Stadtplanung

Kleinliche Bauvorschriften oder großer Wurf?

Kaum sind Details zu der Gestaltungssatzung für die "Historische Mitte" Berlins bekannt geworden, hagelt es Lob und Kritik von allen Seiten. Während die einen in der Verordnung "einen tragischen Trend" zur Kleinlichkeit erkennen, sehen andere in ihr ein längst überfälliges Mittel zur Wahrung des Berliner gebauten Kulturerbes.

Wir geben einen Überblick über den aktuellen Architekturstreit, den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in der vergangenen Woche lostrat, als er dem neuen Alexanderplatz "massive Hässlichkeit" bescheinigte und die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) aufforderte, mehr Einfluss auf die Gestaltung der Innenstadt zu nehmen.

Die Senatorin reagierte prompt und präsentierte Anfang dieser Woche den Entwurf für eine Gestaltungssatzung, die allerdings das Areal des Alexanderplatzes gar nicht berührt. Gelten sollen die neuen Bauregeln lediglich für die Gegend um den Gendarmenmarkt, entlang des Prachtboulevards Unter den Linden, die Museumsinsel und den Schloßplatz. Nach dem Entwurf aus dem Hause der Senatorin sollen Bauherren ab 2009 nur noch Genehmigungen für Bauten bekommen, die bestimmte gestalterische Kriterien erfüllen. Geregelt wird darin die Gebäudehöhe, welche Fassadenmaterialien und -farben zu verwenden sind, die Form des Daches sowie Art und Umfang der Werbung am Gebäude.

"Derzeit ist es sehr schwer, Einfluss auf Werbung, Dachgestaltung oder Farbigkeit eines Gebäudes zu nehmen", nennt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher die Notwendigkeit einer entsprechenden Verordnung. Es sei ein großes Problem, sozusagen vis-à-vis des Weltkulturerbes der Museumsinsel "mehr Respekt vor dem historischen Umfeld" einzufordern. Innovative Architektur sei im Herzen Berlins aber dennoch auch weiterhin möglich: "Ein Gebäude wie das des Architekten David Chipperfield für den Kunstsammler Heiner Bastian erfüllt alle diese Kriterien - und ist unbestreitbar zeitgenössisch."

Das Ringen um eine zeitgenössische Architektur in der Mitte Berlins ist indes nicht erst seit dem Ausfall des Bürgermeisters gegen die fensterlosen Betonbauten am Alexanderplatz ein Dauerthema. Erst vor wenigen Wochen musste das Verfahren zur Sanierung der Staatsoper Unter den Linden neu aufgerollt werden. Der moderne Siegerentwurf des Architekten Klaus Roth wurde nach massiver Kritik unter anderem von Kulturstaatssekretär André Schmitz und Unternehmer Peter Dussmann, Vorsitzender des Fördervereins der Staatsoper, zurückgezogen. Gesucht wird jetzt ein Sanierungskonzept, das den historischen Saal der Oper weitgehend erhält.

Begeistert von dem Vorstoß der Stadtentwicklungsbehörde ist denn auch Wilhelm von Boddien, der Vorsitzende des Fördervereins Berliner Schloss. "Wunderbar, ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Boddien. Im Kern des historischen Berlins hätten Glasfassaden wie etwa die der Galeries Lafayette nichts zu suchen. "Es gibt genug Bereiche, wo die Moderne sich austoben kann", sagt der Schlossförderer. Wie segensreich eine Gestaltungssatzung wirke, lasse sich in seiner Heimatstadt Hamburg begutachten. Dort seien etwa Kupferdächer vorgeschrieben, Reklamefahnen dürften nur wehen, wenn sie weiß seien. "Das hat für einen eleganten Anblick gesorgt."

