung zeige, was ein Einzelner für das deutsch-jüdische Zusammenleben leisten könne. Gerade in Zeiten schwindenden Bewusstseins der deutsch-jüdischen Geschichte sei das Engagement wichtig, sagte Berger. Parlamentspräsident und Jurymitglied Walter Momper bezeichnete es als Ehre, dass der Preis nun zum 6. Mal im Berliner Abgeordnetenhaus verliehen werde.