Berlins neuer Vorort: Istanbul

Erci Ergün hat seiner Geburtsstadt Berlin vor einem Jahr den Rücken gekehrt. Der 32-jährige Musikproduzent und Rapper lebt in Istanbul.

Erci Ergün hat seiner Geburtsstadt Berlin vor einem Jahr den Rücken gekehrt. Der 32-jährige Musikproduzent und Rapper lebt in Istanbul. Auch die Sängerin Aziza A. ist an den Bosporus gezogen - für viele, auch nicht ausschließlich türkischstämmige Berliner, hat die Metropole eine große Anziehungskraft. Darüber, wie sie in einer der ältesten Städte der Welt mit ihren großartigen Bauwerken an der Meerenge zwischen Europa und Kleinasien leben, berichtet in den nächsten Tagen Radio Multikulti täglich vier Stunden live. Es wird um Kunst und Kultur, Alltag und Religion, Nahverkehr und Spielplätze gehen - eben um alles, was die Bewohner einer Großstadt interessiert.

"Unser Bild von der Türkei war geprägt von den türkischen Migranten in Kreuzberg", sagt Multikulti-Chefredakteurin Ilona Marenbach. Am Montag ist sie nach Istanbul geflogen, bereits im Mai war sie zum ersten Mal zu einer Recherchereise vor Ort. Inzwischen scheine es eine umgekehrte Migrationswelle zu geben. Die Aus- und Rückwanderer hätten von dem Gefühl geschwärmt, in der innovativen Stadt schnell und kreativ etwas Eigenes aufbauen zu können.

Fasziniert war Ilona Marenbach bei ihrem ersten Besuch in Istanbul von der Unkompliziertheit ihrer Gesprächspartner. "Ich wollte mit deutscher Gründlichkeit immer weit ausholen, alles bis ins Detail klären. Und war dann ganz erstaunt, dass innerhalb von fünf Minuten alles klar war", erzählt sie. Verträge waren nicht nötig. Der Bürgermeister des asiatischen Teils der Stadt lud zwei Mulitklulti-Hörer ein - seit Sonnabend sind die beiden Prenzelberger in Istanbul und werden in den Sendungen ihre Einsichten aus der Ferne schildern.

Istanbul und Berlin sind seid 1998 Partnerstädte. Seit kurzem gibt es ein Netzwerk Berlin-Istanbul, das die partnerschaftlichen Bindungen auch mit Inhalten füllen soll. Der gesamte Vorstand tagt derzeit - wer hätte es gedacht - in Istanbul.

Zwei Airlines verbinden die beiden Städte. 80 Prozent Auslastung - das berichtet der Low-Cost-Carrier Germanwings, der Istanbul seit dem 5. Juni 2006 im Sommer vier Mal und im Winter zwei Mal wöchentlich anfliegt. "Istanbul gehört ganz klar zu den Trendstädten, die verstärkt junge Menschen anzieht", sagt Germanwings-Sprecher Heinz Joachim Schöttes.

Erci Ergün hat vor einem Jahr ein One-way-Ticket gekauft. 1973 wurde er in Reinickendorf geboren, sein Abitur machte er dort am Friedrich-Engels-Gymnasium und studierte drei Semester Politik.

1995 wurde er mit der ersten türkischen Rap-Formation "Cartel" bekannt, arbeitete unter anderen mit Peter Maffay zusammen und moderierte bei Kiss FM und später bei Radio Multikulti. "In Berlin war ich ratlos, und hatte das Gefühl: "Ich werde nicht mehr gebraucht'", sagt Erci. Er hätte weitermachen können wie bisher. "Mit nichts Zeit verschwenden." Doch er entschied sich anders.

"Ich spreche türkisch und habe einen Bezug zur Kultur", sagt er. Das habe seine Entscheidung für die Türkei leicht gemacht. "Meine Familie stammt aus einem Ort anderthalb Stunden von hier entfernt und hat eine Wohnung in Istanbul. Diese Stadt ist ein ganz eigener Film. Hier sind Medien- und Musikszene", schwärmt Erci.

In Istanbul sei das Leben nicht unbedingt preiswerter. "Dafür greifen familiäre Strukturen. Die Familie ist der Staat", erzählt der 32-Jährige. Gefühle werden intensiver gelebt, alles ist ein bisschen extremer. "Für die Türken bin ich der Deutschländer. Wir gelten als ein wenig trottelig, weil wir den Überlebenskampf hier nicht kennen", beschreibt Erci seinen Status am Bosporus. "Aber das ist auch immer liebevoll und ironisch gemeint."

Zwei Mal war er seitdem in Berlin. "Ick bin een Berlina und dit für imma", kalauert er sehr überzeugend. Die Berliner Luft fehlt ihm, das Joggen im Schlosspark in Charlottenburg, wo er zuletzt in Berlin gewohnt hat. "Hier laufe ich am Meer entlang, das ist auch schön, aber eben anders." Im Bus hat Erci neulich jemanden getroffen, den er vom Fußballspielen in Berlin kannte. "Es war schon witzig, über Orte zu sprechen, die wir beide so gut in Erinnerung haben", erzählt er.

Erci Ergün ist froh, "aus zwei Töpfen schöpfen zu können". Seine Entscheidung, nach Istanbul zu gehen, hat er nicht bereut. Auch, wenn es "bestimmt noch ein Jahr" dauern wird, bis er auch wirklich in seiner anderen Heimat, in der das Leben nicht an ihm vorbeizieht, angekommen ist. "Ich werde immer in beiden Ländern sein. Und versuchen, mit meinen Songs Brücken zu bauen."