Berlin

Sprachforscher: Berlinerisch ist eine Gaunersprache

Die Umgangs- und Ausdrucksformen der Berliner sind ja jenseits der Stadtgrenzen eh nicht besonders gut beleumundet. Da wird ihren Ruf jetzt auch nicht sonderlich aufpolieren, dass der hier gepflegte, ganz eigene, mancherorts gefürchteter Dialekt von krimineller Herkunft ist.

Das seit diesem Monat in überarbeiteter Fassung erschienene Langenscheidt-Wörterbuch "Berlinerisch" nennt eine Vielzahl von Begriffen, die dem "Rotwelsch" zuzuordnen sind - auch bekannt als "Gaunersprache".

Das Berlinern, so erklärt Wolfgang Walther, Cheflexikograf in der Redaktion Wörterbuch beim Langenscheidt-Verlag, kann bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Nach der Verdrängung der eingesessenen Elbslaven ließen sich im Sprachraum Rheinischen Franken, Niederländer und Askaniern nieder. "Zu diesem Zeitpunkt war dort erstmals das sogenannte Niederdeutsch zu vernehmen. Das Berlinerische steht zwischen der Niederdeutschen und Mitteldeutschen Mundart."

Schon 200 Jahre später hatte auch der Vorgänger des heutigen Berlinerns offenbar bereits Schaden genommen. "Die gebildeteren Schichten legten Wert darauf, Hochdeutsch zu sprechen. Die weniger Gebildeten drückten sich in einem Mittelmärkischen Niederdeutsch aus, auf dem auch das Berlinische fußt."

In den folgenden Jahrhunderten bekam die Mundart immer neue Impulse durch Zuwanderung und Besatzung. Innovationen und Mutationen des Regionaldialekts brachten etwa Obersächsisch, Hebräisch, Jiddisch, Flämisch, Französisch und slawische Sprachen. Aus dem Rotwelsch, der Gaunersprache, die man seit dem späten Mittelalter unter Bettlern, fahrendem Volk und Verbrechern sprach, stammen etwa "ausbaldowan" und "Kohldampf".

Inzwischen gilt das Berlinische nicht allein Dialekt sondern aus sprachwissenschaftlicher Sicht als ein "Metrolekt", der also von einer Großstadt ausgeht. "Das findet sich nun auch bei Menschen in Brandenburg - wozu der Mauerfall und im Umland lebende Berliner beigetragen haben", erläutert Walther die neuesten Entwicklungen." Auch er hat diese markante Eigenschaft des Berlinerns erfahren. So verfüge der Dialekt über eine derart große Strahlkraft, dass Begriffe daraus über rund 100 Kilometer hinweg bis in die Umgangssprache von Walthers heimischem Wittenberg gefunden haben.

Die seit dem 14. Jahrhundert bis heute währenden Vorbehalte gegen das Berlinern als ordinäre Gossensprache relativiert er. "Das ist Dialekten immer eigen: die sind salopp, vulgär, direkt, pragmatisch." Die daraus sprechende Schnoddrigkeit habe dazu geführt, dass Berliner von außen als unfreundlich empfunden werden, wertet Walther nüchtern. Ein Missverständnis, findet er.

Trotzdem: Wer durch die rund 5000 Begriffe im Wörterbuch blättert (Berlinerisch, Langenscheidt, München, 384 Seiten, 2,95 Euro) stößt mehrheitlich auf abfällig wirkende Begriffe, vom Molleken-Doof, über den Eumel bis zum Hämeken - Zille-Personal allesamt. Und ein Zugereister, der sich einen "Klippenkacka" nennen lassen muss, nur weil er von der Küste stammt, hat sein Urteil über das Wesen der Berliner bestimmt schnell gefällt. Einen interessanten Trend meint Wolfgang Walther bei Ostberlinern aus der Nachwende-Generation beobachtet zu haben. Dass im Arbeiter- und Bauernstaat bei gebildeten Schichten durchaus gesellschaftsfähige Berlinern sei dort heute immer weniger zu vernehmen.

Das Berlinern dient eben nicht allein dazu, sich seinen Mitmenschen gegenüber verständlich zu machen. Wie jeder Dialekt wählt man es vor allem aber, um etwas besonders direkt und spöttisch, mal humorig oder auch verletzend zu formulieren. Dass Langenscheidt-Experte Walther als passendes Szenario für einen typischen Meinungsaustausch zweier Berliner im Jargon ihrer Stadt ausgerechnet "die Situation nach einem Auffahrunfall" nennt, spricht dann aber doch Bände über das Berlinern. "Da wird dann vermutlich im Dialekt gesprochen, um sein Anliegen mal deutlich zu machen", spekuliert Walther.