Ausstellung

Wie Neid und Gier jüdische Läden in Berlin zerstörten

Geradezu "erbittert" werde in der Potsdamer Straße geschimpft, berichtete ein Informant der Exil-SPD Mitte November 1938 an seine Parteioberen.

In Geschäftsstraßen Berlins waren in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen, oft auch die Auslagen und Lagerbestände geplündert worden. Darüber, so der Informant, sei die Berliner Bevölkerung sehr erbost.

Zerstört wurden in jener Nacht auch die Briefmarkenhandlung Viktor Weiß und das Schneidergeschäft "Herr und Dame", beide in der Potsdamer Straße 12 (heute Hotel Hyatt) gelegen. Eines der nur wenigen überlieferten Fotos von den Verwüstungen jüdischer Läden in Berlin zeigt am Morgen danach zwei Frauen, die vor dem Schneiderladen die Scherben aufkehren. Ein Mann im Mantel schaut offenbar ungläubig auf die zerstörte Scheibe der geschlossenen Briefmarkenhandlung. Von "erbittertem" Schimpfen zeigt dieses Foto allerdings nichts, eher von Teilnahmslosigkeit. Auch viele andere Indizien weisen darauf hin, dass es sich bei der Wahrnehmung des SPD-Vertrauensmannes eher um Wunschdenken handelte.

Gestern Abend wurde im Foyer der Humboldt-Universität Unter den Linden die kleine, aber sehenswerte Ausstellung "Verraten und verkauft" zum Schicksal jüdischer Geschäfte in Hitlers Berlin eröffnet. Umgeben sind die 16 Ausstellungstafeln von bekannten Bildern zum Thema Judenverfolgung in Berlin - vom reichsweiten Boykott am 1. April 1933, von den häufig mit der sogenannten Reichskristallnacht verwechselten Ausschreitungen im Juni 1938 und eben auch Bildern von den Novemberpogromen. Immer hat das Ausstellungsteam vom Aktiven Museum e. V. und vom Lehrstuhl für Zeitgeschichte der HU kleine Bilder des heutigen Gebäudes danebengestellt. Erst so wird das damalige Geschehen heute nachvollziehbar.

Die Bildikonen bilden den Rahmen für 16 sehr verschiedene Geschichten einzelner Firmen, einigen von bisher 5600 Geschäften, die nach den Kriterien des NS-Rassenwahns in "jüdischer" Hand waren. Insgesamt gehen die Ausstellungsmacher um Christoph Kreutzmüller und Kaspar Nürnberg von gut 9000 "jüdischen" Geschäften aus.

Die Beispiele zeigen deutlich, wie die Verdrängung der Minderheit aus dem Wirtschaftsleben schon lange vor der Pogromnacht begann. Zum Beispiel beim Cafe Wien und dem daruntergelegenen Zigeunerkeller, zwei beliebten Etablissements am Kurfürstendamm 26. Noch in den 30er-Jahren beschäftigte Inhaber Karl Kutschera 154 Angestellte - doch im Oktober 1936 trat das Hetzblatt "Der Stürmer" eine Kampagne los, in deren Verlauf die Geschäfte an die "Arier" Josef Stüber und Ernst Krüger verpachtet wurden. Manches spricht dafür, dass Stüber die Kampagne angestoßen hatte, von der er profitierte. Kutschera wurde nach Theresienstadt deportiert, seine beiden Kinder in Auschwitz ermordet.

Die Glas- und Kristallhandlung Fröhlich & Pelz in der Kreuzberger Ritterstraße war ein erfolgreiches Handelsgeschäft. Doch im Juli 1938, Monate vor der "Kristallnacht", warf Mitinhaber Kurt Pelz seinen jüdischen Partner Moritz Fröhlich entschädigungslos hinaus. Umgehend wurde der Eintrag im Adressbuch geändert. Mit viel Glück konnte die Familie Fröhlich Ende April 1939 emigrieren, doch Vater Moritz schaffte nie wieder den Neuanfang. Sein damals 16 Jahre alter Sohn dagegen wurde unter dem Namen Peter Gay einer der bekanntesten US-Historiker.

Nicht nur Partner konnten jüdischen Geschäften gefährlich werden. Auch die "arische" Konkurrenz gierte geradezu danach, die antisemitischen Gesetze auszunutzen. Dafür steht in der Ausstellung exemplarisch die Butterhandlung Gebrüder Weinberger in der Brunnenstraße 188/190 (heute Sitz der Senatskulturverwaltung). Konkurrenten bekamen von der NS-Organisation "Deutsche Arbeitsfront" das Angebot, die Kontingente der Butterhandlung zu übernehmen - einfach so. Einzige Bedingung: Die jüdischen Angestellten der Weinbergers sollten nicht weiterbeschäftigt werden. So geschah es: Berliner größter Buttervertrieb ging unter - zwei Jahre vor der "Kristallnacht".

Foyer der HU, Unter den Linden. Bis 29. November, Montag bis Freitag 9-21 Uhr, Sonnabend 9 bis 17 Uhr.