"In Berlin ist dagegen Mittelalter"

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André Zand-Vakili

Als Maria Böhmichen, 20, und Oliver Schinkmann, 23, vor knapp drei Jahren ihre Ausbildung bei der Berliner Polizei begannen, war Hamburg für sie kein Thema. Mittlerweile tragen beide den Stern mit dem hanseatischen Wappen an der Mütze. Sie sind aus Berlin weggegangen, weil sie dort keine berufliche Perspektive sahen. "Wir hatten schon im ersten Ausbildungsjahr Gerüchte gehört, dass nicht alle übernommen werden", sagt Schinkmann. Aber erst zum Ende des zweiten Ausbildungsjahres habe man endgültig "die Katze aus dem Sack gelassen".

In dieser Situation hörten sie auf dem "Flurfunk" von dem Angebot aus Hamburg. "Wir sind dann auf eine Info-Veranstaltung in der Hamburger Vertretung in Berlin gegangen. Dort war es proppenvoll", sagt Maria Böhmichen. Was die Hamburger Polizisten zu erzählen hatten, klang gut. Fast zu gut für die Polizeischüler, die in Berlin unter knappen Etats litten.

Deswegen konnten sie zunächst den Erzählungen der Kollegen von der Elbe gar nicht glauben. "Wir sind privat nach Hamburg gefahren und haben an den Wachen geguckt, ob dort tatsächlich Mercedes gefahren wird, dass wirklich alle Kollegen ihre eigene Schutzweste haben und dass es tatsächlich Lederjacken für alle Beamten gibt", sagt Schinkmann. Es stimmte. Beide schickten ihre Bewerbung. Nach zwei Wochen hatten sie die Zusage.

Für Schinkmann war der Wechsel von der Spree an die Elbe nicht leicht. "Ich bin in Berlin geboren, habe dort meine Freunde und meine Familie." Für seine Kollegin war der Wechsel einfacher. Sie ist aus Sachsen-Anhalt, hatte sich schon bei der Ausbildung in Berlin darauf eingestellt, in einer anderen Stadt eine neue Existenz aufzubauen. Am 28. Februar wurden beide, zusammen mit anderen Kollegen, die nach Hamburg gingen, in Berlin ausgekleidet. "Da sind wirklich viele Tränen geflossen", sagt Schinkmann. Den Wechsel haben sie dennoch nicht bereut.

"Wir konnten uns aussuchen, mit welchen Kollegen wir in eine Einheit wollten", sagt Schinkmann. "Das hätte es in Berlin nicht gegeben." "Alle haben uns geholfen, wo es nur geht", sagt Maria Böhmichen. "Das Klima in der Polizei ist ganz anders, richtig toll. Unser Hundertschaftsführer kannte sogar schnell unsere Namen, als ob er sich abends hingesetzt und sie gelernt hat. Das hat mich völlig verdutzt." Auch die Vereidigung im Hamburger Rathaus hat beide beeindruckt. "Der Innensenator und der Polizeipräsident waren da. Das war persönlicher, als wir es von hohen Vorgesetzten aus Berlin kannten. Überhaupt sieht man solche Leute in Hamburg viel mehr. Es wird nach Vorbildfunktion geführt."

Der richtige Dienst in Hamburg begann für beide dann überraschend schnell. "Wir mussten unseren auf drei Wochen ausgelegten Lehrgang hier in Hamburg nach eineinhalb Wochen abbrechen, weil der Irak-Krieg begann", sagt Schinkmann. 15 bis 16 Stunden Dienst waren die ersten Wochen Satz. "Ich hab hier meine erste Einsatzerfahrung bei Demonstrationen gemacht. Da hatte man in manchen Situationen schon Herzklopfen. Unser Gruppenführer hat aber aufgepasst und uns auch bei Kleinigkeiten wie dem richtigen Anlegen der Schutzausrüstung geholfen", erzählt Maria Böhmichen.

Mittlerweile sind Maria Böhmichen und Oliver Schinkmann voll integriert, machen die ganz normale Polizeiarbeit. Und die ist besser als in der Bundeshauptstadt. "Der Papierkram ist hier viel leichter zu bewältigen. Das Computersystem Comvor ist unvergleichlich. Wir haben Zugriff auf alle Auskunftssysteme. In Berlin herrscht dazu im Vergleich noch Mittelalter." Beide bereuen ihre Entscheidung nicht. "Ich würde aber auf Grund meiner familiären Bindungen vielleicht wieder nach Berlin gehen", sagt Schinkmann. Seine Kollegin hat Hamburg als ihre neue Wahlheimat angenommen. "Ich bin hier rundum glücklich."