Medizin

Herrn Burghardts Angst vor jedem Schritt

Er wollte endlich wieder ohne Schmerzen laufen können. Deshalb ließ er sich in einer Berliner Klinik ein künstliches Hüftgelenk einsetzen. Jetzt hat er bei jedem Schritt Angst. Angst davor, dass es plötzlich "knack" macht und seine Prothese zusammenbricht. Wenn das passiert, kann er keinen Schritt mehr gehen. Und er wird höllische Schmerzen haben. Ob und wann das geschieht, das weiß er nicht. Er weiß nur, dass er eine "tickende Zeitbombe" in seinem Körper trägt.

Mit diesem beklemmenden Gefühl lebt der 73jährige Köpenicker Georg Burghardt seit 13 Monaten. Solange ist es her, dass er von seiner Klinik diesen Brief bekommen hat. Darin stand, dass bei ihm ein künstliches Hüftgelenk implantiert wurde, das schadhaft sein kann. Der Hüfttyp "Varicon" der österreichischen Herstellerfirma Falcon Medical Medizinische Spezialprodukte GmbH weist Materialfehler auf. Der Schaft kann ohne Fremdeinwirkung plötzlich brechen. Das Risiko liege laut Hersteller aber unter zehn Prozent.

Ein Leben voller Einschränkungen

Bei Burghardt wurde eine solche Falcon-Hüfte vom Typ Varicon auf der linken Seite implantiert. Als er das Schreiben der Klinik las, wurde ihm "ganz schwummerig". Benommen setzte er sich aufs Sofa. "Das war ein Schock." Zweieinhalb Jahre war Burghardts Hüft-OP zu dem Zeitpunkt schon her. Völlig arglos hatte der Berliner mit seinem neuen Gelenk gelebt, hat Tischtennis gespielt, ist Rad gefahren und hat Kirschen aus dem Obstbaum gepflückt. Das ist jetzt alles Geschichte. Georg Burghardt hat Angst. Er steigt kaum noch aufs Fahrrad, den Fahrersitz im Auto überlässt er lieber seiner Frau. Auf eine Leiter klettert er sowieso nicht mehr, ein Urlaub im Ausland ist ihm zu riskant. Sein Leben besteht jetzt aus Einschränkungen.

"Bewegungsfreiheit bis ins hohe Alter - ein neues Lebensgefühl", wirbt der Hüfthersteller Falcon Medical auf seiner Homepage für die aktuelle Produktpalette. Majestätisch schwingt sich ein Greifvogel in die Lüfte. Daneben wirbelt ein Senior seine Enkelin umher. Ein anderes Foto zeigt ein älteres Ehepaar, fröhlich durch den Wald marschierend. "Zementfreie Hüfttechnologie", "qualitativ hochwertige Produkte", ist da zu lesen.

2369 Mal wurde die Varicon-Hüfte von Falcon in Deutschland und Österreich implantiert. 43 Varicon-Hüften sind gebrochen, sagt der Hersteller. Nach Schätzung des Berliner Anwalts für Medizinrecht, Jörg Heynemann, ist die Zahl höher. 60 bis 70 dieser Hüften seien kaputt gegangen, sagt der Anwalt. Im Oktober 2002 war das Varicon-Gelenk zertifiziert worden. Im Januar 2005 hatte Falcon diesen Hüfttyp vom Markt genommen.

Bei Bernd S. aus Querfurt (Sachsen-Anhalt) ist die Varicon-Hüfte im März 2007 zu Bruch gegangen: "Ich beugte mich aus dem Wohnzimmerfenster meiner Wohnung, um meinem Schwiegersohn, der sich auf der Straße befand, etwas zusagen", berichtete der Patient. "Als ich mich wieder aufrichtete, hörte ich ein knackendes Geräusch und im selben Moment fiel ich nach hinten. Mit starken Schmerzen im rechten Oberschenkel wurde ich in die chirurgische Abteilung des Carl-von-Basedow-Klinikums Merseburg eingeliefert."

Patienten, bei denen die Varicon-Hüfte brach, hat die Haftpflichtversicherung des Medizinprodukteherstellers Falcon, die Generali Versicherung AG, Schmerzensgeld und Schadensersatz gezahlt. Zwischen 25 000 und 40 000 Euro haben die Patienten bekommen. Geradezu Pech dagegen haben jene, deren Varicon-Hüfte noch intakt ist. Hier liegt "kein Krankheitswert vor", weiß die Falcon-Versicherung.

Der psychische Druck aber macht dem Köpenicker Georg Burghardt sehr zu schaffen. Im vergangenen Jahr hat er zehn Kilogramm abgenommen. Jetzt wiegt er nur noch 55 Kilo. "Ich bin so sensibel", sagt er. Der ehemalige Elektroingenieur hat einen Anwalt eingeschaltet und will Schmerzensgeld haben. Für Burghardt steht fest: Weder Arzt noch Klinik sind schuld, sondern die Herstellerfirma Falcon.

10 000 Euro Schmerzengeld will Burghardts Anwalt Heynemann erstreiten. 10 000 Euro für 13 Monate Angst. Reicht das überhaupt? Reflexartig greift sich Burghardt an den linken Oberschenkel. Das Ganze habe ihn sehr mitgenommen, gesteht er. Nein, 10 000 Euro reichten eigentlich nicht, sagt er leise. Aber er rechne eh' nicht damit, dass er überhaupt Geld bekommt. Resigniert blättert er eine dicke rote Mappe durch. Darin steckt der Schriftverkehr der vergangenen Monate: Viele Briefe von seinem Anwalt, von der gegnerischen Versicherung und von seiner Krankenkasse. Ein Haufen Schreiben, ohne greifbares Ergebnis.