Lob kommt auch vom ehemaligen Bausenator Jürgen Klemann (CDU). "Absolut wünschenswert" sei die Gestaltungssatzung, so der Bausenator a. D. Baubehörden wie Investoren werde damit ein Rahmen vorgegeben, wie sich Bauvorhaben in die vorhandene ortstypische Bebauung einzupassen haben. Zugleich werde dem "Kunstwollen" und der Selbstverwirklichung mancher Architekten ein Riegel vorgeschoben "Und das ist nützlich, selbst wenn in einem Einzelfall davon abgewichen wird", so Klemann. Der ehemalige CDU-Bausenator spielt damit auf eine Entscheidung an, die während seiner Amtszeit getroffen wurde: Obwohl es eine Gestaltungssatzung für den Pariser Platz gab, erließ Klemann eine Sondergenehmigung für den Bau der Akademie der Künste. "Der Pariser Platz sähe heute nicht so aus, wie er jetzt meist bewundert wird, wenn es damals nicht Gestaltungsregeln gegeben hätte", sagt Klemann. Die Ausnahme für den "Glaskasten" der Akademie sei nach langem Ringen auch erst genehmigt worden, nachdem Akademiepräsident Walter Jens und eine veröffentlichte Meinung bis hin zu Bundespräsident Roman Herzog vehement die "Auffassung vertraten, dass die großen Geister der Akademie in ihren Gestaltungsabsichten nicht von kleinlichen Bauvorschriften beschränkt werden dürfen".

Hindernis für die Baukultur

Dass die verstärkte staatliche Einflussnahme auf die Art des Bauens oft genau das Gegenteil von Qualität erzeugt, befürchtet dagegen die Berliner Architektenschaft. "Das Beispiel des Genehmigungsverfahrens für den rosa Betonbunker des Kaufhauses Alexa am Alexanderplatz zeigt doch, dass trotz massiver Einflussnahme der Landespolitik, ja sogar trotz eines Wettbewerbs und eines guten Architekten am Ende etwas entstehen kann, was keinem gefällt", sagt etwa Eike Becker. Der Architekt, der derzeit ein Bauvorhaben am Bertolt-Brecht-Platz plant - und damit knapp außerhalb des Geltungsbereiches der neuen Verordnung. Becker hat, unabhängig von der aktuellen Diskussion, das Wohnhaus für den Investor Vivacon mit zwei Fassaden entworfen. "Die Glasfassade gefiel allen, auch Frau Lüscher, besser", sagt Becker. Es sei doch schade, wenn nun nicht mehr die bessere Architektur das bestimmende Kriterium sei, sondern nur danach geschaut werde, ob der Dachneigungswinkel stimmt und die richtigen Materialien verwendet wurden.

Solche Festlegungen, so Becker weiter, befördern nicht die Baukultur, sondern erschweren sie. Architekt Roger Bundschuh, der an der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte ein sehr avantgardistisches Haus für Kunstsammler errichtet, geht in seiner Kritik noch weiter. Er sieht in dem Satzungsentwurf einen "tragischen Trend". "Ich bedauere, dass Stagnation vor der Dynamik, das Konservatorische vor dem Innovativen Auftrieb hat. Dies ist schlimm, denn das Innovative ist ein weicher Standortfaktor, der Menschen, die etwas schaffen können, anlockt. Mit Entwürfen wie dem für die Satzung beschädigen wir diesen Standortfaktor. Eigentlich dachte ich, so was wäre mit der Ära Stimmann vorbei." Bundschuh warnt auch davor, Berlins Bild im Ausland zu beschädigen. Man müsse bedenken, dass die Hauptstadt Schaufensterfunktion für ganz Deutschland habe. Ausländer schauten nicht auf München, Hamburg oder Köln, sondern auf Berlin, auch was die Architektur anlangt. Wenn in Berlin aber nur mittelmäßige Architektur entstehe, sei dies "schlimm". Vielleicht, so spekuliert Bundschuh, sei es aber auch Ausdruck einer "großen Erstarrung der Gesellschaft", und das sei umso schlimmer. "Berlin muss beim Bauen Experimente zulassen, auch unter der Gefahr, dass etwas mal schiefgehen kann." Dies sei nun mal des Wesen "des Wagens". Bundschuh weiter: "Ich hätte nie gedacht, dass man sich fast einen Stimmann zurückwünscht. Der hatte wenigstens noch eine Spur des Großbürgerlichen. Das lassen die Verfasser des Satzungsentwurfs komplett vermissen."

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