Wirtschaft

Boxenstopp in der ICE-Klinik

ICE 227 "Ludwigslust" hat Pause. Kein Erholungsurlaub, eher eine Aktiv-Wellness-Kur. Ein gutes Dutzend Arbeiter kümmert sich in der Halle des ICE-Werks in Rummelsburg um den Hochgeschwindigkeitszug.

Nach zehn Jahren zwischen Berlin und Köln, nach etwa fünf Millionen Fahrtkilometern ist der Zug vom Typ ICE 2 reif für die dritte große Generalüberholung.

Neue Drehgestelle sind schon montiert. Jetzt läuft die Feinarbeit. Computer, Bremsen, Kabel, Stromabnehmer und Antennen werden überholt. Parallel läuft die Schönheitskur im Innenraum. Im Bordbistro stapeln sich ausgebaute Sitze und Tische. Nebenan im Restaurant verlegen Arbeiter den neuen Teppich. Hand-in-Hand-Arbeit rund um die Uhr auf vier Ebenen zwischen der Montagegrube und der Hallendecke.

Seit zehn Jahren ist das Routine für die gut 800 Mitarbeiter in Rummelsburg. An diesem Sonnabend können die Berliner ihnen erstmals über die Schulter schauen. Zum Geburtstag lädt das ICE-Werk von 10 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Vom Bahnhof Karlshorst pendeln Sonderzüge direkt auf das Werksgelände, wo Traditionsfahrzeuge und Führerstandsmitfahrten, Show- und Kinderprogramm auf die Besucher warten - vor allem aber authentische Einblicke in den Arbeitsalltag der "ICE-Klinik". Luft für eine Auszeit bleibt nämlich selbst dann nicht, wenn erwartete 10 000 Bahn-Interessierte das Betriebsgelände besichtigen. "Der Wartungsbetrieb läuft weiter", sagt Werkstattleiter Ralf Kunze. "Etwas anderes lässt unser Terminplan gar nicht zu." 590 Züge verlassen Woche für Woche das Werk in Rummelsburg, darunter fast 400 Hochgeschwindigkeitszüge der Typen ICE 1, ICE T und ICE 2. Für letztere ist Rummelsburg seit dem Jahr 2000 die bundesweite "Heimatwerkstatt".

Mit einer laut tönenden, ölverschmierten Klischee-Werkstatt hat die Halle allerdings so viel gemein wie ein ranziger Imbiss mit einem Nobelrestaurant. Leise surren Akkuschrauber, piepen Kontrollgeräte. Im menschenleeren Führerstand von ICE 227 blökt eine mechanische Stimme aus dem Bordcomputer "Störung". Wären nicht die Fahrräder, mit denen sich einige Arbeiter auf dem riesigen Gelände von Einsatzort zu Einsatzort bewegen, könnte man sich in einen Science-Fiction-Film versetzt fühlen.

Hochtechnologie auf der Schiene erfordert Hochtechnologie in der Werkstatt, vor allem weil den Männern und Frauen im Rummelsburg die Zeit immer im Nacken sitzt. Zwei Stunden bleiben für Reinigung, Ver- und Entsorgung, Reparaturen nicht eingerechnet. Vor allem in den Nächten herrscht Hochbetrieb. Gut die Hälfte der 800 Handwerker und Reinigungskräfte ist dann im Einsatz, um die Züge möglichst schnell wieder auf die Schiene zu bringen.

Der Vergleich mit einem Boxenstopp in der Formel 1 hinkt dabei keineswegs. Wie die Superstars hinter dem Steuer Störungen und Defekte über Funk an ihre Mechaniker melden, um die Standzeit zu verkürzen, macht das auch der Bordcomputer des ICE. Mehr als 100 Kilometer vor Berlin überträgt er seine Daten automatisch an die Werkstatt. Wenn der Zug in die Halle gleitet, stehen Ersatzteile und Personal schon bereit.

ICE "Ludwigslust" braucht länger. Die "Revision", wie die zweithöchste Stufe im Wartungszyklus der Bahn heißt, nimmt knapp zwei Wochen in Anspruch. Nur ein Problem kann selbst die ausgefeilteste Wartungstechnik nicht lösen. "Man klebt richtig dran fest", sagt Elektriker Thomas Büttner und zieht die schwarzen Finger aus einem Kabelschacht. Auch wenn die Züge der Deutschen Bahn seit einem Jahr rauchfrei sind - das Nikotin in den Ritzen der ehemaligen Raucherabteile ist noch da.