Die einsamen Stunden von Eisbär Troll

| Lesedauer: 3 Minuten

Mit der Frau ist das Leben anstrengend, aber ohne sie? In den ersten Tagen seines Alleinseins konnte Eisbär Troll das Junggesellendasein noch genießen.

Mit der Frau ist das Leben anstrengend, aber ohne sie? In den ersten Tagen seines Alleinseins konnte Eisbär Troll das Junggesellendasein noch genießen. Hat sich allein auf der Außenanlage im Tierpark herumgetrieben, gepennt bis in die Puppen, Futter liegengelassen. War ja keiner da, der ihn gestört oder ihm die Leckerbissen streitig gemacht hätte. Aber jetzt ist Aika schon ganz schön lange weg. Seit Mitte Oktober, um genau zu sein. Da zog die Dame ins Winterquartier, wo von ihr nichts zu hören oder zu riechen ist. Und Troll verlottert. Lässt sich hängen, langweilt sich. Und dass moosgrüne und erdbraune Flecken sein helles Fell zieren, das kümmert ihn überhaupt nicht.

Jedes Jahr geht das so. In der Wildnis ziehen sich die Bärenweibchen zum Gebären zurück. Im Tierpark wird Aika ebenfalls eine Höhle angeboten, obwohl sie mit ihren 25 Jahren für Nachwuchs inzwischen zu alt ist. "Das wird wohl nichts mehr", sagt Tierpfleger Detlef Balkow. Seit mehr als zwanzig Jahren kümmert er sich um die Bären in Friedrichsfelde. Seinen Tieren kann er die Laune an der Schnauze ansehen. Und wie geht es Aika? "Prima. Die macht keine Anstalten, nach draußen zu kommen", sagt er. Sie genießt den mehrwöchigen Urlaub vom Mann und sammelt Kraft für den Frühling. Der beginnt bei Eisbären schon sehr früh, sollten die Temperaturen so mild bleiben sogar schon im Januar. Dann werden die Tiere wieder zusammengelassen und die Paarungszeit beginnt. Das Problem dabei: Der fünf Jahre jüngere Troll freut sich und bedrängt das Weibchen, Bärenomi Aika dagegen will ihre Ruhe haben und wehrt sich nach Kräften. Bei Troll, eher ein Softie als ein Macho, kommt sie damit durch. "Die Situation ist verfahren", sagt der Tierpfleger. Es fehlt ein jüngeres Weibchen für den starken Kerl, aber es gibt weltweit nur wenige Eisbärinnen.

Dazu kommt, dass er mit seinem momentanen Aussehen nicht viel hermacht. Das liegt aber auch daran, dass der Gute - man mag es kaum glauben - wasserscheu ist. Selbst die weichen Toastbrotscheiben, ein echtes Bären-Leckerli, können ihn nicht ins Wasser locken. Eisern bleibt Troll am Wasserrand stehen, wirft begehrliche Blicke auf das treibende Brot und versucht höchstens, es sich mit der Pranke zu angeln. "Wenn wir Troll umsperren müssen, geht das ganz leicht, indem wir den Wasserschlauch rausholen und ihn anspritzen", erzählt Detlef Balkow. Gut lässt sich Trolls Angst vorm Nass auch beobachten, wenn das Wasser im Graben gefroren ist. Dann traut er sich zwar aufs Eis, achtet aber auf jeden Riss. Und wenn es ihm zu doll knackt, "ist er schneller runter, als wir ihm hinterhergucken können", so der Tierpfleger. Der 51-Jährige holt aus und wirft noch einen Toast ins Wasser. "Na, komm schon. Hols dir!" Aber Troll bleibt, wo er ist. Das mag am Wasser liegen, vielleicht hat er aber auch noch nicht vergessen, wie er in der vergangenen Woche hinters Licht geführt wurde. "Er liebt Melonen, und ich habe einen kleinen Kürbis ins Wasser geworfen", sagt Detlef Balkow. Die Enttäuschung war groß, als Troll sich ins Wasser getraut und den Kürbis enttarnt hatte.

von Sylke Heun