Serie: Wie es war – Die journalistische Erzählung

Aus der Flucht wird eine politische Affäre

Nachdem der Entführer der LOT-Maschine, Hans-Detlev Tiede, und seine Begleiterin Ingrid Ruske ausgestiegen sind, werden sämtliche Passagiere im Casino des Militärflughafens Tempelhof versorgt und von West-Berliner Beamten befragt. Polen und Ost-Berlin protestieren gegen diese "Behandlung" ihrer Bürger. Am Nachmittag dieses 30. August 1978 fliegt die TU-134 mit einigen Passagieren zurück.

Die Mehrheit fährt gegen 18 Uhr mit einem Bus Richtung Grenzübergang, nicht ohne Absicht über den Kurfürstendamm. Aber niemand steigt noch aus. Im Osten verhört die Stasi die Rückkehrer. Die DDR-Nachrichtenagentur spricht von einer "mysteriösen Flugzeugentführung" und verschweigt die insgesamt zehn Geflohenen. Es ist die zehnte Flugzeugentführung aus dem Ostblock in den Westen.

Juristischer Sonderfall

Hans-Detlev Tiede, Ingrid Ruske und ihre Tochter Sabine verbringen die ersten Wochen auf dem Flughafengelände. Die West-Berliner zeigen sich solidarisch und spenden. In der Bevölkerung heißt die Airline LOT "Landet ooch Tempelhof". Schließlich wird Ruske der Umzug gestattet, Tiede kommt nach Moabit in Untersuchungshaft. Beiden soll der Prozess gemacht werden. Aber nicht durch deutsche Gerichte. Zwar plädiert Bonn seit der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" 1977 für ein härteres Vorgehen gegen Luftpiraten, will das aber nicht an einem DDR-Flüchtling vollziehen. Alliierte Vorschriften aus den 50er-Jahren erlauben es Washington im Sonderfall, einen "US Court of Berlin" einzurichten. So wird im Flughafen Tempelhof ein originaler US-Gerichtssaal hergerichtet.

Milde Strafe durch US-Richter

Am 6. Dezember 1978 erfolgt die Aufnahme des Verfahrens wegen Flugzeugentführung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme und unerlaubten Waffenbesitzes. Aus 500 West-Berlinern werden zwölf Geschworene ausgewählt. Am 28. Mai 1979 spricht der eigens eingeflogene US-Richter Herbert Jay Stern das Urteil. Hans-Detlev Tiede wird für die Geiselnahme schuldig gesprochen und erhält wegen der Notlage bei seiner Flucht nur neun Monate Haft, die auf seine U-Haft angerechnet wird. Er ist frei. Die US-Administration hätte lieber ein zügigeres Verfahren mit härterer Strafe gesehen, doch Richter Stern pocht auf seine Unabhängigkeit. Das Verfahren gegen Tiedes Begleiterin stellt er wegen Formfehler ein, weil sie ohne Rechtsbelehrung und Anwalt verhört worden war.

Der Osten bleibt hart

Polen verlangt weiterhin die Auslieferung des Entführers. Die DDR unterstützt das Vorhaben mit Verweis auf internationale Übereinkommen, muss aber erkennen, dass es keine zwingende völkerrechtliche Verpflichtung dazu gibt. Die DDR-Medien geißeln die Haltung des Westens, die Flüchtlinge Tiede und Ruske werden als asozial und arbeitsscheu diffamiert. Die Stasi macht Druck, um die anderen Flüchtlinge zurückzuholen, was in einem Fall gelingt. Sie ist sauer, dass es unter ihren Augen zur Entführung kommen konnte und sammelt weiter Material über Tiede, Ruske und deren Angehörigen, die Repressalien erleiden. 1982 schließt die Stasi den Vorgang "Fähre".

Rache am Fluchthelfer

Horst Fischer, der seiner Freundin bei der Flucht helfen wollte, muss nach seiner Verhaftung am 26. August 1978 endlose Verhöre ertragen. Nach dem Urteil gegen Tiede wird er nur einen Tag später von der DDR zu acht Jahren Haft verurteilt. Körperlich gebrochen wird er 1980 freigekauft und heiratet Ingrid Ruske. 2006 stirbt Horst Fischer (65). Hans-Detlev Tiede arbeitet in West-Berlin als Kellner und ist heute Frührentner. Ruske nimmt wieder ihren Mädchennamen an, schult um und ist heute als Heilpraktikerin tätig. Tochter Sabine arbeitet in einem Ingenieurbüro. Die polnische Stewardess Ewa Przybysz lebt in New York.