Die Spree fließt rückwärts

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Florentine Anders und Anemi Wick

Foto: Buddy Bartelsen

Umweltexperten schlagen Alarm. Durch die seit Monaten anhaltende Trockenheit ist die Spree fast zum Stillstand gekommen. Der Fluss fängt an zurückzufließen. Nie war seine Tiefe so gering wie jetzt. Welche Auswirkungen sind zu befürchten? Die Berliner Morgenpost fragt nach.

Ist die Trinkwasserversorgung der Stadt gefährdet? Der Tiefstand der Spree hat keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung der Stadt, versichert Eike Krüger, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Das Trinkwasser werde aus dem Grundwasser gewonnen, und dieses sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Martin Pusch vom Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei warnt hingegen vor einem Mengenproblem: Der Zufluss in den Müggelsee, einem wichtigen Wasserreservoir für die Stadt, liege unter anderem auf Grund der Trockenheit nur bei gut einem Fünftel der üblichen Menge. "Das gesamte Wasser, das im Augenblick nach Berlin strömt, wird auch gebraucht. Das heißt, es sind keine Reserven da."

Verschlechtert sich durch den Wassermangel die Trinkwasserqualität? Eike Krüger sieht diese Gefahr nicht. "Ein Tropfen Spreewasser braucht etwa 50 Tage, bis er das Grundwasser erreicht. Auf dem Weg durch die Erdschichten werden bestimmte Inhaltsstoffe herausgefiltert und Mineralien hinzugesetzt." Problematisch könnte es werden, wenn der Trend der Trockenheit über viele Jahre anhalte, doch das sei sehr unwahrscheinlich, so der Sprecher der Wasserbetriebe.

Ist das ökologische Gleichgewicht der Spree in Gefahr? Viele Flusstierarten können in stehenden Gewässern nicht überleben. Schon jetzt fehlen in der Spree etwa ein Drittel der Fisch- und Muschelarten, die wichtig für die Reinigung des Wassers sind. Die Muscheln beispielsweise filtern Trockenmasse aus dem Wasser. Sind diese nicht mehr da, leide die Wasserqualität erheblich, sagt Professor Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg. Durch den langsamen Wasserfluss verringert sich laut Ulrike Krüger von der Deutschen Umwelthilfe die Sauerstoffkonzentration. Gleichzeitig verstärkt sich das Algenwachstum. "So geht den Fischen früher oder später die Puste aus", befürchtet Krüger. Fließt die Spree langsamer, konzentrieren sich Schadstoffe und werden für die Fische zur Gefahr, sagt Martin Pusch vom Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei.

Kann es zu einem totalen Stillstand der Spree kommen? Die Spree würde schon lange stehen, wenn Brandenburg nicht aus der Talsperre Spremberg oberhalb des Spreewaldes kontinuierlich Wasser in den Fluss einspeisen würde, sagt Professor Freude. "In besseren Zeiten wurden einmal acht Kubikmeter pro Sekunde vereinbart." Jetzt seien es gerade mal drei Kubikmeter, von denen in Berlin nur noch ein bis zwei Kubikmeter pro Sekunde ankommen. Ein Teil verdunste und versickere in den Braunkohlabbaugebieten. Das gespeicherte Wasser reiche noch bis zum 20. September, und das auch nur dann, wenn Sachsen den Hahn nicht abdreht, so Freude. Brandenburg erhält zusätzlich 20 Millionen Kubikmeter pro Jahr aus der Talsperre in Bautzen. Die sind am Montag aufgebraucht, prognostiziert Freude. "Wir stehen in Verhandlungen, um fünf Millionen Kubikmeter zusätzlich zu bekommen. Die Signale stehen positiv", sagt der Umweltamtspräsident. Andernfalls bleibe allein die Hoffnung auf Regen.

Wie kann dem Problem langfristig entgegengewirkt werden? Innerhalb von zwei Jahren will das Netzwerk "Lebendige Spree" der Deutschen Umwelthilfe gemeinsam mit allen Anliegern der Spree - Bauern, Fischer, Kommunen und Umweltschützern - einen Masterplan zur Spree-Renaturierung entwickeln. "Damit der Fluss wieder fließt, muss das Flussbett abgeflacht werden. So kann er bei Hochwasser über die Ufer treten, dabei den Grundwasserspeicher wieder auffüllen und das Wasser in Trockenzeiten wieder auf natürliche Weise abgeben", erklärt Projektleiterin Ulrike Krüger.

Durch die Kanalisation und Begradigung habe sich die Spree zudem immer tiefer eingeschliffen und brauche jetzt viel mehr Wasser als früher. Das müsse durch eine Anhebung des Flussbettes korrigiert werden. Ein erstes Renaturierungsprojekt für die Müggelspree sei durch das Landesumweltamt Brandenburg schon in Planung. "Wir stehen jedoch erst am Anfang unserer Arbeit", so Krüger.

Sind die angrenzenden Badegewässer in der Qualität beeinträchtigt? Nein, heißt es im Landesamt für Gesundheitsschutz. Aus hygienischer Sicht seien die spreedurchflossenen Seen wie der Müggelsee unbedenklich.

Im Gegenteil, die Trockenheit habe sich sogar günstig auf die Badequalität ausgewirkt. Denn durch den mangelnden Starkregen sei auch weniger Schmutz in die Gewässer gespült worden.