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Studie sagt Berlins Kreativwirtschaft starkes Wachstum voraus

"Gefühlte Empirie" - das war gestern Mittag im Ludwig Erhard Haus an der Fasanenstraße ein neu entdecktes Schlagwort und zugleich ein Umstand, mit dem man aufräumen wollte. "Intuitiv sagt man: Berlin ist stark in der Kreativwirtschaft", sagte Rainer Bormann, Vorstandsvorsitzender des Immobilienunternehmens Orco, das zusammen mit der Berlin Partner GmbH die Studie "Creative Class in Berlin" in Auftrag gegeben hatte.

"Bisher gab es jedoch keine verlässlichen Aussagen über den lokalen Markt", so René Gurka, Geschäftsführer der Berlin Partner GmbH.

Um diesen besser kennenzulernen und eine verlässliche Datenbasis zu bekommen, starteten TU-Wissenschaftler Dietrich Henckel und sein Team eine standardisierte Online-Befragung. Bei insgesamt 9000 Unternehmen der "Creative Class" - die Bandbreite reichte von Musikverlagen über Designer bis zu Softwareentwicklern - erzielte man laut Henckel einen "sensationellen Rücklauf" von 22 Prozent.

Zum Teil bestätigen die Ergebnisse bisher Angenommenes: Kreativwirtschaft in Berlin ist jung (nur 20 Prozent der Unternehmen wurden vor 1990 gegründet), selbstbewusst und engagiert sich für den sozialen Zusammenhalt in der Stadt, etwa in Form von Unternehmensnetzwerken oder Kultursponsoring. Interessanter der Umstand, dass dieser viel beachtete Wirtschaftszweig auch standorttreu ist. "Anders als vielleicht angenommen, sind Kreative nicht auch gleich ,Standortnomaden'", so Gurka. Der Unternehmenssitz werde in der Regel nur verlegt, wenn der Platz nicht ausreiche. Ein weiteres Ergebnis in diesem Sinne: Unternehmen der Kreativwirtschaft in Berlin sind klein, aber sie wachsen. Vier Fünftel sind Kleinstunternehmen mit bis zu zehn Mitarbeitern, gerade einmal ein Prozent zählt zu den mittleren bis großen Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern. Das Beschäftigungspotenzial liegt aktuell bei etwa 150 000 Arbeitsplätzen, Rainer Bormann sieht ein starkes Wachstum voraus. "Momentan ist keine Verknappung des Raums in Sicht, ein Vorteil, der die Stadt noch Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte begleiten wird." Selbst wenn Mieten anstiegen, gäbe es noch Ausweichmöglichkeiten und generell die Chance, Risiken einzugehen. Als konkrete Schlussfolgerung für sein eigenes Unternehmen sieht er etwa die Notwendigkeit einer flexiblen Mietdauer und zusätzlich einer Ausstattung mit entsprechender technischer Infrastruktur, die für die Kreativen einen weiteren Standortvorteil darstelle.

Wie Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gestern ankündigte, will der Senat eine Folgestudie bei Henckel in Auftrag geben, aus der hervorgehen soll, welche Orte in Zukunft die bevorzugten sein werden und wie man zur besseren Vernetzung beitragen kann. "Wir möchten erreichen, dass die Kunst keine brotlose bleibt." Bereits durch diese erste Studie werde deutlich, welche Impulse von den Kreativen ausgingen und wie Kunst und Kultur Stadtteile, auch im sozialen Bereich, verändern könnten. Als Beispiel nannte sie "Szene-Quartiere" wie Nord-Neukölln und Wedding.

Eine Antwort darauf, wie groß der Umsatz der Kreativwirtschaft in der Hauptstadt insgesamt ist, liefert die aktuelle Studie jedoch nicht. Laut Dietrich Henckel fürchtete man bei Fragen zu diesem Aspekt ein Absinken der Antwortbereitschaft.