Integration

Neuköllner Stadtteilmütter sind ausgezeichnet

Die Begrüßung ist so herzlich wie unter Freundinnen. Küsschen links und rechts, eine kurze Umarmung. Nailja Alieva drückt Güler Ahmedva * eine Flasche in die Hand. "Saft aus Aserbaidschan", sagt sie. Und dass man "bei uns keinen besucht, ohne etwas mitzubringen".

Selbst dann nicht, wenn man dienstlich klingelt. Denn dieses Mal kommt Alieva als Stadtteilmutter zu Ahmedva - und das Programm für den Tag ist umfangreich.

Seit vier Jahren sind die Stadtteilmütter in Neukölln unterwegs. Damals war den Verantwortlichen im Bezirk aufgefallen, dass Migrantenkinder aus bildungsfernem Milieu zu selten eine Kita besuchen, Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrnehmen, weil auch ihre Mütter den Weg in die deutsche Gesellschaft nicht finden. Beladen mit einem Materialkoffer, klären die selbst einwanderungserfahrenen Stadtteilmütter nun Migrantenfrauen mit Kindern über das deutsche Bildungssystem auf. Sie reden über Spracherziehung, gesunde Ernährung, Sexualentwicklung und die Rolle der Medien.

Preisverleihung in Sydney

Durch Erziehungskompetenz werde die Integration nicht nur der jungen Migranten-Generation gefördert, ist Maria Macher, konzeptionelle Mutter des Projektes, überzeugt. Geteilt wird diese Einschätzung nicht nur von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD): Nach dem Berliner Präventionspreis 2007 erfährt die Initiative der Stadtteilmütter morgen mit dem Metropolis Award 2008 auch internationale Anerkennung. Staatssekretärin Maria Krautzberger nimmt die Auszeichnung in Sydney entgegen, wo sich Vertreter großer Weltmetropolen zum 9. Metropolis World Congress treffen und dabei auch gelungene Maßnahmen für bessere Lebensqualität in den Mitgliedsstaaten würdigen.

Begonnen hatte das vom Diakonischen Werk getragene und von Land und Bezirk geförderte Berliner Programm im Schillerkiez. Ein Dutzend Stadtteilmütter gab es dort 2004. Inzwischen sind es 125 in allen Quartiersmanagementgebieten Neuköllns sowie der Gropiusstadt. Über tausend Familien wurden von ihnen beraten, 20 alleine durch Alieva. Die Aserbaidschanerin ist so etwas wie ein Glücksfall: Neben ihrer Muttersprache und Deutsch spricht die studierte Informatikerin auch Russisch, Türkisch, Persisch. Verständigung in der Landessprache der Klienten ist eine Schlüsselkomponente des Projekts. Denn dort, wo Stadtteilmütter aktiv werden, blockieren Sprachbarrieren die üblichen Hilfsangebote.

Reden über die Rechte des Kindes

In Güler Ahmedvas Wohnzimmer packt Nailja Alieva ihre Tasche aus. Broschüren und Faltblätter wachsen auf dem Tisch zu kleinen Türmen heran. In einer Ecke des Raumes flimmern tonlos Bilder einer türkischen Vormittags-Talkshow über den Fernsehschirm. Niemand achtet darauf. Eine Infoschrift nach der anderen wandert von Alievas in Ahmedvas Hand. Auskünfte zu Elterngeld und Sozialhilfe, zu sozialen Beratungsstellen, das meiste zweisprachig. Alieva redet konzentriert, selten hält sie sich bei einem Thema länger auf. Vieles davon, das weiß sie bereits, ist Ahmedva schon in Grundzügen bekannt und trifft doch auf diese Familie nicht zu: Die Mutter und ihre drei Kinder sind geduldete Staatenlose. 22-jährig war Ahmedva ihrem von politischer Verfolgung bedrohten Mann nach Berlin gefolgt, verlor aber durch ihren Asylantrag die aserbaidschanische Staatszugehörigkeit.

2006, der Asylantrag war abgelehnt, sollte sie abgeschoben werden. Doch die Behörden in Baku lehnten die Aufnahme ihrer Landestochter ab. Elf Jahre ist sie also in Berlin, ein richtiges Leben aber ist das nicht. Arbeiten darf die heute allein erziehende Mutter nicht, andererseits stehen ihr viele Leistungen des deutschen Wohlfahrtssystems nicht zu. Kontakte nach draußen hat Ahmedva kaum. Sie gehe halt zum Einkaufen, komme aber immer schnell zurück, sagt sie. Zum Glück habe ihre Klasse noch keinen Ausflug außerhalb Berlins unternommen, erzählt ihre älteste Tochter Lale*, während sie aromatisierten Tee und Gebäck serviert. Dann nämlich hätte die 16-Jährige sagen müssen, dass sie die Stadt nicht verlassen darf. "Darüber reden wir nicht, das ist ja auch peinlich", sagt sie in fließendem Deutsch und lächelt befangen.

