"Denken und Gefühle werden ausgeschaltet"

Wilfried Handl gilt als einer der ranghöchsten Scientology-Aussteiger in Europa. Er kennt die Organisation bis in kleinste Verästelungen.

Wilfried Handl gilt als einer der ranghöchsten Scientology-Aussteiger in Europa. Er kennt die Organisation bis in kleinste Verästelungen. Und er kennt ihre Vorgehensweisen. 2002 stieg er aus. Nach 28 Jahren Mitgliedschaft in dem umstrittenen Verein, der sich selbst als Kirche bezeichnet, vor dem Fachleute hingegen als Sekte warnen, zählt Handl heute zu den schärfsten Kritikern.

Lebensformen wie in der Kommune

Sein Fazit: "Bei Scientology ordnet man sein Denken dem Ziel unter und verliert jeden gesunden Menschenverstand. Illegale Praktiken sind nicht nachzuweisen, aber die gesetzlichen Grauzonen wurden bis ins letzte Detail ausgenutzt." Durch Übungen werde jegliches Gefühl abtrainiert, auch die Fähigkeit zu reflektieren: "Man sollte nicht nachdenken, sondern funktionieren." In wenigen Tagen wird der gebürtige Wiener 53 Jahre alt. Sein Optimismus und die Lebenslust, die ihn in der Hippie-Zeit zu Scientology brachten, sind ungebrochen. Trotz eines schweren Krebsleidens, das er, wie es scheint, gut überstanden hat.

Er erinnert sich, wie alles anfing. 1974 - im Alter von 20 Jahren - kam er zur gerade gegründeten österreichischen Scientology-Gruppe. "Eine Freundin verschwand dreimal die Woche abends und wollte mir erst nicht sagen, wohin. Doch dann hat sie mich mitgenommen." Während sie nach wenigen Monaten die Kurve kriegte, blieb Handl bei Scientology hängen. Die Stimmung in der großen angemieteten Wohnung an der Mariahilfer Straße sei toll gewesen, die Hälfte der Mitglieder sei Künstler gewesen. Alternative Lebensformen wie in einer Kommune, in der auch die freie Liebe kein Tabu war, gefielen dem lebenslustigen jungen Wiener. "Der Aspekt der Frauen war nicht unwesentlich. Das Ambiente war wirklich locker. Bei uns gingen interessante Leute ein und aus. So gab Jazzmusiker Chick Corea ein Konzert in Wien und kam anschließend bei uns vorbei."

Aschenbrecher angebrüllt

Als Neuling habe er mit einem kleinen Kursus begonnen, harmlos, durchaus mit Aha-Erlebnissen über philosophische Erläuterungen, auch nicht teuer, für umgerechnet etwa 25 Euro. Der zweite Kursus zum Thema Kommunikation, 100 Euro, sei da schon anders gewesen. "Da wurden Aschenbecher angebrüllt, und man schaute sich stundenlang in die Augen. Heute", das weiß Handl aus Berichten von Mitgliedern, "muss man zwei Stunden jemanden anschauen und darf mit keiner Wimper zucken, sonst geht es von vorn los. Da sitzt so mancher mit rotgeränderten Augen nächtelang. Zudem werden diese Kurse jetzt per Video aufgenommen." Ziel der Übung sei gewesen, alles Individuelle abzutrainieren. "Das Emotionale wurde komplett abgeschaltet", weiß Handl. Nach der Lehre von Scientology-Gründer Hubbard soll der Mensch schließlich wie "eine perfekte Maschine, gut geölt, kraftvoll, schimmernd und imstande, all ihre eigenen Funktionen ohne jede weitere Wartung abzustimmen und zu steuern", sein (Dianetik, 2003, Seite 337). "Um die Kurse und späteren 12,5-Stunden-Blöcke (bis zu 7000 Euro) zu bezahlen, habe ich mich - wie viele andere Anhänger auch - bis zum Abwinken verschuldet. Zu einem Spielsüchtigen gab es keinen Unterschied", sagt Handl.

Sein Einstieg blieb zunächst ein kurzes Gastspiel. Handl wurde nach nur knapp einem Jahr rausgeworfen, weil er bei einer kommunistischen Splittergruppe war und gegen Vietnam demonstriert hatte. "So etwas war bei Scientology verpönt wie Schwulsein. Auch Journalisten und Richter waren nicht erwünscht. Scientology wehrte sich dagegen, dass andere sie untersuchen." "Potenzielle Schwierigkeitsverursacher" (PTS) seien auch Eltern oder Geschwister. Hier werde nach dem Muster "handle or disconnect" (handhabe sie oder trenne dich) verfahren.

