Kunst im Hochbunker

Christian Boros ist buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand gegangen. Nur dass diese Wände ziemlich grau und hart waren und aus Stahlbeton.

Christian Boros ist buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand gegangen. Nur dass diese Wände ziemlich grau und hart waren und aus Stahlbeton. Der agile Werbechef aus Wuppertal und Kunstsammler, Jahrgang '64, hat sich, wie er sagt, "seine Liebe auf den ersten Blick" erfüllt. Er ließ den unwirtlichen Hochbunker an der Reinhardtstraße - der letzterhaltene im Zentrum der Stadt - in ein spektakuläres Privatmuseum umbauen. Schön ist so ein Monstrum nicht, doch das Ergebnis ist frappierend: Mit seiner labyrinthischen Raumstruktur und spröden Aura gehört dieses Gebäude wohl zu den überraschendsten "neuen" Kunsthäusern der Gegenwart. Spektakulär deshalb, weil sich die zeitgenössische Kunst nicht selbstvergessen und ortlos präsentiert, sondern wundersam geerdet und verbunden ist mit der dichten Vergangenheit dieser Stadt. Selten funktioniert ein Ort so gut wie hier - und funktioniert wohl auch nur in der Hauptstadt. Die Berliner Museen bekommen durch den Kunst-Klotz Konkurrenz.

Lautlos schwingt eine 500-Kilo-Glocke

Wer von der sonnigen Straße eintritt, die schweren Stahltüren hinter sich lässt, befindet sich in einer anderen Welt. Überall Beton, vernarbt von der Zeit. Kein Handyempfang. Kein Laut dringt von außen in das fensterlose Verlies. Das Läuten der Klingel erinnert an eine Sirene.

Im Eingang empfängt den Besucher eine große Glocke. Hoch oben schwingt sie unheimlich an der Decke. Lautlos, ohne Schlegel, 500 Kilo schwer. Wie eine Totenglocke scheint sie an das namenslose Leiden zu erinnern, das in diesen düsteren Räumen stattfand. "For whom" titelte der belgische Künstler Kris Martin die Installation. Von ihm stammt auch der Silberschädel, der im Nebenraum aufgebahrt ist und in seinem dekadenten Glitzern an den Diamantenkopf des britischen Starkünstler Damien Hirst erinnert. An der Wand hängt ein Gasregler mit schwarzer Wahlscheibe. "Rauchen verboten" weist in schwarzen Lettern auf das Tabakverbot zu Kriegzeiten. In einer Betonnische: ein alter Feuerlöscher. Christian Boros hat das bewusst so belassen. "Ich wollte nichts verschönern. Es gab den Krieg und dieser Bunker ist ein Symbol des Scheiterns. Ein architektonischer Imperativ, der auffordert, dass wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen." Der kleine Mann mit dem Kahlschädel wird ganz rot im Gesicht, so, als ob er dem Gesagten Nachdruck verleihen wolle. Es ist ihm ernst.

Auch außen ist die Bunker-Ästhetik erhalten, die Fassade zwar gesandstrahlt, doch die alten Einschusslöcher aus Kriegzeiten sind noch zu sehen. Wie viel Boros in seinen "Kunst-Darkroom" investierte, darüber wird nicht gesprochen. Nur eins scheint klar, mit Werbung für Coca Cola und den Musiksender Viva lässt sich viel verdienen. Boros' Eltern kamen in den Sechzigern aus Polen nach Köln. In den 80er-Jahren studiert Boros Design in Wuppertal. 990 gründet er seine Werbeagentur "Boros"- sie hat etwa 30 Angestellte. Heute pendelt er zwischen Berlin und Wuppertal.

Der Architekt Jens Casper streift durch die neonbeleuchteten Bunkerräume und sieht so aus, als könne er nicht glauben, was er sieht. Wie Sisyphus dem Berg näherte er sich dem Monstrum. "Als wir hier anfingen, war es stockdunkel. Wir arbeiteten nur mit der Taschenlampe. Das war gruselig!" Architekturpläne von einem Bunker mit 120 Schutzzellen? Das funktionierte nicht. Auch Modelle wollten nicht recht passen. "Das Problem war, mit dieser monströsen Wehrhaftigkeit des Gebäudes umzugehen". Vor Ort, Tag für Tag, wurden die einzelnen Schritte festgelegt. Anderthalb Jahre waren für den Ausbau geplant, fünf wurden es. Allein der Durchbruch zum Dach brauchte ein halbes Jahr.

Denn oben auf das Dach - bei einer Fläche von tausend Quadratmetern - ließ sich Boros ein Penthouse setzen, luxuriös mit Pool, Garten und Terrasse. Der Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich; von unten sieht es aus wie ein schlichter Mies-van-der-Rohe-Pavillon mit Panoramascheiben. Der Rest ist aus Stahl und Beton. Der Blick, hoch oben im Himmel über Berlin, der muss fantastisch sein.

