Sozialbetrug: Kellner kassieren Lohn, Trinkgeld - und Stütze

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Rüdiger Finke

Immer mehr Mitarbeiter in Berliner Gaststätten kassieren doppelt: Neben Arbeitslohn und Trinkgeld streichen sie unberechtigt Geld vom Arbeits- oder Sozialamt ein. Bei einer Großkontrolle in Berliner Lokalen bestätigte sich jetzt, dass mindestens jeder vierte Beschäftigte neben Lohn und Trinkgeld auch Sozialleistungen bezieht.

Bei der Serie von Razzien in 82 Lokalen quer durch das Stadtgebiet haben 110 Mitarbeiter des Landesarbeitsamtes sowie Kripobeamte 284 Kellner und Köche überprüft. «In 38 Fällen haben die Betroffenen eingeräumt, dass sie Leistungen des Arbeitsamtes beziehen, 34 Personen bekommen Sozialhilfe», sagte der Sprecher des Landesarbeitsamtes, Klaus Pohl. Die Betroffenen müssen mit hohem Bußgeld sowie der Rückzahlung der erhaltenen Leistungen rechnen.

«Die Moral in diesem Bereich ist mittlerweile ganz weit unten. Es wird zur Regel, dass wir bei solchen Kontrollen sogar bis zu 30 Prozent Beschäftigte antreffen, die auch Sozialleistungen erhalten», berichtet Pohl. Gaststätten und Baustellen seien daher das Schwerpunktgebiet für den Einsatz von Mitarbeitern der Arbeitsmarktinspektion.

Fündig werden die Kontrolleure dabei in Lokalen quer durch die Branche. Leistungsbetrug und -erschleichung gibt es sowohl bei Kellnern und Kellnerinnen in Studenten- oder Eckkneipen als auch in Szenelokalen oder gehobenen Gaststätten. An den Kochtöpfen werden ebenfalls Betrüger aufgespürt. Um das Problem in den Griff zu bekommen, ist das Landesarbeitsamt nicht nur mit Großrazzien aktiv. «Wir sind täglich im Einsatz, auch mit kleinen Teams», unterstreicht Pohl.

Einen Grund für die Zunahme der Betrügereien sieht er in der hohen Arbeitslosigkeit. Auch die schlechte konjunkturelle Lage des Gastgewerbes trägt ihren Teil zu der Entwicklung bei, vermutet der Sprecher. Wird ein Sünder hinter dem Tresen oder in der Küche ertappt, hören die Ermittler von dem Betroffenen meist die Ausrede, er habe erst vor ein paar Stunden angefangen zu arbeiten.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband verurteilt die Praxis der an den Mauscheleien beteiligten Gastronomen scharf. «Wer so agiert, verschafft sich auch Wettbewerbsvorteile gegenüber den Kollegen, die sich an Recht und Gesetz halten», sagt Verbandssprecher Marc Schnerr. Die Problematik sei auch durch die Gesetzesänderungen für die so genannten 630-Mark-Jobs verschärft worden. «Die Wirte haben einfach keine Möglichkeit mehr, noch geringfügig Beschäftigte einzustellen», sagt Schnerr.