Das ist Berlin: Friedrichshain (Serie, Folge 1)

Wo sich drei Welten mischen

Norbert Günther fühlt sich als Exot in seinem Kiez. Der weißhaarige Klempnermeister ist nicht nur fast doppelt so alt wie der 37 Jahre alte Durchschnittsfriedrichshainer. Er gehört auch zu den wenigen Alteingesessenen, die den Wandel vom biederen Arbeiterviertel zum hippen Szenestadtteil überstanden haben.

"Alle sind weggezogen", sagt Günther und schaut ein wenig wehmütig durch seinen Laden an der Gabriel-Max-Straße. Dort bewahrt er wie früher alte Wasserhähne, Dichtungen, Rohre und Waschbecken auf, die andere längst weggeworfen hätten. Viele alte Friedrichshainer hätten "die Schnauze voll" von dem, was das junge, internationale Publikum, Studenten und Kreative gerade anzieht: Kneipen und Kommunikation, Lärm und Leben auf der "Piste".

Günthers Installateurbetrieb hat die DDR als private Firma überstanden. Doch zum 50-jährigen Geschäftsjubiläum hat ihn ein neuer Bauträger, der das Gebäude saniert hat, aus seinen Räumen an der Simon-Dach-Straße geworfen. Jetzt bewirten dort ein China-Lokal und ein Thai-Restaurant Gäste aus aller Welt. Die zahlen höhere Mieten.

Rückzug der Hausbesetzer

Drei Welten mindestens prallen in Friedrichshain aufeinander und geben den Altbauquartieren um den Boxhagener Platz, die Samariterstraße oder die Sonntagstraße am Ostkreuz ein einzigartiges Gepräge. Da sind die alten Ossis wie Günther oder seine Sekretärin Marina Wöhrn, die sich noch erinnern können, wie früher die Bewohner der verrotteten Altbauten auf dem Hof aufs Klo gehen mussten. Und die mit ein wenig Neid auf diejenigen DDR-Bürger blickten, die in den neuen Plattenbauten Richtung Alexanderplatz oder gar in den Arbeiterpalästen an der Karl-Marx-Allee eine Bleibe gefunden hatten. Dann die Reste der Punk- und Hausbesetzerszene, die sich nach der Räumung der Mainzer Straße 1990, der größten Straßenschlacht der jüngeren Berliner Geschichte, in Refugien an der Samariter- oder der Kreutzigerstraße zurückgezogen haben und deren Widerstand gegen die Aufwertung des Viertels allmählich erlahmt.

Und schließlich die Zugezogenen, die sich zunehmend etablieren und den Stadtteil in einen der kinderreichsten Berlins verwandeln. Schon steht den Planern im Rathaus der Schweiß auf der Stirn, wenn sie daran denken, dass diese Kleinkinder irgendwann Grundschüler werden und der gleiche Mangel drohen könnte wie in Prenzlauer Berg. "Wir haben aber genügend Schulplätze", schwört Bildungsstadträtin Monika Herrmann.

Meistens mischen sich diese Friedrichshainer Welten, wie man beim Bummel über den Wochenmarkt oder den sonntäglichen Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz sehen kann. An Wochenenden kommen auch frühere Bewohner gerne in ihren alten Kiez. "Dann trifft man sich wieder und quatscht", sagt Klempnermeister Günther.

An milden Tagen lungern schwarz gewandete Jugendliche mit Hunden demonstrativ vor den Spätkaufkiosken. Mütter bugsieren ihren teuren Kinderwagen an ausgestreckten Beinen vorbei. Selbst Politschläger verspüren ein wenig Kiezgeist: Als es am Vorabend des 1. Mai zu Ausschreitungen kam, wollten Randalierer in der Boxhagener Straße ein Auto auf die Straße schieben und umwerfen. Beherzt griff Assi, der türkische Kioskbesitzer, ein: "Hey, sind doch alles Autos von Nachbarn", rief er den zornigen Straßenkämpfern zu. Sie ließen ab und zogen weiter.

Aber meistens ist es friedlich in Friedrichshain. Der Volkspark, der dem Stadtteil seinen Namen gab, ist die zweitgrößte innerstädtische Gartenanlage Berlins, ist ein von Kindern wimmelndes Idyll. Zwischen den beiden Hügeln am Teich herrscht ein besonders mildes Mikroklima, die Sonne scheint hier länger zu strahlen als anderswo.

"Wie New York in den 80ern"

Ausländer lieben Friedrichshain, kaufen sich hier ein - einzelne Wohnungen oder gleich ganze Mietshäuser, die lange so billig zu haben waren wie in anderen Metropolen Dreizimmerappartements. "Es ist wie New York in den 80er-Jahren", sagt Ed Scheibler. Längst lebt der Anwalt in Kalifornien, aber sein Haus in der Gärtnerstraße bietet immer wieder Anlässe, mal nach Berlin zu kommen. Solche Käufer treiben natürlich die Preise in die Höhe. Sie investieren allerdings auch. Wo vorher leere Fensterhöhlen gähnten, verkaufen nun zwei junge Frauen die kieztypische Mischung aus nett designtem Kleinkram und Espresso.

Obwohl seit einigen Jahren Schritt für Schritt ganze Straßenzüge saniert werden, gibt es in Friedrichshain längst noch keine golden glänzenden Türschilder wie in den durchgestylten Ecken von Prenzlauer Berg. Die aufstrebende Mode- und Musikwelt strahlt zwar vom - politisch umkämpften - Spreeufer in den Stadtteil, aber manch hoffnungsfroher Kreativer ergreift auch wieder die Flucht vor der rauen Wirklichkeit des Berliner Ostens. Ein Fernsehmoderator war nach einem Dreivierteljahr wieder weg: "Der Hundedreck hat am meisten genervt." Klempnermeister Günther kann da nur schmunzeln. "Früher gab es viel mehr Hunde und Hundedreck hier." Da habe jeder Hausbesetzer drei oder vier Hunde gehabt.

Inzwischen verbürgerlichen auch die einstmals harten Kämpen aus der linken Szene, wenn sie neben Müttern aus Hessen oder Schwaben für ihre Kinder auf dem Drachenspielplatz an der Schreinerstraße Wasser pumpen und das erste Grau aus dem rot gefärbten Haarschopf ragt. Die wilden Zeiten sind Folklore. Sie leben auf, wenn einmal im Jahr im Hochsommer die Wasserarmee Friedrichshain die üblen Kreuzberger, nördlich der Spree Unterfriedrichshainer genannt, in der traditionellen Gemüseschlacht mit altem Obst, Schaumstoffprügeln und Wasserspritzen von der Oberbaumbrücke vertreibt. Im Jahr 2003 war Friedrichshain mit Kreuzberg zu einem Bezirk zusammengelegt worden; daran erinnert das Spektakel. Es ist gesponsert von einem bekannten privaten Müllentsorger.

Morgen: Alt-Charlottenburg/Charlottenburg Nord

Selbstbewusst: Rund ums Schloss ist die City zwar nicht trendy, aber sehr charmant

"Ich lebe gern in Friedrichshain, weil es multikulturell und nicht zu versnobt ist. Viele meiner Freunde wohnen hier. Und man kann auch spätabends noch einkaufen"

Ditte Kotzian, Turmspringerin und DJane,