Bildung

Von der Skandalschule zum Vorzeigeobjekt

Als der große Mann im grauen Anzug auf sie zukam, zeigten die Schüler der Rütli-Schule sich plötzlich ganz schüchtern. Wolfgang Tiefensee klopfte den Jungs auf die Schultern, fragte sie nach ihrem Wohlbefinden und sah ihnen bei der Arbeit in der Schul-Werkstatt zu.

"Super, was ihr hier macht", sagte der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (SPD).

Auf Einladung des Quartiers Reuterkiez besuchte der Politiker gestern das Gelände rund um die Rütli-Schule in Neukölln. Bis 2012 wird hier für rund 5,5 Millionen Euro ein Bildungsangebot mit Kitas, Sportflächen, Mensa und Jugendclubs mit dem Namen "Campus Rütli" entstehen. Vor zweieinhalb Jahren war die Rütli-Schule zum Sinnbild für gescheiterte Integration und gewalttätige Schüler geworden, als verzweifelte Lehrer einen Brandbrief an den Senat geschrieben hatten. "Mit meinem Besuch möchte ich deutlich machen, dass die Bundesregierung problembewusst ist", sagte Tiefensee. Er habe den Pädagogen persönlich danken wollen. "Das hier ist kein Paradies, aber es wird eine Menge getan, damit es in Richtung Paradies geht", stellte Tiefensee fest. Mit ihm besuchten auch Ingeborg Junge-Reyer (SPD), Senatorin für Stadtentwicklung, sowie Projekt-Schirmherrin Christina Rau und Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) den entstehenden Campus.

Die einstige Skandalschule ist durch die Idee des Campus zum Vorzeigeobjekt geworden. Es soll dazu beitragen, den Ruf von Neukölln zu verbessern. Allerdings ist um den Campus Rütli eine Debatte entbrannt. Mitarbeiter des Projektes werden von Kollegen anderer Einrichtungen um ihre Fördermittel beneidet. Zudem bemängelt der Landeselternausschuss fehlende Investitionen in den übrigen Berliner Schulen. "Es ist nicht falsch, was dort gemacht wird. Aber bei Rütli wird übertrieben. Das Ganze ist vor allem ein Marketingprojekt", sagte der Vorsitzende André Schindler der Morgenpost.

Von den rund 800 Berliner Schulen seien viele marode und würden dringend eine bessere personelle Ausstattung benötigen. "Aber so ein teures Projekt wie den Campus Rütli zu wiederholen, ist nahezu unmöglich." Und dass Rütli, wie Junge-Reyer meint, eine positive Strahlkraft auf andere Schulen in Neukölln und Kreuzberg habe, glaube er nicht. Auch Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, fordert die Verantwortlichen auf, sich nicht zu sehr auf den Campus zu beschränken: "Es ist gut, dass hier etwas getan wird. Aber andere Schulen und Einrichtungen dürfen nicht darunter leiden."

Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky weiß um die Begehrlichkeiten der Schulen in den Problemkiezen. Er würde ständig gefragt, warum Rütli mit Millionen unterstützt wird und andere nicht. "Das Ganze ist eine Neiddebatte. Der Campus Rütli beschränkt sich nicht auf die Schule. Er ist in gewisser Weise ein Experiment und soll langfristig etwas verändern. Keine andere Schule wird vernachlässigt."

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