Das ist Berlin

Die sanften Rebellen aus dem Süden

Heute: Lichtenrade - Der Ortsteil am Stadtrand hat seine dörflichen Wurzeln nicht verloren

Im Kirchhof ragen schmiedeeiserne Kreuze aus dem Boden. Happe, Grunow, Gebert, Kraatz, Rademeier - Inschriften mit den Namen alter Bauerngeschlechter. Die Gräber sind in Richtung der Gehöfte ausgerichtet. "Ihre Nachkommen leben noch in Lichtenrade", sagt Joachim Grunow. Das gilt auch für ihn selbst und seinen Bruder Willi. Beide stammen aus einer alten Bauernfamilie: 1762 hatte der erste verwandte Grunow urkundlich Einzug in Lichtenrade gehalten. Und Joachim Grunows zwei Enkelsöhne führen den Familiennamen fort.

Ob klein, ob groß - Lichtenrader nennen ihren Ortsteil "Lira". Lichtenrade ist eine Verwaltungseinheit, Lira ist ein Zuhause. Das liegt am südlichen Ende der Stadt, war ein Dorf - zu Westberliner Zeiten von drei Seiten eingemauert - und ist Provinz geblieben. Wer Ruhe schätzt, ist hier gut aufgehoben. Wer es konservativ mag, auch. Die CDU gewinnt seit Jahrzehnten den Wahlkreis für das Abgeordnetenhaus direkt. Außerdem finden hier Dackelrennen statt. Hauptgrund aber ist der Menschenschlag: Lichtenrader gelten als besonnen, bescheiden und bodenständig.

"Als unsere Eltern nach dem Mauerbau aus Treuenbrietzen nach Lichtenrade zogen, war hier viel freies Feld", sagt Stephan Obergfell. Heute blickt der 44-Jährige auf Ein- und Mehrfamilienhäuser und ein Parkhaus. Er hat ein Bauernhaus zwischen Dorfaue und Bahnhofstraße zum Café ausgebaut.

Davor sitzt, wer sehen und gesehen werden will. Manche Lichtenrader Ehepaare kehren dreimal täglich ein: zum Frühstück, am Mittag und zum Kaffee.

Stephans jüngerer Bruder Martin betreibt das Stammgeschäft am Lichtenrader Damm 36 und seine Schwester Susanne das Hotel daneben. "Wir sind zusammen aufgewachsen wie auf einem Haufen", sagt Susanne. Die 45-Jährige ist inzwischen Großmutter - und so leben vier Generationen Obergfells in Lichtenrade. "Wir werden erhalten, was unsere Eltern aufgebaut haben", sagt Susanne weiter. Die sind emsig: Beide arbeiten im Familienbetrieb mit und haben noch mit Mitte 60 im Jahr 2001 eine Bar eröffnet. Klaus Wowereits Leibwächter - so geht die Rede - haben in dieser Max-Bar mit Knopf im Ohr pausiert. Wowereit ist an der Schillerstraße aufgewachsen, aber als Regierender Bürgermeister inzwischen an den Kurfürstendamm gezogen.

In Alt-Lichtenrade stehen kleine Bauernhäuser aus dem 19. Jahrhundert, die dem Giebelpfuhl, Berlins größtem Dorfteich, zugewandt sind. Daneben das älteste Gebäude: die Dorfkirche. "Ihre Geschichte reicht bis ins letzte Drittel des 13. Jahrhunderts zurück", sagt Thilo Haak, seit 1994 einer der vier Pfarrer der evangelischen Gemeinde Lichtenrade. Sie hat 15 700 Mitglieder, das ist fast ein Drittel der Bevölkerung. Haak hält Sonntags-, Familien-, Jugend-, Schul- und Taufgottesdienste. Viele Ortsfremde heiraten in Lichtenrade. "Zur Trauung wollen sie eine Kirche, die auch wie eine Kirche aussieht", sagt Haak. Aus Feldsteinen, mit Turm, großem Ziffernblatt und hohen Bogenfenstern.

Weinfeste in der Einkaufsstraße

Auch wenn es um ihr Ortsbild geht, sind die Lichtenrader konservativ - im besten Wortsinn. Wenn es nottut, gründen sie eine Bürgerinitiative. So wie in Sachen Dresdner Bahn. Bund und Bahn wollen für Flughafen-Express und Fernbahn ebenerdig zwei neue Gleise bauen. "Das würde Lichtenrade zweiteilen und die Infrastruktur zerstören", argumentieren Boto Mertins und Manfred Beck, die die Initiative seit 1997 anführen. Sie blättern in dicken Aktenordnern, erläutern die Belastungen durch Lärm, Erschütterung und zusätzlichen Verkehr, zitieren Drucksachen und Planfeststellungsbeschlüsse. Sie sind informiert. Sie sind sachlich. Sie fordern einen Tunnel. Lichtenrader sind sanfte Rebellen, arbeiten wie Wasser: langsam und stetig. Bis der Stein seine Form ändert.

Bürgerschaftliches Engagement zeigen auch 50 Geschäftsleute in der 1980 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Bahnhofstraße. Geschäftsführerin Beatrix Bockenkamp organisiert ein stadtweit bekanntes Weinfest und Weihnachtsmärkte, außerdem Frühlings- und Winterkonzerte. Die Karten sind meist zwei Tage nach Bekanntwerden des Termins ausverkauft. Was fehlt den Lichtenradern? Kliniken, Schwimmbäder, Kinos. "Da fahren wir eben nach Berlin", sagen sie. Gelassen sind sie auch.

"Ich liebe das Ländliche, lebe nahe bei Kirche und Teich. Ärger mit Nachbarn gibt es nie. Die Menschen sind herzlich"

Peter Griebel (48), Küchenchef im "Estrel", dem größten Berliner Hotel

Morgen: Köpenick - Eine kleine Stadt in bester Wasser-Lage