Historie

"Die Irren aus Dalldorf"

Ob die Wittenauer es wollen oder nicht: Die Geschichte ihres Ortes ist eng mit der Nervenklinik verknüpft. Einst hieß sie Städtische Irrenanstalt, später Heilstätten. Namen gab es einige.

Es begann in den späten Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts: Damals baute die Stadt Berlin auf einem Grundstück südlich des Dorfangers die "Irrenanstalt Dalldorf bei Berlin" für 1200 Patienten - mehr als die damals 900 Einwohner von Dalldorf.

Zu der Anstalt gehörten Werkstätten und ein Gutshof mit Ställen und Feldern, ein riesiges parkähnliches Gelände. Die leichter erkrankten Patienten arbeiteten, durften sich auch im Ort frei bewegen. Lauter Verrückte da oben, spottete man daher in Berlin. Dalldorfer Irrenwitze machten die Runde. Das sorgte nicht unbedingt für ein Prosperieren des Dorfes.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Bürgerverein genug. Er erwirkte nach einigem Hin und Her die Umbenennung des Ortes in Wittenau - nach dem kurz zuvor verstorbenen Gemeindevorsteher Peter Witte. 1905 genehmigte Kaiser Wilhelm II. das Gesuch.

In den Dreißigerjahren fielen Hunderte Patienten der in "Wittenauer Heilstätten" umbenannten Anstalt dem "Euthanasie-Programm" der Nationalsozialisten zum Opfer. Erst in den 80er-Jahren widmeten sich Historiker der Untersuchung dieser Jahre, deckte Deportationen, Zwangssterilisationen, gewaltsame Forschungsversuche auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Heilstätten zunächst das einzige psychiatrische Krankenhaus West-Berlins, später eines der größten. Seit 1957 trug die Klinik den Namen des Psychiatrie-Professors Karl Bonhoeffer.

Jahre später gab es Kontroversen um den Arzt Bonhoeffer und seine Rolle in der Medizin des Nationalsozialismus. "Bonnies Ranch" nannten die Berliner die Institution. Inzwischen wurde das Krankenhaus mit dem Humboldt-Klinikum zusammengeschlossen und ist heute eine Klinik des Maßregelvollzuges. Dabei ging auch der Name Bonhoeffer verloren. Ihn trägt nur noch der U-Bahnhof am Gelände.

Auch heute sorgt die Klinik bisweilen für Aufregung: Vor Kurzem sind vom Vivantes-Konzern 100 000 Patientenakten an das Landesarchiv Berlin übergeben worden - und damit für jedermann einsehbar. Darunter: die Akten von Klaus Kinski und Edith Radtke, der Mutter des Filmregisseurs Rosa von Praunheim.