Berlin-Marathon

"Ich bekam eine zweite Chance"

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Anemi Wick

Es gibt einiges, was einem an Hilbert Caesar auffallen kann, wenn man ihn zum ersten Mal trifft. Zum Beispiel seine starken Oberarme. Seine schöne, tiefe Stimme. Oder seine Augen. Man denkt sich alles Mögliche - nur nicht "der arme Mann." Dafür ist einfach zu viel Schwung, zu viel Kraft zu spüren. Hilbert Caesar trägt kurze Jeans bis übers Knie.

An Stelle seines rechten Beins ist ein silberfarbenes "C-Leg" angebracht, eine Beinprothese mit sogenanntem mikroprozessorgeregeltem Kniegelenk.

Caesar ist am Freitag mit seiner Frau Claudia und Tochter Emily aus York, Pennsylvania, angereist, um den Berlin-Marathon mit dem Handbike zu fahren. Dabei hatte er seine Rückkehr nach Deutschland eigentlich ganz anders geplant. Vor vier Jahren hätte er als Staff Sergeant bei der U.S. Army zur Militärbasis Baumholder in Rheinland-Pfalz zurückkehren sollen. "Aber unsere Pläne wurden über den Haufen geschmissen", sagt Claudia Caesar, die Berlinerin, die ihren Mann vor eineinhalb Jahren in Las Vegas heiratete.

Acht Marathons in vier Jahren

Der 30-jährige Amerikaner ist einer von vier Athleten des "Achilles Freedom Team of Wounded Veterans", die heute erstmals am Berlin-Marathon teilnehmen werden. Für Caesar ist es bereits der achte Marathon. Seinen ersten fuhr er 2004 in New York - knapp sieben Monate nachdem er im Irak verletzt wurde. Seinen zweiten, in Boston, bestritt er auf den Tag genau ein Jahr nach der Explosion, die ihn sein rechtes Bein gekostet hat.

Caesar war elf Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Guyana in die USA immigrierte. Seine Eltern erhofften sich für ihn dort eine bessere Zukunft. Als 20-Jähriger trat er der U.S. Army bei. "Ich wollte reisen. Die Welt sehen." Er war in Südkorea, im Kosovo, in Deutschland - und ab Mai 2003 in Bagdad. Im Dezember desselben Jahres traf er Claudia im World Wide Web.

Auf der Internetseite der Community "MiGente" schrieb Caesar die Fremde per E-Mail an. "Sie hat mir erst zwei oder drei Wochen später geantwortet", erinnert er sich noch heute. Doch dann schickten sie regelmäßig E-Mails hin und her, von Berlin nach Bagdad und von Bagdad nach Berlin. Irgendwann verabredeten sie sich für Treffen - sobald Caesar wieder zurück in Baumholder sein würde. Doch plötzlich kamen keine E-Mails mehr aus Bagdad.

Caesar konnte keine Nachrichten mehr schicken. Am 18. April 2004 war er mit einigen Kameraden auf Patrouille, als plötzlich ein Sprengsatz detonierte. Das Fahrzeug bebte. Caesar fühlte nichts. Er wollte einem Kameraden helfen, aber er konnte nicht, er fiel um. Erst dann sah er, dass sein rechtes Bein nur noch an Hautfetzen hing. "Ich hörte die Geschützfeuer von draußen wie aus weiter Ferne und dachte: das war's."

Aber Caesar überlebte. Er lag lange im Walter Reed Hospital in Washington D.C. Manchmal schrie er vor Schmerz. Manchmal dachte er daran, wie sein Leben nun überhaupt weitergehen soll. Trotz der Schmerzen weigerte er sich meist, einen Rollstuhl zu benutzen. "Ich wollte nicht, dass die Leute auf mich herabsehen."

Nach ungefähr einem Monat hatte er zum ersten Mal Zugang zum Internet. Er fand all die unbeantworteten E-Mails von Claudia. Er schrieb ihr, was passiert war.

Eines Tages suchte ihn Mary Bryant, die Gründerin des Achilles Freedom Teams, im Krankenhaus auf. Sie bot ihm an, während der Rehabilitation mit dem Handbike zu trainieren. Er war nicht sicher, ob er das wollte. Aber Mary Bryant, eine Frau, die auch weiß, was Krankheit und Verlust bedeutet - sie besiegte den Krebs - ließ sich nicht so schnell verscheuchen. Irgendwann trainierte er doch, zusammen mit anderen Veteranen. Und beim ersten Rennen über fünf Meilen war er der Schnellste. Mary Bryant sagte: "Und jetzt machst du den Marathon." Caesar sagte: "Bestimmt nicht!"

Als Caesar den Kontakt mit Claudia wieder aufgenommen hatte, telefonierten sie zum ersten Mal. Sieben Stunden lang. Und fortan jeden Tag, über Monate. "Ich fand seine Stimme sexy", erinnert sie sich. "Und ich fand es schön, ihn nach einem anstrengenden Tag zu hören. Caesar ist eine Frohnatur."

Als er wegen einer Einladung in Baumholder war, mietete er ein Auto und fuhr nach Berlin. Sie verabredeten sich am Bahnhof Zoo, dort sahen sich der Amerikaner und die Friedrichshainerin zum ersten Mal. "Ja, ich wollte ihn immer noch treffen", sagt Claudia. "Er war ja immer noch derselbe Mensch." Danach besuchte Claudia ihn zwei Mal. Caesar wiederum verbrachte Weihnachten in Deutschland mit ihrer Familie. Dann verlobten sie sich. Und Claudia blieb in den USA.

"Ich bekam eine zweite Chance", sagt Caesar heute. "Dafür muss es einen Grund geben. Vielleicht für mein kleines Mädchen." Er lächelt beim Anblick der acht Monate alten Emily.

Caesar, drei weitere Veteranen und eine Rollstuhlfahrerin, die Mary Bryant und ihr Team nach Berlin brachte, werden heute kurz vor den Läufern ins Rennen starten. Sein Ziel? "Ankommen, ins Ziel kommen, das ist das Wichtigste", sagt Caesar. Irgendwie scheint er schon jetzt angekommen zu sein. Im Leben.