Abschied von einem Ganoven

Zuhälter sind eigentlich immer ganz lieb. Eigentlich. Sie sind treue Freunde, liebevolle Väter. Sie, die Hemmungslosen, weinen am Todestag ihrer Mutter. Und manchmal suchen sie ihre Nähe sogar noch im Grab. Gute Jungs.

Am 18. September wird auf einem Neuköllner Friedhof die Urne mit den sterblichen Überresten von Otto Schwanz in das Grab seiner Mutter gesetzt. Letzte Ruhe für einen Mann, der zu Lebzeiten für viel Unruhe sorgte. Vergangene Woche war er im Alter von 63 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens gestorben. Man muss kein Prophet sein, um zu vermuten, dass seine alten Parteifreunde von der CDU Wilmersdorf ihm die letzte Ehre verweigern. Sie würde ihm sicher auch nicht viel bedeuten ...

Otto Schwanz war bekennender Ganove. Man nannte ihn respektvoll "König Otto" oder "Otto der Große". Er war Bordellbesitzer, und sein Name Otto Schwanz war kein Künstlername. Er trug ihn mit Stolz. Sein Leben war eine Reise durch das Strafgesetzbuch: Urkundenfälschung, Erpressung, Brandstiftung, Delikte ohne Ende. So richtig groß raus - beziehungsweise für sechseinhalb Jahre rein ins Gefängnis - kam er 1987 durch den "Antes-Prozess". Das Gericht wies ihm nach, dass er den Charlottenburger Baustadtrat Wolfgang Antes mit 50 000 Mark Schmiergeld bestochen hatte. Es ging um die bevorzugte Verpachtung des "Café Europa" am Breitscheidplatz an einen Schwanz-Freund. Schwanz, der mit sicherem Schritt durch den West-Berliner Sumpf aus Politik, Wirtschaft und Rotlichtmilieu watete, hatte sich vom Fliesenleger zum Frauenbeschaffer für Amtsträger und Unternehmer hochgearbeitet, zum Helfer für Bauherren, die keine Herren waren.

Wo immer was los war in der Mauer-Stadt - der hünenhafte Bordelli war immer dabei. Auch bei der ICC-Eröffnung 1979 durfte er Ehrengast des SPD-Regierenden Dietrich Stobbe sein. Das erfreute noch Jahre später CDU-Generalsekretär Klaus Landowsky, der - unter johlendem Gelächter seiner Freunde - im Schöneberger Stadtparlament damit den Nachweis erbringen wollte, dass auch die SPD Kontakte zu Schwanz hatte.

Das Etablissement von Otto Schwanz lag an der Budapester Straße und hieß "Blauer Engel". Dort ließ er sich gern wie ein Pascha "mit Damen aus allen Kontinenten", wie er meinte, ablichten. "Alles Anfängerinnen", denen er nach eigenen Angaben "erst mal das Einmaleins" beibringen musste. Sie werden viel gelernt haben bei ihm.

Wie er von seinem väterlichen Freund Hans Helmcke ("King of Puff"). Der hatte die legendäre "Pension Clausewitz" an der Schlüterstraße, wo sich die männliche Prominenz verwöhnen ließ. Helmcke war sein großes Vorbild. Von ihm hat er sein "Handwerk" gelernt.

Schwanz: "Helmcke hab ick kennen gelernt, da war mal Streit in einem Laden, und da hab ick einem, der dem Helmcke frech gekommen ist, eins auf die Mütze gehauen und ihn rausgeschmissen ... Hat Helmcke imponiert."

Der fragte nach seinem Namen. Und als er sagte "Otto Schwanz", hat Helmcke gesagt: "Passt ja wie die Butter aufs Brot." Es war der Beginn einer Freundschaft. Und der großen Abkassiererei am Kudamm. Das Revier wurde aufgeteilt - und die leichten Mädchen mussten schwer in die Tasche greifen.

Otto Schwanz versuchte auch, gefälschte Dollarnoten an den Mann zu bringen. Aber das Papier war viel zu dick. Selbst der Richter hatte Mitleid. Auch gab es Kontakte zu DDR-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski. Der Prozess um gefälschte BVG-Monatsmarken signalisierte schließlich das Ende einer Gaunerkarriere. Es folgte ein Schlaganfall, der körperliche Abbau. "Junge, versündije dir nich", hatte Mutter ihm mal gesagt. Klappte nicht immer. Aber es ist so: Mütter verzeihen ihren Söhnen alles. Erst recht im Grab.