Sozialpolitik

Geburtshelfer für den Familienfrieden

Als Konsequenz aus der steigenden Zahl vernachlässigter Kinder hat die familienpolitische Sprecherin der FDP, Mieke Senftleben, eine schnelle Ausweitung des Modellprojektes der Familienhebamme gefordert. "Da die Familienhebamme in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen schon erfolgreich arbeitet, ist es auch für Berlin sinnvoll, dieses Vorhaben auszuweiten."

Bisher plant der Senat, dass vier Geburtshelferinnen mit einer sozialpädagogischen Zusatzausbildung ab Anfang 2009 in Friedrichshain-Kreuzberg eingesetzt werden sollen. Das Modellprojekt soll dann nach einiger Zeit ausgewertet werden, um zu erfahren, ob diese Art der frühen Hilfe erfolgreich ist. Die Familienhebamme hilft jungen Müttern und Vätern über ein Jahr, Probleme in der Familie und bei der Betreuung ihres Kindes zu lösen. Sie kümmert sich nicht nur um das Neugeborene, sondern auch um überforderte Eltern. In Friedrichshain-Kreuzberg sollen die Hebammen 30 Familien betreuen. Sie sind ein Baustein des Netzwerkes Kinderschutz, das der Senat als Folge aus der Vielzahl vernachlässigter Kinder aufbaut. Ein anderer Ansatz des Senats ist die "aufsuchende Elternhilfe". Dabei kümmern sich Sozialarbeiter, die von Ärzten, Jugendämtern oder den traditionellen Hebammen über Missstände informiert wurden, um die Familien, indem sie diese aufsuchen und beraten. Mit 300 000 Euro im Jahr unterstützt der Senat dieses Projekt.

Wie wichtig der Einsatz der Familienhebamme in Problemfamilien ist, zeigen auch die Beschreibungen des Leiters des Kindernotdienstes. "Die Kinder, die zu uns kommen, kennen oft kein gutes Wort, sind müde, schmutzig und riechen schlecht", berichtet Jürgen Bock aus seinem Alltag. "Viele Kinder werden bei uns erstmals mit einer warmen Mahlzeit von einem Teller auf einem Tisch konfrontiert."

Betroffene Kinder immer jünger

In der Wohngruppe des Kindernotdienstes leben derzeit acht Kinder vom Säugling bis zum Schulkind. "Wir beobachten, dass die Kinder immer jünger werden", sagt Bock weiter. Vor allem Nachbarn würden sich bei der Kinderschutz-Hotline melden, die rund um die Uhr erreichbar ist. Durch die räumliche Nähe bemerkten sie zuerst, wenn ein Baby stundenlang schreie. Jugendliche könnten den Problemen in der Familie dagegen besser ausweichen. Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Verschuldung und Arbeitslosigkeit seien die häufigsten Risikofaktoren, die dazu führen könnten, dass Eltern überfordert sind und ihre Kinder neben sich verkommen lassen, ergänzt Bock.

In Berlin stammen die meisten vernachlässigten Kinder aus Familien, die in den Bezirken Mitte, Marzahn-Hellersdorf und Neukölln wohnen, wie aus dem Jahresbericht 2007 des Kindernotdienstes hervorgeht. Nach Einschätzung von Bock kommen die Opfer von Verwahrlosung meist aus armen, bildungsfernen Schichten. Immer öfter würden sich aber auch die Eltern selbst an den Kindernotdienst wenden, weil sie sich überfordert fühlten oder einen Rat bräuchten. Eine wachsende Zahl von Anfragen Hilfesuchender vermeldet auch das Kinderschutz-Zentrum Berlin. Dahinter müsse nicht zwingend ein Anstieg der Probleme in der Stadt stehen, meint Familientherapeut Jürgen Werner. Vielmehr sei die Aufmerksamkeit größer geworden, und das auch unter den Fachleuten. Aufgeschreckt durch spektakuläre Fälle in der Vergangenheit hat Berlin mittlerweile einen Kriterienkatalog erarbeitet, anhand dessen beim Besuch einer Familie das Risiko einer Kindesvernachlässigung abgeschätzt werde. "Da wird zum Beispiel detailliert abgefragt, ob es Betten für die Kinder gibt, ob dort Matratzen und Bettzeug vorhanden sind und ähnliches", so Werner. "Wo man früher vielleicht noch abgewogen hat, geht man jetzt strikt nach dem Katalog vor."

In einer Kinderwohngruppe in Steglitz betreut das Kinderschutz-Zentrum im Schnitt drei bis sechs Monate lang bis zu zehn Minderjährige, deren Fall und weitere Unterbringung zunächst noch geprüft werden müssen. Die meisten dieser Kinder werden vom Jugendamt überwiesen. Einige kommen auch vom Kindernotdienst als der Notaufnahmestelle für die ersten Stunden und Tage. Grundsätzlich gilt die Inobhutnahme von Kindern als letzte Maßnahme, wenn ein gefahrloser Verbleib in ihren Familien nicht möglich ist oder die Eltern Hilfsangebote ablehnen.