Krawall in Kreuzberg

Steineschmeißer attackieren Subway-Restaurant

Lange Zeit war Kreuzbergs erste McDonald's-Filiale Ziel von Angriffen. Steine flogen, Fensterscheiben gingen zu Bruch, die Wände wurden beschmiert. Jetzt haben sich die Täter im selben Berliner Bezirk das Sandwich-Restaurant der US-Kette Subway vorgenommen. Und damit die Existenz eines Kleinunternehmers zerstört.

Foto: Joachim Schulz

Die Stimmung ist entspannt an diesem Mittag bei McDonald's in der Kreuzberger Wrangelstraße. Drei Mütter mit ihren Kindern sitzen draußen an den Tischen in der Herbstsonne. Ein Grüppchen junger Leute von der Schule gegenüber steht vor dem Schnellrestaurant und trinkt Milchkaffee. "Ein Familienrestaurant, das sich gut in den Kiez integriert", sagt McDonald's-Sprecherin Nelli Kunkel.

Vor einem Jahr sah das noch ganz anders aus. Da hatte die Filiale gerade erst eröffnet, und in Kreuzberg formierte sich der Widerstand. Steine flogen, Fensterscheiben gingen zu Bruch, die Wände wurden mit Farbe beschmiert. Die Bürgerinitiative "McWiderstand" wollte sogar vor Gericht ziehen, forderte die Schließung der Filiale. Man wollte keinen amerikanischen Fast-Food-Giganten in Kreuzberg.

Sauberere Toiletten als in der Schule

Kerstin Grotjohann (23) und ihre Mitschüler sind froh, dass die Initiative keinen Erfolg hatte. "Wir verbringen eigentlich jede Pause hier", sagt die Berufsschülerin. So wie die meisten anderen Schüler aus der Nachbarschaft. Das McDonald's ist voll, die Schulkantine leer. "Das hat auch seinen Grund", sagt Kerstin Grotjohann. "Es schmeckt einfach besser." Und nach einer Pause fügt sie hinzu: "Und die Toiletten sind auch viel sauberer."

Seit Mai hat es laut Polizei keine Anschläge mehr auf die McDonald's-Filiale gegeben. Die letzte Pressemitteilung von der Initiative "McWiderstand" ist mehr als ein Jahr alt. Dafür fliegen die Steine jetzt wenige Ecken weiter. Anfang August eröffnete an der Schlesischen Straße ein Sandwichladen der amerikanischen Kette Subway. Der Laden sieht schon ziemlich ramponiert aus. Die Schaufensterscheiben sind zersplittert und werden von Klebeband zusammengehalten, die Hauswand ist mit Farbe beschmiert und über das Logo Subway hat jemand "Suckway" gesprüht. Drinnen sitzt David B. (27) auf einem orangen Stuhl. Er sieht müde aus. Es ist sein Laden. Er ist Franchise-Nehmer von Subway. Das heißt: Er ist der Eigentümer des Ladens und trägt auch das ganze finanzielle Risiko.

Dass es anfangs vielleicht ein bisschen schwierig werden könnte, hat David B. sich schon gedacht. "Ich habe ja mitbekommen, was im letzten Jahr bei McDonald's los war", sagt er. Aber dass es so schlimm werden würde, hat er nicht erwartet. "Ein paar Mal habe ich schon gedacht: Es reicht, vielleicht war es doch keine gute Idee, hier zu öffnen." Zum Beispiel an diesem Morgen vor ein paar Wochen, als er vor seinem Laden stand und die kaputten Scheiben sah. "Die Reparatur können wir im Moment gar nicht bezahlen", sagt er. Und ob die Versicherung zahlt, ist noch fraglich. Oder an dem Abend, als ein paar junge Männer gelbe Farbe gegen die Fenster schmierten. "Doch dann denke ich wieder: Ich will mich nicht geschlagen geben und vertreiben lassen."

Keine Konkurrenz für kleine Läden

Es ist beängstigend leer im Sandwich-Laden. Dabei ist Mittagszeit, kurz nach 13 Uhr. Vereinzelt kommen Kunden herein, bestellen ein Sandwich oder essen einen Cookie. "Wir haben etwa 100 Gäste am Tag", sagt B. "Der durchschnittliche Verkaufspreis pro Kunde liegt bei 3,87 Euro." Ein paar Häuser weiter steht Susanne Bischoff am Tresen von ihrem kleinen Laden "Suppe & Stulle". Es ist voll, an allen Tischen wird Suppe gelöffelt. "Subway ist natürlich schon Konkurrenz für uns", sagt sie, "aber irgendwie auch nicht. Denn ich sehe fast nie jemanden in dem Laden."

Genau das macht David B. Angst. Zehntausende Euro haben er und drei Freunde in den Laden investiert, die Miete liegt bei 2000 Euro, dazu kommen die Personalkosten. "Um sie so gering wie möglich zu halten, stehe ich oft selbst am Tresen", sagt er. Vor allem nachts an den Wochenenden. Das war so nicht gedacht. Das sollten eigentlich Angestellte machen. Denn David B. arbeitet im öffentlichen Dienst. "Doch so, wie es momentan läuft, können wir uns die Angestellten gar nicht leisten." Er macht den Einkauf, Dienstpläne, die Buchhaltung und auch die Sandwiches. "Erstmal muss es jetzt so gehen."

Vier Jahre lang stand das Eckhaus an der Schlesischen Straße, in dem früher eine Spielothek war, leer. "Erst wollten wir eine eigene Idee umsetzen", sagt David B. "Einen kleinen Laden, irgendetwas Nettes mit gesundem Essen." Aber dann hat er sich doch nicht so richtig getraut. Denn Erfahrung in der Gastronomie hatte er nicht. "Deshalb dachte ich, Subway wäre ein guter Kompromiss", sagt David B. "Ich kann von der Erfahrung des großen Konzerns profitieren, aber trotzdem gesundes Essen anbieten." David hat sich bewusst für Kreuzberg entschieden. Er ist in Treptow aufgewachsen, in Neukölln zur Schule gegangen. "Dass ich hier nun als der Großkapitalist bekämpft werde, kann ich kaum glauben."

Als neulich ein Mann den Werbeaufsteller vor dem Sandwichladen umtrat und dann weglief, hat David B. kurz überlegt, ob er ihm hinterherlaufen sollte. B. ist ein sportlicher Typ, vielleicht hätte er ihn gekriegt. Aber er hat es dann nicht gemacht. "Das bringt doch nichts. Ich will doch gar keinen Ärger." Aber B. hat jetzt alle zwölf Übergriffe auf seinen Laden bei der Polizei angezeigt. "Wir werden dort jetzt verstärkt Präsenz zeigen", sagt Gary Menzel, Leiter des Kreuzberger Abschnitts 53. Er ist optimistisch, dass die Situation sich wieder beruhigen wird. "So war es bei McDonald's ja auch", sagt Menzel. Darauf hofft auch David B. "Ich halte so lange durch, wie ich kann."