Historie

Wie aus Rixdorf Neukölln wurde

"Es braucht nur der Name erwähnt zu werden, überall begegnet man der Auffassung, dass es ein Ort sei, wo kein anständiger Mensch leben könne." So schrieb das Königliche Hauptsteueramt am 28. Januar 1908 über seinen Sitz in Rixdorf. Die betrübten Beamten klagten: Durch die billigen Mieten zögen "all jene Elemente" dorthin, die im Rest Berlins kein Auskommen fänden.

Nur ein neuer Name könne den Ort jetzt noch retten, Schluss mit der gegenüber "Stadt und Einwohnern bestehenden Missachtung und Unterwertung".

Den schlechten Ruf hatte sich Rixdorf hart ertanzt, erspielt und ersoffen: Tausende von Arbeitern suchten hier das kleine Wochenendglück. 150 Bühnen gab es vor dem Ersten Weltkrieg, die größte war seit 1880 die "Neue Welt" an der Hasenheide (20 000 Plätze, Boxkämpfe, Tanz, Arbeiterversammlungen). Dazu kam die extrem hohe Arbeitslosigkeit, 7,5 Prozent in Rixdorf - der Reichsdurchschnitt lag 1912 bei zwei Prozent.

Auch die Stadtväter wollten den Neuanfang mit neuem Namen - denn, so Oberbürgermeister Curt Kaiser in einer Eingabe an Kaiser Wilhelm II.: "Das Vorurteil hält die Kreise des bürgerlichen Mittelstandes von der Wohnsitznahme ab." Dadurch komme es zu schweren wirtschaftlichen Schäden - "in alleruntertänigster Ehrfurcht" usw.

Am 27. Januar 1912 wurde aus dem verrufenen Rixdorf das unbescholtene Neukölln, "mittels Allerhöchsten Erlasses". Um 11.30 Uhr desselben Tages kam der erste echte Neuköllner zur Welt - Heinz Wentzke in der Friedelstraße.

Viele Rixdorfer fanden die Neutaufe allerdings überflüssig. Aus den Protestbriefen: Die "Deutsche Linoleum und Wachstuch Companie" fürchtete um den Weltruf ihres Rixdorfer Linoleums. Alwin Adloff hatte gerade in 10 000 "Rixdorf"-Ansichtskarten investiert, jetzt alle wertlos, und 120 Mark verloren. Und Maschinenfabrikant Karl Oehlmann befand: Lächerlich habe man sich gemacht mit der Namensänderung. "Wer was ist, braucht sich nicht zu schämen, hier zu wohnen." Ob in Rixdorf oder Neukölln.