Serie: Das ist Berlin

Das Dorf der guten Nachbarn

| Lesedauer: 8 Minuten
Nicole Dolif

Heute: Britz - Aus dem Gutshof wird ein Kulturzentrum, aus den alten Arbeiterhäusern ein begehrtes Wohnquartier für Neu-Berliner

Britz ist schön. Mit seinen großen Grünflächen zwischen den Häusern, den japanischen Kirschbäumen an den Straßen. Aber Prominente oder gar die First Lady finden den Weg nur selten in diesen Ortsteil in Berlins Süden. Das war einst ganz anders. Um 1900 machte sich die Kaiserin Auguste Viktoria jedes Jahr persönlich auf nach Britz - zum Rosenschneiden. Denn für diese edle Blume war Britz berühmt.

Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Die Felder im Bereich der Mohriner Allee, auf denen die Rosen wuchsen, sind zugebaut. Nur der Rosengarten auf dem ehemaligen Bundesgartenschau-Gelände erinnert noch an die Zeit, als Britz eine europäische Hochburg der Rosenzüchtung war. Vergessen ist die Blume dennoch nicht. Drei Rosen zieren das Wappen des Britzer Bürgervereins. Und drei Stoffrosen stecken auch in der Vase auf dem Schreibtisch von Gero Striek (65), dem Vereinsvorsitzenden.

Deckenhoch stapelt sich die Britzer Geschichte im Büro von Gero Striek. Doch mit einem Handgriff zieht er den passenden Ordner mit alten Aufnahmen aus dem Regal. Blühende Rosenfelder am Tempelhofer Weg um 1900, ein Plakat vom Rosenfest aus dem Jahr 1929, mit Rosen geschmückte Fahrzeuge und die Blumenkönigin aus dem Jahr 1957. "Selbst der Zar hat in Britz Rosen bestellt", sagt Striek. "Die wurden dann mit dem Zug nach Russland gebracht."

Seit 30 Jahren im Bürgerverein

Als Zehnjähriger ist Gero Striek mit seinen Eltern nach Neukölln gezogen. Er war auf der Rütli-Schule, "die damals noch ganz normal war". Als junger Mann hat er dann einmal kurz in der Gropiusstadt gewohnt. In einem Hochhaus in der 20. Etage. Dann ist er in die Hufeisensiedlung gezogen. Und dort hat er bis vor Kurzem gewohnt, mehr als 30 Jahre lang. Fast ebenso lang ist er auch schon im Bürgerverein aktiv. Es interessiert ihn, wie Britz früher ausgesehen hat. Welche Feste gefeiert wurden und wie die Menschen gelebt haben. Fast alle Geschichten über Britz hat Gero Striek schon einmal aufgeschrieben. Denn an seinem Schreibtisch entsteht viermal im Jahr der "Britzer Heimatbote".

Darin steht alles, was man über Britz wissen muss. Historisches, aber auch Aktuelles. Einmal hat Gero Striek eine E-Mail von einer Frau aus Amerika bekommen. Sie hatte den "Heimatboten" im Internet gelesen und auf einem alten Foto einen Klassenkameraden erkannt. Und dann war da noch die Dame aus Dänemark, die auf einem der abgebildeten alten Bauernhöfe an der ehemaligen Chausseestraße aufgewachsen ist und so gern ein Foto haben wollte. In beiden Fällen konnte Gero Striek helfen. "Ich kenne hier ja praktisch jeden", sagt er.

Die Freunde wohnen nebenan

Der Mann ist viel unterwegs in Britz. Im Auftrag des Bürgervereins. Aber auch mit seiner Hündin Kira. Mehrmals am Tag spaziert er durch den Ortsteil. Nur in der Liningstraße, der Straße in der Hufeisensiedlung, in der er so lange gewohnt hat, war er seit seinem Auszug vor zehn Monaten noch kein einziges Mal. "Das fällt mir schwer", sagt er. Drei Kinder hat er in dem kleinen Reihenhaus aufwachsen sehen. Insgesamt drei Ehefrauen sind erst bei ihm ein- und dann auch wieder ausgezogen.

Er ist immer geblieben. So lange, bis die Gehag, die nun Deutsche Wohnen heißt, im vergangenen Jahr auch sein Haus verkaufen wollte. Da ist er in eine kleine Mietwohnung am Rande der Siedlung gezogen. "Ein Haus brauche ich ja auch nicht mehr", sagt er.

