Artistik

Mit Kunststücken ab in die Zukunft

Natürlich wird Eva-Maria Braun stolz sein auf ihre Töchter. Auf Ama (13) und Nicole (14), die mit dem Einrad auf die Bühne im Wintergarten Varieté fahren werden. Auf Jacqueline (16), die gekonnt den Hula-Hoop-Reifen dreht, und auf Sarah (14), die am Trapez schwingt. Jede Mutter wäre das. Aber bei Eva-Maria Braun ist es noch mehr. Denn ihre Töchter sind Pflegekinder. Sogenannte "Problemkinder" mit körperlichen oder geistigen Defiziten.

Sarah war vier Monate alt, als sie zu Eva-Maria Braun kam, die damals vom Jugendamt Kreuzberg als erste Adresse für Kinder geführt wurde, die eines Tages zu Pflegeeltern kommen sollten. Sarahs Mutter war Alkoholikerin, ging dauernd auf Trebe und ließ das Baby tagelang allein zurück. "Welche Schäden sie hatte, war nicht abzusehen", sagt die 52-jährige. Das Verhalten des Babys war ungewöhnlich: Sobald ein Unbekannter es auf den Arm nahm, hörte es auf zu atmen und wurde bewusstlos. "Und nachts wachte es alle 20 bis 30 Minuten auf und geriet in Panik", sagt Eva-Maria Braun. Trotzdem war ihr schon nach ein paar Wochen klar: "Das Kind bleibt bei mir."

Niemand wollte sie haben

Nach einer Weile kam Ama dazu. Gerade mal acht Wochen alt. Die Mutter war nicht in der Lage, sie zu versorgen, der Vater kam aus Ghana, lebte illegal in Deutschland. Ama nahm keinen Blickkontakt auf, ließ sich ungern berühren, schlug mit dem Kopf von einer Seite auf die andere. Als sie etwas größer war, fing sie auch noch an zu beißen. "Einige Pflegeeltern haben sich hier vorgestellt", sagt Eva-Maria Braun. "Keine wollten sie haben." Denn die Prognose war düster: Ama würde niemals laufen oder sprechen können, stellten Fachleute. "Höllisch war das", sagt Eva-Maria Braun, "ich wollte sie eigentlich auch nicht behalten." Doch als Ama ein Jahr alt war, schaute sie ihrer Pflegemutter das erste Mal fest in die Augen. "Dann konnte ich sie nicht mehr hergeben."

Nur ein paar Monate später nahm Eva-Maria Braun auch noch Jacqueline, damals 4, und ihre zweijährige Schwester Nicole in die Familie auf. "Beide waren sehr verstört", sagt die Pflegemutter. "Die kleine Nicole fiel ständig hin, war entweder extrem unruhig oder ganz phlegmatisch." Nachts kratzte sich das kleine Mädchen am ganzen Körper blutig. Eva-Maria Brauns Stimme wird ganz leise, wenn sie über die ersten Wochen mit den beiden Schwestern spricht. "Sie haben einiges mitgemacht", sagt sie.

Für alle vier Kinder stellte das Jugendamt einen erhöhten Förderbedarf fest. Bis heute bekommt Eva-Maria Braun pro Pflegekind nicht die normalen 300 Euro, sondern 950. Fast zwei Jahre lang lief Eva-Maria Braun mit ihren Kindern von einer Therapie zur nächsten. Sie machte Krankengymnastik und förderte sie, so gut sie konnte. "Doch die motorischen und geistigen Defizite blieben", sagt sie.

Wohnzimmer als Abenteuerspielplatz

Bis vor zehn Jahren. Eva-Maria Braun erinnert sich ganz genau an den Tag. Es war Muttertag, Nicole stürzte mal wieder, verletzte sich schwer am Kopf. "Das war ein Schock für mich", sagt Eva-Maria Braun. Noch am selben Tag verwandelte sie das Wohnzimmer ihrer Kreuzberger Wohnung in eine Turnhalle. Mit Matten, Trapez, Geräten und Balancespielzeug. "Ich wusste, wir müssen noch mehr tun", sagt sie. Die Kinder tobten den ganzen Tag auf ihrem neuen Abenteuerspielplatz. Hüpften und balancierten. Schaukelten, tanzten.

