Polizeieinsatz wegen Omas Krokotasche

Der Fall ist kaum zu glauben, doch er ist jetzt mitten in Berlin, in Wilmersdorf, passiert: Eine bisher völlig unbescholtene Frau gerät urplötzlich ins Visier von Polizei und Justiz - fünf Jahre nach einem Vorfall, der ihr heute - für sie völlig überraschend - zum Vorwurf gemacht wird.

Der Fall ist kaum zu glauben, doch er ist jetzt mitten in Berlin, in Wilmersdorf, passiert: Eine bisher völlig unbescholtene Frau gerät urplötzlich ins Visier von Polizei und Justiz - fünf Jahre nach einem Vorfall, der ihr heute - für sie völlig überraschend - zum Vorwurf gemacht wird.

Es ist Punkt 6 Uhr morgens, als bei Angelika Meyer-Abich plötzlich Sturm geklingelt wird. Sie schreckt aus dem Bett und hört die Forderung von der Haustür. "Machen Sie die Tür auf." Wenige Sekunden später schellt es an der Wohnungstür der ehemaligen Stewardess. "Ich war völlig überrascht", erzählt sie, "da standen zwei Männer und eine Frau, hielten mir Dienstmarken vor die Nase, zückten ein Papier und murmelten etwas von Landeskriminalamt und Hausdurchsuchung." Auf die Frage nach dem Grund wird Angelika Meyer-Abich eröffnet, sie habe gegen das Naturschutzgesetz verstoßen. Dann folgt die Aufklärung: Vor fünf Jahren - am 21. September 2003 - hatte die heute 55-Jährige im Internet bei Ebay eine Krokodilledertasche und ein Paar Kroko-Schuhe zum Verkauf angeboten. Während sich für die Schuhe kein Käufer fand, ging die Tasche für 55 Euro an eine Frau in Bayern. Angelika Meyer-Abich: "Die kleine Umhängetasche war ein Erbstück von meiner Großmutter, mindestens 50 Jahre alt."

Nach dem Verkauf der abgewetzten Tasche war die Sache für die Berlinerin erledigt. Allerdings nicht für die Fahnder des Landeskriminalamtes. "Offenbar wird auf Jahre das Internet überwacht. Das ist kaum zu glauben", empört sich die Beschuldigte. Warum sie Jahre nach dem Verkauf ins Visier der Fahnder gerät, erfährt sie nicht. Inoffiziell heißt es, dass sich erst seit kurzem bayerische Ermittlungsbehörden mit der Käuferin beschäftigen.

Bei der Durchsuchung der Wohnung geht es richtig zur Sache. Die drei Polizisten durchstöbern Schublade für Schublade, Schrank für Schrank. Selbst im Kinderzimmer des Sohnes (13) wird alles umgedreht. "Ich kam mir vor wie eine Kriminelle", sagt Angelika Meyer-Abich, die seit dem Vorfall in ärztlicher Behandlung ist. Übrigens war die Krokotasche bereits in Bayern als "Beweismittel" sichergestellt worden.

Auch in der Wohnung der Berlinerin werden die drei Kripobeamten fündig. Die alten Krokoschuhe werden in der Abstellkammer sichergestellt, dazu noch ein Taschentuch-Täschchen (6x6 Zentimeter) aus Leder. Es lag in einer Kramschublade.

"Die Kroko-Schuhe hatte ich legal im Jahr 2000 in dem Schuhgeschäft Walter Steiger an der Schlüterstraße gekauft, mit der nötigen Bescheinigung. Leider stellte ich später fest, dass die Schuhe fürchterlich drückten und so bot ich sie bei Ebay an."

Nach knapp zwei Stunden beenden die Polizeibeamten die Durchsuchung.

Vor zwei Wochen dann musste Angelika Meyer-Abich zur Vernehmung ins Landeskriminalamt. "Ich stehe im Verdacht, gewerbsmäßigen Handel mit Produkten von Tieren, die unter Artenschutz stehen, zu betreiben. Lächerlich, weil ich nicht beweisen kann, dass es Omas Tasche war." Die bisher nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommene Berlinerin ist zum Kriminalfall (Az.: 351 Gs 1 UMW Js 826/07 288/07) geworden. Sie müsse zwar keine Gerichtsverhandlung befürchten, aber ein Strafbefehl mit Bußgeld sei garantiert, so die Polizei.

Das Berliner Landeskriminalamt bestätigt, dass pro Jahr mehrere Hundert Fälle von Verstößen gegen den Artenschutz von der zuständigen Dienststelle für Umweltdelikte untersucht werden. Skrupellose gewerbsmäßige Händler seien ebenso darunter wie Privatpersonen, die sich oft keiner Schuld bewusst seien. "Naturschutz in allen seinen Facetten wird ernst genommen. Dafür sorgt das Bundesnaturschutzgesetz, in dem auch die Vorgaben des Washingtoner Artenschutzabkommens umgesetzt sind. Und das ist wie jedes Gesetz für uns bindend", sagte ein Polizeisprecher.

Was erlaubt ist und was nicht, lässt sich nicht ganz leicht erklären. "Illegal ist grundsätzlich jede Vermarktung, das heißt Erwerb, Einfuhr und Verkauf zu kommerziellen Zwecken", so ein Polizeisprecher. Die rein private Aufbewahrung zu Hause sei grundsätzlich nicht zu beanstanden. "Es sei denn, jemand will Einfuhr- oder Kaufgenehmigungen sehen, und die liegen nicht vor", so der Polizei-Sprecher weiter.

Neben der Polizei ist bundesweit vor allem der Zoll für die Einhaltung des Artenschutzes aktiv. In Berlin gibt es die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die die zuständige Umweltbehörde ist. Die Beamten gehen Hinweisen nach, heißt es. So wie im Fall von Angelika Meyer-Abich - mit fünfjähriger Verzögerung . . .