In stundenlangen Gesprächen durchleuchtet

Handl, der nach Pflichtschule und einer unabgeschlossenen dreijährigen Lehre als Großhandelskaufmann ("die habe ich nur gemacht, weil Großmutter es wünschte") sich finanziell mit kleinen Jobs und größeren Zuwendungen netter Freundinnen über Wasser hielt, wollte nach seinem Rausschmiss zurück. Nachdem er 1979 "von vorn bis hinten in stundenlangen Verhören durchleuchtet" worden sei, erhielt er das Okay, wieder dabei sein zu können. Die Kontakte zu Scientology-Freunden waren ohnehin nie abgebrochen. Deshalb spricht Handl auch heute von 28 Jahren Mitgliedschaft. Handl muss 1979 in den stundenlangen Gesprächen ausgesprochen überzeugend gewesen sein, denn er wurde nach eigenen Angaben gleich Leitender Direktor von Scientology-Österreich mit der Zentrale in Wien und hatte diese Funktion bis 1983.

Offen bekennt er heute, nicht nur Opfer, sondern auch Täter gewesen zu sein: "Ich habe auch Leute aufspüren lassen, die abtrünnig waren. Oder ich habe sie so unter Druck gesetzt, dass sie zahlten. Macht und Geld waren bei Scientology das Wichtigste." Der Kontakt zur Außenwelt, zu Familie und Freunden, wurde zunehmend weniger. Viel verdient habe er trotz der Geschäftsführer-Tätigkeit aber nicht. "Ich habe das System als modernes Sklaventum empfunden. Man lebte mit umgerechnet 30 Euro in der Woche, deshalb jobbten viele nebenbei. Das ganze Geld, das reinkam, floss nach Los Angeles." Dort ist die Zentrale von Scientology.

Kein Kontakt zu zwei Kindern

Im Jahr 1984 wurde sein ältester Sohn geboren, der heute noch bei ihm lebt. Um die Familie über die Runden zu bringen, machte Handl sich als Grafiker mit eigener Werbeagentur selbstständig. Seine ehemalige Frau und die Mutter seiner drei Söhne lebt heute in Amerika mit den zwei jüngsten Kindern, die 1987 und 1992 geboren wurden. Er hatte die Frau bei Scientology kennen gelernt. Wie er weiß, ist sie noch immer Mitglied in der Organisation, arbeitet aber nicht mehr mit. Sie sei, sagt Handl, wieder mit einem Scientologen liiert. Zu seinen jüngeren Kindern hat er keinen Kontakt.

2001 hatte sich das Paar scheiden lassen. Handl sagt heute: "Ohne Scientology hätten wir eine bessere Chance gehabt." Die Liebe sei bei den Scientologen anders als normalerweise: "Damals wurde alles automatisiert. Einmal die Woche war Kuschelzeit mit Sex vorgesehen. Es gab keine natürlichen sozialen Kontakte. Die Kinder wuchsen automatisch mit diesem Bild vom Menschen auf."

Eine andere Frau, seine einstige Jugendfreundin, die er 30 Jahre nicht gesehen hatte, holte ihn schließlich bei Scientology raus. Da sie ihn noch als jungen Menschen kannte, fiel ihr seine psychische Veränderung sofort auf. Auslöser seines Ausstiegs waren Krebswucherungen, die sich ab 2001 in Lunge, Bauch, Nieren und Kopf ausgebreitet hatten, die Ärzte konnten ihm kaum Hoffnung machen. Aber die Krankheit zwang ihn nachzudenken. Nach Scientology-Lehre steckt hinter jeder Krankheit das eigene böse Tun, sonst wäre man nicht krank. Dabei dachte Handl doch, "clear", unbesiegbar und unsterblich zu sein. "Es machte klick. Unsere wieder aufflackernde Liebe sorgte für die radikale Abnabelung."

Der Sohn war geschockt

Sein ältester Sohn (22) war schockiert, nachdem er das von seinem Vater geschriebene Buch "Scientology: Wahn und Wirklichkeit. 28 Jahre in einer Psychosekte" gelesen hatte. Handl hatte tagebuchartig seine Erlebnisse bei Scientology aufgeschrieben und anschließend als Buch herausgebracht. Nun will er zwei weitere Bücher schreiben, um aufzuklären. In einem soll es um das Thema "Kindheit bei Scientology" gehen.