Wenn Eva-Maria Braun erzählt, was in den kommenden Wochen und Monaten geschah, hört man ihrer Stimme noch heute an, dass sie es selbst kaum glauben kann. "Die Kinder entwickelten sich plötzlich rasant", sagt sie. An einem Spätsommertag, Eva-Maria Braun machte gerade ein Kreisspiel mit den Mädchen, stand Ama plötzlich auf und lief los. Wenig später lernte das Kind, das bis dahin als schwer behindert galt, schwimmen, sprechen und Rad fahren. Jacqueline interessierte sich sofort für das neu angeschaffte Einrad. Ein paar mal probierte sie, dann fuhr sie einfach los. Ebenso Nicole. Und Sarah, die bis dahin große motorische Defizite hatte, entwickelte so viel Talent, dass Eva-Maria Braun sie bald mehrfach in der Woche zum Akrobatik- und Turn-Training schickte.

"Auch intellektuell zog Sarah plötzlich nach", sagt Eva-Maria Braun. Sie schaffte es auf die Realschule, und in diesem Jahr wurde sie als eines von zehn Kindern aus ganz Deutschland an der staatlichen Artistenschule in Pankow angenommen. Mehrere Stunden Training am Tag, dazu die Schule. "Ganz schön hart", sagt Sarah. Doch kaum zu Hause, schwingt sie sich erst mal auf das Trapez, das im Wohnzimmer von der Decke baumelt. "Sarah hängt eigentlich immer kopfüber von der Decke", sagt Eva-Maria Braun, "wir sitzen am Esstisch und Sarah hängt dabei."

Finanzielle Probleme

Mittlerweile trainiert Eva-Maria Braun nicht nur ihre eigenen Kinder. Etwa 50 Kinder kommen regelmäßig zu ihr ins Sportzentrum am Columbiadamm. Sie fahren Einrad, jonglieren, laufen auf einer großen Kugel und turnen am Trapez. Eva-Maria Braun steht dabei, gibt Tipps, macht Hilfestellung. Eva-Maria Braun sieht nicht aus wie eine Akrobatin. Sie ist klein, ein bisschen rundlich. "Die Kinder können die meisten Sachen besser als ich", sagt sie, "aber ich weiß, wie ich es ihnen beibringen kann."

Jacqueline ist ein ruhiges Mädchen. Sie will Abitur machen, dann Tierärztin werden. Sarah wird natürlich Artistin. Ama und Nicole besuchen eine Förderschule, aber auch sie haben schon Ideen für die Zukunft. "Niemand hat damit gerechnet, dass die vier mal so weit kommen werden", sagt Eva-Maria Braun. Sie selbst auch nicht.

Finanziell ist die positive Entwicklung der Kinder für Eva-Maria Braun allerdings ein Problem. Denn jedes Jahr erstellt das Jugendamt ein neues Gutachten über die Mädchen. Und schon seit drei Jahren steht der erhöhte Förderbedarf von Jacqueline und Sarah auf der Kippe. "Sie entwickeln sich einfach zu gut", sagt Eva-Maria Braun. Ihre Stimme klingt bitter. Und wenn das Jugendamt dann demnächst feststellt, dass die beiden Mädchen keinen Förderbedarf mehr haben, bekommt Eva-Maria Braun für die Betreuung der Mädchen jeden Monat 700 Euro weniger. "Das wäre sehr bitter", sagt sie. Denn ein anderes Einkommen hat sie nicht. Die Betreuung der Mädchen ist ihr Beruf. "Ich werde dafür bestraft, dass sie sich bei mir so gut entwickeln."

Doch wenn sie ihre vier Töchter anschaut, verfliegt der Ärger über die Ämter ganz schnell. Sie sieht Sarah, die lachend am Trapez über den Esstisch schwingt, Ama mit dem Hula-Hoop-Reifen am Sofa und Nicole mit ihrer Schwester auf dem Trampolin. Sie sieht vier glückliche Mädchen, die einen so schweren Start ins Leben hatten. "Sie sind super, meine Mädels", sagt Eva-Maria Braun, "die Artistik hat sie zurück ins Leben geholt."

Am 22. September um 20 Uhr treten die Töchter von Eva-Maria Braun und andere Kinder ihrer Artistengruppe im Wintergarten Varieté (Potsdamer Straße 96) auf. Das Programm heißt "Amatista - Flügel deiner Phantasie". Es verbindet Artistik mit irisch-keltischer Musik. Karten kosten zwischen 20 und 45 Euro, Bestellung: Tel. 25 00 88 88