Ahmedva möchte gern wissen, wie sie den jüngsten Sohn Ali* (1) in der Kita unterbringen kann. Das komme später, sagt Alieva. Zuerst will sie noch ein paar Sätze zu gewaltfreier Erziehung loswerden. Und zum Verbot von Zwangsheiraten. Schließlich geht es heute um die Rechte des Kindes. Ahmedva lächelt verstehend. Betroffen von dem Hinweis fühlt sie sich offenbar nicht. Und wie sie da sitzt, mit ihrem offenen Blick, den roten Strähnchen im schwarzen Haar, glaubt man ihr das gern. Wenn es nur um sie ginge, sie würde zurückgehen, wenn sie könnte, sagt Ahmedva. Über ihr hängen Bilder von Karabagh-Pferden und den beschneiten Gipfeln ihrer gebirgigen Heimat. "Aber meine Kinder?", versucht sie sich in gebrochenem Deutsch und zuckt hilflos die Achseln. Lale, die noch in Aserbaidschan geboren wurde, hat keine Erinnerung mehr an das Land. Eher würde sie sich aus dem Flugzeug stürzen als zurück zu gehen, hat sie ihrer Mutter erklärt.

Alieva spricht mittlerweile über häusliche Gewalt, berichtet von Frauenhäusern. "Das erzählen wir allen Frauen", sagt sie. "Sie sollen das wissen, nicht nur für sich, auch für ihre Freundinnen und Nachbarinnen." Nach einer knappen Stunde sind alle Infostapel vom linken Ende des Tisches zum rechten gewandert. Zufrieden ist Alieva trotzdem nicht. "Manchmal ist man so hilflos", sagt sie und sieht dabei ganz verzweifelt aus. Für den größten Wunsch der Familie, die Einbürgerung, weiß auch sie keinen Rat. Nicht einmal eine Geburtsurkunde für den kleinen Ali kann sie beschaffen. Der wurde zwar im Vivantes Klinikum Neukölln geboren, ist aber eben in Berlin nur geduldet.

Bewerberinnen stehen Schlange

Bei solchen Sorgen nützt Alieva auch die sechsmonatige Ausbildung nichts, die sie durchlaufen hat. Am Ende erhält jede Stadtteilmutter eine Urkunde mit dem Wappen des Landes Berlin. Die Nachfrage ist riesig, längst gibt es Wartelisten. "Gerade für Migrantinnen mit Kindern ist das auch eine Chance, zu arbeiten", sagt Projektleiterin Macher. Und eine Möglichkeit, raus zu kommen.

Einmal in der Woche werden die Ehrenamtlichen selbst beraten, erhalten fachliche und psychologische Unterstützung. Denn nicht immer verläuft das Gespräch reibungslos. Nicht jede der Frauen sucht selbst das Gespräch, wie es Ahmedva tat. Einige sprechen gar kein Deutsch. Türkinnen, die nach Deutschland verheiratet wurden, leben oft in völliger Isolation. In manchen Familien gebe es Konflikte, erzählt Alieva. "Unsere Berater sagen uns immer, du musst diese Geschichten loslassen, wenn du nach Hause gehst. Aber wie? Wir beginnen das Gespräch bei den Kindern, und enden bei den großen Sorgen des Lebens. Und da sitzt man abends und bekommt die Gesichter nicht aus dem Kopf."

Finanzierung bleibt unklar

Auch Güler Ahmedva ist so ein Fall. Mit ihr war Alieva schon beim Rechtsanwalt, war sofort zur Stelle, als die junge Frau vor zwei Jahren im Kaufhaus bestohlen wurde. Dass Ahmedva jetzt durch sie erstmals den Paragrafen zu ihrem Aufenthaltsstatus in Händen hält, dass ihr das etwas Selbstsicherheit gibt, das immerhin freut Alieva. "Ich versuche immer, die Frauen zu motivieren, ihnen Mut zu machen." Außerdem hat sie für Ali freie Kitaplätze gefunden, will Ahmedva gleich durch die Einrichtungen führen. Dort könnte die Mutter vielleicht sogar einen Deutschkurs besuchen. Es sind auch diese praktischen Hilfen, die das Projekt der Stadtteilmütter so erfolgreich machen. Der Kreuzberger Wrangelkiez hat die Initiative übernommen, in Steglitz die Thermometersiedlung. Nachfragen kamen aus Frankreich, der Türkei, Japan. In Dänemark kopieren sieben Kommunen das Projekt.

Maria Macher hat trotzdem Sorgen um die Zukunft. Denn die Finanzierung über das Jahr 2008 hinaus ist nicht gesichert. In der Senatsverwaltung wird noch gefeilscht, wie die Stadtteilmütter aus dem Finanztopf des Quartiersmanagements in ein anderes Budget verlagert werden können. Sprecherin Manuela Damianakis bleibt auf Nachfrage zugeknöpft, will aber Zuversicht verbreiten. "Das ist ein sehr prominentes Projekt", sagt sie. "Das geht irgendwie weiter."

* Namen geändert