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Viele Aufgaben für neuen Charité-Chef

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Feierliche Amtsübergabe gestern Nachmittag in der Charité am historischen Campus Mitte: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dankte dem bisherigen Charité-Chef, Professor Detlev Ganten, der in den vergangenen Jahren "mit Herzblut für die Charité geworben" habe. Der so Geehrte übergab die Stafette in Form einer Reproduktion der schriftlichen Bestimmung des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I ("es soll das haus die charité heißen") an seinen Nachfolger, Professor Karl Max Einhäupl.

Der 61 Jahre alte Neurologe leitet nun Europas größtes Universitätsklinikum (14 000 Mitarbeiter, vier Standorte, Jahresumsatz: eine Milliarde Euro) und hat sich damit eine Herkulesaufgabe aufgeladen. Zu den größten Herausforderungen gehören die zu erwartenden Defizite für 2007 und 2008. (Für 2007 liegt noch kein testierter Haushaltsabschluss vor.) Nach offiziellen Angaben droht für dieses Jahr ein Minus von zehn Millionen Euro. Insider gehen jedoch von einem größeren Defizit von etwa 40 Millionen Euro aus. Einhäupl muss also sparen und will dies offenbar zunächst bei der Krankenversorgung tun und klinische Abteilungen schließen.

Die gesetzlichen Krankenkassen treten schon jetzt auf die Kostenbremse, verhandeln immer geringere Budgets. Aber, die neue "Währung" im Klinikbereich, die sogenannten DRGs, reicht in der Universitätsmedizin nicht aus, um die komplizierten Fälle zu finanzieren.

Unter keinem guten Stern steht auch die Kooperation der Charité mit dem privaten Klinikbetreiber Helios. Seit einem Jahr steht der Verdacht der Quersubventionierung im Raum. Der neue Partner der Charité steht schon fest und heißt Vivantes. Eine gemeinsame Baustelle haben beide Unternehmen im Südwesten erspäht. Dort herrscht die höchste Klinikdichte der Stadt. Der Charité-Campus Benjamin Franklin ist zudem sanierungsbedürftig, ebenso die Vivantes-Kliniken. Fraglich ist, ob sich die Charité und Vivantes (neun Kliniken) künftig weiterhin alle Standorte leisten können. Möglich, dass einige Kliniken geschlossen werden. Denkbar, dass ein gemeinsamer Klinikneubau Südwest entsteht, gemeinsam betrieben von der Charité und von Vivantes.

Auch in der Lehre gibt es Konflikte: Die Charité versucht die Zahl der Medizinstudenten zu reduzieren, indem sie den akademischen Lehrkrankenhäusern keine Studenten mehr zur Ausbildung ans Klinikbett schickt. Die Kliniken rebellieren dagegen, auch das renommierte Berliner Herzzentrum ist betroffen.

Der Investitionsstau an der Charité ist enorm. Die Uni-Klinik hat einen Unternehmensplan aufgelegt, wonach in den kommenden Jahren rund 500 Millionen Euro in alle vier Klinikstandorte investiert werden sollen. Grundsätzlich will die rot-rote Landesregierung in die Sanierung der Hochschulmedizin investieren. Doch schon das erste Bauprojekt der Charité wurde zum Desaster. Die Kosten für die neue Vorklinik und für das Forschungszentrum liefen aus dem Ruder, betragen aktuell 86 Millionen Euro, 30 Millionen Euro mehr als ursprünglich veranschlagt. Auch in der Zahnmedizin gibt es hausgemachte Probleme. Die beiden Zahnkliniken Nord und Süd haben im vergangenen Jahr keine Rechnungen an die Krankenkassen gestellt. Das führte zu Einnahmeverlusten in Millionen-Höhe.

Und der Finanz-Druck auf die Charité erhöht sich durch den sinkenden Landeszuschuss für Forschung und Lehre. Um fast 100 Millionen Euro ist die Zuwendung gestrichen. Zugleich muss sich die Charité auf dem internationalen Wissenschaftlerparkett um die besten Köpfe bemühen. 43 Leitungspositionen sind in den kommenden fünf Jahren neu zu besetzen.