Übers Treppenhaus direkt ins Museum

Von seinem Bungalow gelangen Hausherr und Familie in einer Minute über ein Treppenhaus direkt ins Museum. Sonntags wandle er oft mit dem Morgenmantel da durch, erzählt Boros. Ein smartes Sammlerstatement und eine schöne Vorstellung, wenn sich Kunst, Leben und Geld so mischen.

Die Arbeit des Architekten bestand nun weniger im Aufbau als in der Dekonstruktion: Wände abtragen, Decken abreißen - und das bei bis zu drei Meter dicken Betonwänden, die mit sogenannten Diamantenschneidern gefräst wurden. Aus 120 Schutzräumen wurden 80, die variabel sind bei einer Höhe von 2,2 bis 13 Metern. 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind es insgesamt.

Spannende Durchbrüche, Blickachsen und Zwischengeschosse sind entstanden. Olafur Eliassons fröhlicher schwarzer Ventilator etwa pustet kreiselnd seine Luft auf die Köpfe der Besucher hinab - aus 13 Metern Höhe betrachtet ist das ein absurder Blick. Eine Reminiszenz an Berlins Kunstszene: 1998 war diese Arbeit erstmals auf der Berlin Biennale im Postfuhramt zu sehen. Da war der Künstler kaum bekannt, nun stellt er im Museum of Modern Art in New York aus.

Wer durch den Bunker wandert, fünf Etagen hoch, mühsam dem Treppengewirr folgend, der denkt zurück an den gespenstischen Ort von einst. Eine Trutzburg aus Beton. Kalt, feucht, dunkel. Aufgeladen mit dem Charme des Morbiden und einer wechselvollen Geschichte. Einst sollten hier 1200 Menschen vor den Bomben des Zweiten Weltkrieges Schutz finden, mehr als doppelt so viele sollen es in manchen Nächten gewesen sein. Stadtbaumeister Karl Bonatz hat den Betonkoloss 1942 errichtet, er machte sich erst durch diesen Bau einen Namen. Die Planung vollzog sich 1941 unter der Leitung von Albert Speer im Rahmen des "Führer-Sofortprogramms".

Wer genau hinschaut, erkennt in den Grundrissen einen freigestellten Palazzo im Renaissancestil - damit sollte der Massenbunker kaschiert werden und architektonisch ins Konzept der Welthauptstadt "Germania" integriert werden. Nach dem Krieg nutzen die Russen das Monstrum als Gefängnis. Die DDR widmete diesen bitterkalten Ort um - Ironie der Geschichte - Bananen und Apfelsinen aus den Bruderländern lagerten hier ein.

Als die Mauer fiel, erkannte die Subkultur schnell den düsteren Reiz dieses zentral gelegenen Wüstlings zwischen Friedrichstraße und Deutschem Theater und fand darin ihren idealtypischen Platz. Halblegale Techno-, Trance- und S/M-Parties bevölkerten wild die "Vorhölle", wie Boros es nennt. Neun Darkrooms fand der Bautrupp im Bunker. Heute erinnern sich Leute vor allem daran, dass es damals auf seltsame Weise immer noch nach frischen Apfelsinen geduftet hat.

Es lag für Christian Boros nahe, sich bei seiner ersten Präsentation ganz auf den Bunker einzulassen. Viele der Künstler beziehen sich direkt auf die ehemaligen Verliese; Katja Strunz spielt mit ihren aggressiven, spitzen Wandskulpturen die Zersplitterung der architektonischen Ordnung durch. Santiago Sierra durchbohrte mit seinen wuchtigen Stahlstelen die Betonwand.

Ab Juni Führungen durch die Sammlung

Dass Christian Boros ab Juni seine Sammlung der Öffentlichkeit zeigt, ist gut. Vorerst nur einmal die Woche am Sonnabend - mit Führungen in Zwölfergruppen, um ein schnelles "Kunstjoggen" zu vermeiden. Boros repräsentiert die wachsende Macht und Verantwortung einer neuen Sammlergeneration. Er hat sein eigenes Haus finanziert - und seine eigene Kunst. Einen Streit zwischen staatlichen Museen und Sammlerinteressen und -ansprüchen - wie im Falle Erich Marx im Hamburger Bahnhof - wird es nicht geben.

Zwar ist Berlin längst eine Stadt der Sammler und ihrer Kollektionen. Doch Mick Flick, Erich Marx, Heinz Berggruen und Helmut Newton haben Unterschlupf gefunden unter dem gestrengen Dach der Staatlichen Museen.

Christian Boros aber sammelt all das, was die Staatlichen Museen nicht finanzieren können: darunter John Bock, Tracy Emin, Jonathan Meese. Dass diese Künstler kunstmarktkompatibel sind, kann man Boros nicht vorwerfen. Damien Hirst kaufte er bereits 1990. Gute Nase, sagt er. Vielleicht könnte er in seiner zweiten Präsentation mutiger vorgehen, was junge, ungesicherte Positionen betrifft. Das Prozesshafte, Unfertige passt zur Aura des trutzigen Bunkers. Dann kann Boros seinem Sammlercredo folgen. Es heißt: "Ich sammle Kunst, die ich nicht verstehe!"

Anmeldung

für Juni unter:

www.sammlung-boros.de