Scharouns Mann fürs Künstlerische

Berlin ist die Hauptstadt der Architekten. In großen Büros oder in kleinen Teams arbeiten Planer, die das Gesicht unserer Stadt prägen.

Berlin ist die Hauptstadt der Architekten. In großen Büros oder in kleinen Teams arbeiten Planer, die das Gesicht unserer Stadt prägen. Die Morgenpost-Serie präsentiert einige der herausragenden Architekten der Stadt - heute stellen wir Edgar Wisniewski vor.

Er eilt im wehenden Mantel, mit Büchern und Plänen bepackt, über den Parkplatz. Edgar Wiesniewski kommt pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt beim Pförtner des Kammermusiksaals. Der Architekt hat schon alles geregelt. "Wir können nachher mit dem Fotografen in den Saal gehen", begrüßt uns der 76-Jährige und führt uns ins Foyer. Er habe ein paar Pläne mitgebracht, sagt er, legt die riesige Rolle aber zunächst beiseite. Wir setzen uns an einen der Tische, im Hintergrund surrt leise ein Staubsauger. Es ist kühl heute Morgen in dem menschenleeren Foyer, das am Abend belebt wird von Musikliebhabern.

Auch Edgar Wisniewski, der den Kammermusiksaal nach einer Ideenskizze Hans Scharouns (1893-1972) von 1984 bis 1987 geplant und realisiert hat, ist ein Musikliebhaber und -kenner. Das war für ihn als jungen Architekten auch ein "riesiges Plus" in der Zusammenarbeit mit Scharoun, wie er betont: "Ich war sein Mann für die künstlerischen Dinge."

Schon als Architekturstudent habe er während langweiliger Vorlesungen die eine oder andere Partitur gelesen. Den Vorträgen seines späteren Partners Scharoun, der an der TU Berlin Städtebau lehrte, folgte Wisniewski jedoch gebannt: "Scharoun war geistig sehr anspruchsvoll". Er habe ihn bewundert, doch nie "wie andere Studenten bedingungslos an seinen Lippen gehangen".

Nach dem Diplom arbeitete Wisniewski mit Scharoun in dessen letzten 15 Lebensjahren zusammen: "Wir bildeten faktisch seit den Planungen für die Philharmonie 1957 von Anfang an eine Arbeitsgemeinschaft, die auf Wunsch von Scharoun in seinem letzten Lebensjahr 1972 dann auch juristisch festgelegt wurde." Doch noch heute muss Wisniewski darum kämpfen, dass seine Urheberschaft an der 1978 eröffneten Staatsbibliothek anerkannt wird.

Scharoun sagte: Machen Sie mal!

"Als ein Jahr nach der Philharmonie-Eröffnung 1964 der Wettbewerb für die Staatsbibliothek anstand, kam Scharoun zu mir und sagte nur: ,Na, dann machen Sie mal!' Damit hatte ich diesen Brocken am Hals". Und Wiesniewski machte: "Ich habe die Staatsbibliothek geplant und realisiert", betont der Wahlberliner, dem Vollendung und Weiterentwicklung des Kulturforums in Scharouns Sinne zur Lebensaufgabe wurde.

"Es ist ein ewiger Kampf", sagt Wisniewski. Damit meint er nicht nur den aktuellen Kampf gegen den umstrittenen Masterplan von Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD), "der Scharouns Stadtlandschaft mit seiner Blockrandbebauung verhindern will". Wisniewski denkt bei Kampf auch an die Überwindung der bereits 1957 starken Widerstände gegen den Bau der Philharmonie.

Den Spruch "Philharmonie, nie!" habe er noch heute in den Ohren. Es gab damals viele, die die Realisierung des weltweit beachteten und richtungsweisenden Bauwerks verhindern wollten. "Hätte Karajan damals nicht damit gedroht, die Philharmoniker zu verlassen, wenn nicht genau diese Philharmonie gebaut werde, wäre der umstrittene Entwurf wohl nie realisiert worden", erinnert sich Wisniewski. "Ein Konzertsaal mit der Musik im Mittelpunkt war neu, so etwas gab es damals noch nicht", sagt der Planer mit einem leichten Anflug von Stolz in der Stimme. Schließlich oblag dem damals jungen Architekten die gesamte künstlerische Leitung für "diesen demokratischen Bau mit einem Raum ohne Ränge". Die Philharmonie sei von innen aus der Funktion des Raumes heraus entwickelt worden, erläutert Wisniewski das Konzept der "organhaften Architektur", die er bei Scharoun gelernt und später weiter entwickelt hat.

Rettung aus dem Kellerloch

Baukunst und Musik prägten schon die Kindheit von Wisniewski. "Mein Vater war freier Architekt, meine Mutter Pianistin", berichtet er. Geboren in Stolp, "dem kleinen Paris Pommerns", lebte die Familie bis zur Flucht zunächst in "dem von meinem Vater gebauten Haus". Nur einem Zufall verdanke er sein Überleben damals, erinnert sich der weißhaarige Architekt. "Die Russen hatten mich schon geholt und mit anderen in ein dunkles Kellerloch gepfercht, als ein Dolmetscher kam und sagte, ich sei Pole." Der polnische Name war die Rettung, der damals 15-Jährige musste nicht wie die festgehaltenen jungen Deutschen als Zwangsarbeiter in den Ural. "Ich hatte Glück und durfte wieder nach Hause", erinnert er sich. Kurz darauf flüchtet die Familie nach Berlin.

Dass er sich dort 1950 nicht für die Musik, sondern für ein Architekturstudium entschied, begründet Wisniewski rückblickend recht nüchtern: "Es war die vernünftigere Lösung, weil die Architektur mir damals beruflich weniger risikoreich erschien als die Musik."

Ob es ihn nicht auch frustriere, immer im Schatten Scharouns zu stehen? Wiesniewski zögert kurz, dann antwortet er bedächtig: "Es war eine tolle Chance für mich, dass ich mit Scharoun arbeiten durfte. Meine eigentliche Leistung ist, dass ich nach Scharoun das organhafte Bauen weitergebracht und daraus die städtebauliche Struktur der Stadtlandschaft fortgeführt habe. Angefangen mit der Staatsbibliothek bis hin zum Kammermusiksaal. Jetzt fehlt nur noch die Realisierung des zentralen Gebäudes, des Künstlergästehauses."

Zu den Plänen für sein ökologisches Wohnungsbauprojekt in Schlachtensee sind wir nicht mehr gekommen. "Das Kulturforum geht vor", sagt Wisniewski, packt seine Rolle und geht.

Die Serie im Internet: www.morgenpost.de/architekten