Doch die Nachbarn, die in den vielen Jahren zu Freunden wurden, die fehlen ihm manchmal. Deshalb biegt er nun doch ab in die Liningstraße. Die Fenster "seines" Hauses stehen offen, von drinnen hört man den Lärm von Schleifmaschinen. "Ob es schon jemand gekauft hat?", überlegt Gero Striek halblaut. Dann geht er langsam weiter die Straße entlang. Schon nach ein paar Metern schauen die ersten Nachbarn aus dem Fenster. "Mensch, Gero", rufen sie, "lange nicht gesehen. Wie geht es dir?" Das ist es, was Gero Striek in der Hufeisensiedlung immer gemocht hat. Die anonyme Großstadt ist woanders, weit weg. In der Siedlung kennt man sich. "Wie oft hab ich vergessen, meine Tür abzuschließen", sagt er. "Aber hier war das kein Problem."

Doch auch hier haben sich die Zeiten geändert. In der Hufeisensiedlung, einst als Wohnquartier für Arbeiter gebaut, haben in den vergangenen Jahren immer mehr junge Familien die Reihenhäuser gekauft. Sie wohnen nun Tür an Tür mit den alten Mietern. Kerstin und Rolf Tilly mit ihren beiden Kindern Felix (4) und Anna Jula (1) zum Beispiel. Vor drei Jahren kaufte die Familie aus Hamburg das Reihenhaus. Als sie einzogen, hingen noch an vielen Häusern Zettel mit Sprüchen wie "Stoppt den Verkauf der Hufeisensiedlung". "Trotzdem haben wir uns herzlich empfangen gefühlt", sagt Kerstin Tilly. Sie mag das kleine Haus mit dem Garten dahinter. Und die ruhigen Straßen, auf denen ihr Sohn Fahrrad fahren lernen konnte. "Es ist ein kleines Dorf mitten in der Großstadt", sagt Kerstin Tilly, "eines, wo man Wurzeln schlagen kann."

"Hier ist es noch so wie früher"

Verwurzelt in Britz ist auch Bettina Rivera Cobeña (50). Aber Britz ist nicht gleich Britz. Es gibt Alt-Britz, und es gibt die Siedlungen. "Dazwischen verläuft so etwas wie eine unsichtbare Grenze", sagt Bettina Rivera Cobeña. Sie ist in Alt-Britz aufgewachsen. Ihre Großeltern hatten einen Bauernhof an der Backbergstraße, in der Dorfkirche ist sie konfirmiert worden.

Heute lebt sie mit ihrer Familie im alten Pfarrhaus. Gegenüber der alten Schule, in direkter Nachbarschaft zur Dorfkirche und zum alten Gutshof, der gerade zu einem Kulturzentrum mit Musikschule, Museum, Kulturstall und Freilichtbühne umgebaut wird. Auf den Weideflächen des alten Hofes werden wieder Tiere gehalten. Oft geht Bettina Rivera Cobeña am Schloss vorbei, der Perle des Ortsteils. In dem gut 300 Jahre alten Gebäude mit dem herrlichen Park finden regelmäßig Konzerte, Ausstellungen und Lesungen statt.

"Hier ist es noch so, wie es früher war", sagt Rivera Cobeña, "das hat hier noch einen richtig dörflichen Charakter." Nie würde sie aus Alt-Britz wegziehen. Und die Hufeisensiedlung ist für sie "so weit weg wie Kreuzberg".

Gero Striek läuft mit seinem Hund durch beide Teile von Britz. Mal mehr in die eine Richtung, mal mehr in die andere. "Ich mag beide", sagt er, "gerade weil sie so unterschiedlich sind."

"In Britz gibt es alles. Viel Grün, nette Nachbarn und mittendrin ein Juwel: das Britzer Schloss" Frank Bielka (61), Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft Degewo

"Ruhig wohnen im Grünen. Aber trotzdem ruckzuck in der Stadt. Das ist für mich Lebensqualität" Bettina Rivera Cobeña (50), Küsterin an der Dorfkirche im Nachbar-Ortsteil Buckow

"Hier verbinden sich die Vorteile von Stadt und Land. In Britz ist die Welt einfach noch in Ordnung" Gero Striek (65), Vorsitzender des Britzer Bürgervereins

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