Prozess

Raubopfer soll Täter Schmerzensgeld zahlen

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Michael Mielke

In Verfahren gegen Polizeibeamte ist dieses Szenario fast schon üblich: Ein Ganove wird bei einer Straftat gestellt, wehrt sich bei der Festnahme heftig - und zeigt den Polizisten wegen Körperverletzung im Amt an. Noch zugespitzter stellt sich die Situation in einem Prozess vor einer Jugendkammer dar, der zurzeit im Moabiter Kriminalgericht verhandelt wird.

Angeklagt wegen versuchter räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung sind vier Männer, die am 1. April dieses Jahres maskiert und bewaffnet ein Einfamilienhaus in Hermsdorf stürmten. Einer von ihnen - der 18-jährige Dennis Z. - versucht nun mit Hilfe seines Verteidigers, vor Gericht den Spieß umzudrehen. Er verklagt den Besitzer des Hauses auf Schmerzensgeld. Zudem will er ihn verpflichten lassen, ihm alle materiellen Schäden zu ersetzen, die er an jenem 1. April erlitten habe. Für die Besitzer des Hauses, die noch immer unter dem Eindruck dieses Überfalls stehen, ist diese Forderung wie ein neuerlicher Schlag ins Gesicht.

Sie saßen am 1. April gegen 21.30 Uhr vor dem Fernseher. Die 18-jährige Tochter Sarah und eine gleichaltrige Nichte befanden sich zwei Etagen höher. Ebenso die beiden kleinen Kinder: vier und acht Jahre alt. Plötzlich standen die schwarz gekleideten, mit Sturmmasken vermummten Männer im Haus. Abdilgafar R. wurde von dem 18-jährigen Andreas J. niedergeschlagen. J. rannte dann weiter zu Heike R., die noch rief: "Lassen Sie mich! Bitte tun Sie mir nichts!" Was den korpulenten jungen Mann aber nicht hinderte, ihr mit einem Faustschlag das Nasenbein zu brechen. Als die zierliche Frau schon benommen am Boden lag, schlug er weiter auf sie ein. Abdilgafar R. versuchte, zur Haustür zu gelangen, um Hilfe zu holen. Der 18-jährige Eric S. sprang ihm in den Rücken, R. erlitt einen Kreuzbandriss. Trotzdem konnte er einen Nachbarn alarmieren. Das merkten drei der Räuber und flohen. Einer von ihnen war noch im Haus: Dennis Z. war eine Etage höher gestürmt. Als Abdilgafar R. die Treppe hinaufgehumpelt kam, sah er seine Tochter am Boden liegen. Dennis Z. hatte sie mit Faustschlägen niedergestreckt, um sie zu fesseln. Er stürmte Abdilgafar R. entgegen und stieß ihn beiseite.

"Täter konnte sich nicht wehren"

Doch die Treppe hinauf kam jetzt der 43-jährige Nachbar Michael H. Er habe früher mal Judo-Sport betrieben, sagte er vor Gericht. Was Dennis Z.s Verteidiger in seiner Klage auf Schmerzensgeld dazu brachte, aus Michael H. einen "erfahrenen Kampfsportler" zu machen, der seinen Mandanten "schnell und kunstgerecht fixiert" habe, sodass Z. "zu keiner Gegenwehr mehr in der Lage" gewesen sei.

Etwas anders sind da die Erinnerungen der Familie und des Nachbars: Der vermummte Räuber sei ihm regelrecht entgegen gesprungen, sagte Michael H. vor Gericht. Es habe ein Gerangel gegeben. Abdilgafar R. kam dazu und griff ein. Daneben schrie herzzerreißend die achtjährige Tochter. Heike R. versuchte verzweifelt, beim Kampf gegen den immer noch vermummten Räuber zu helfen. Sie weiß noch, dass sie ihn mit seinem eigenen Teleskop-Schlagstock, den er bei dem Gerangel fallen gelassen hatte, traf. Sie weiß aber nicht mehr wo.

Im Nachhinein war auch in einer gründlichen Beweisaufnahme nicht mehr festzustellen, ob Dennis Z. bei seinem Sturz auf der Treppe oder bei dem dann folgenden Kampf zu Schaden kam. Er erlitt eine Verletzung der Netzhaut des rechten Auges. Vor Gericht erklärte der junge Mann weinerlich, dass er seitdem eine Brille tragen müsse und vermutlich auf diesem Auge nie mehr richtig sehen könne. Ein ärztliches Attest hat jedoch einen etwas anderen Tenor: Darin wird unmissverständlich festgestellt, dass es bei Dennis Z. "mit hoher Wahrscheinlichkeit keine bleibenden Schäden" geben werde.

Die Staatsanwaltschaft hat für Dennis Z. vier Jahre Jugendstrafe beantragt. Die anderen beiden 18-Jährigen sollen ebenfalls nach Jugendstrafrecht für viereinhalb und fünfeinhalb Jahre hinter Gitter. Wobei merkwürdigerweise für den unglaublich brutal agierenden Andreas J. die geringere Strafe beantragt ist. Peter R., mit 21 Jahren der einzige richtige Erwachsene in dem räuberischen Quartett, soll sogar sieben Jahre bekommen. Das Urteil und die Entscheidung über Schadensersatz für den Angeklagten Z. werden am nächsten Freitag erwartet.