Die Patienten können, so der Rat in einem von Falcon in Auftrag gegebenen Gutachten, alle sechs Monate ihre Prothese röntgen lassen. Dabei sollen winzige Haarrisse im Titanschaft, die Vorboten der Katastrophe, rechtzeitig entdeckt werden. Auch das ist eine trügerische Sicherheit. Bei einem anderen Prothesenpatienten brach das Varicon-Gelenk plötzlich ohne Vorwarnung in sich zusammen.

Drei Wochen zuvor war die Prothese geröntgt worden - ohne Befund. Nach dem Schock-Brief der Klinik hatte auch Burghardt seine neue Hüfte röntgen lassen. Jetzt geht er nicht mehr zum Durchleuchten. "Das bringt doch alles nichts", sagt er. Und eine erneute Hüft-OP? Burghardt schüttelt den Kopf. Schon damals hatte er gezögert, litt bei jedem Schritt höllische Schmerzen. Arthrose. Knochenverschleiß. "Jede Bewegung schmerzte." Zwei Jahre Pein. Aus eigener Tasche bezahlte er eine dubiose Therapie. Kosten: 884,76 Euro. Die half auch nichts. Jede Operation birgt Risiken, dachte sich der Köpenicker und schob das Unvermeidliche lange heraus. Erst als er nachts vor Schmerzen fast verrückt wurde, legte er sich auf den OP-Tisch.

Wer soviel Überwindung braucht, geht nicht so schnell wieder in eine Klinik. Wäre da nicht dieses verfluchte Horrorszenario in seinem Kopf. "Ich bin irgendwo, die Hüfte bricht und ich kann mich nicht mehr bewegen." Davor fürchtet er sich. "Wenn alles schief geht, lande ich sogar im Rollstuhl."

Damit muss jeder rechnen, der eine Varicon-Hüfte der Firma Falcon in sich trägt: dass seine Prothese brechen kann. Dieses Wissen und die Angst schränken die Lebensqualität ein. In der Klageschrift eines anderen Varicon-Hüftpatienten, den Anwalt Heynemann vertritt und mit dem er eine Musterklage für Varicon-Träger, deren Hüften noch nicht gebrochen sind, führt, heißt es: "Der Kläger fühlt sich in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und fürchtet, längere Strecken zu Fuß zurückzulegen oder sich auch nur in seiner Wohnung frei zu bewegen. (...) Der Kläger fühlt sich in dieser Situation vollkommen ausgeliefert". Körperlich und psychisch belasteten den Kläger auch die regelmäßigen halbjährlichen Strahlenbelastungen durch die Kontrolluntersuchungen.

Erst Spannungen, dann Risse

In der Klageschrift tauchen Fachbegriffe wie "Spannungsrisskorrosion" und "Bruch des Konus am Übergang zum Korpus des Schaftes" auf. Es geht um "geraubte Lebenszeit" und "vermeidbare Nachkontrollen". Der Patient fordert 12 000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz. Noch liegt kein Urteil des Landgerichts Berlin vor. Heynemann ist zuversichtlich, ein Schmerzensgeld erstreiten zu können. "Sollte die Musterklage Erfolg haben, werden auch alle übrigen Falcon-Opfer entschädigt werden", hofft der Anwalt.

Zwar räumt die gegnerische Seite ein, dass bei den Varicon-Hüften "die Gefahr besteht, dass durch Korrosion auf der Schaftoberfläche Kerben entstanden, die in vereinzelten Fällen Schwingbrüche auslösten." Das hatte eine Untersuchung dreier Implantate an der Bundesanstalt für Materialforschung und Prüfung (BAM) in Berlin ergeben: "In einem Spalt zwischen den Titankörpern kommt es zu einer chemischen Konzentrierung von Säuren, die bei mechanischen Bedingungen von Spannungen und Schwingungen in Mikrorisse eindringen und das Metall buchstäblich zersetzen. In der Folge kann es zu Spannungsrissen und schließlich zu Spannungsbrüchen kommen."

Laut Falcon liegt die Bruchhäufigkeit bei 5,9 Prozent, ein Wert der von Anwalt Heynemann bezweifelt wird. Auch der Nürnberger Gutachter Ulrich Holzwarth, Sachverständiger für Implantate, sagt, dass im Hinblick auf den Zeitpunkt der Bruchwahrscheinlichkeit keine detaillierten Aussagen gemacht werden können. Wegen des Konstruktionsfehlers könnten alle Varicon-Hüften brechen - früher oder später. Der Zeitpunkt hänge von der Bewegungshäufigkeit der Patienten ab. Durch gegeneinander wirkende Kräfte entstünden feine Haarrisse. Dringen körpereigene Substanzen in die winzigen Risse, führe dies zum Bruch. Jederzeit und ohne Vorwarnung kann ein Gelenk zerbersten, sagt auch Heyemann.

So ist die umstrittene Varicon-Prothese eine stille, überaus unberechenbare Bombe. Spannungen führen zu Schwingungen. Es kommt in der Folge zu Mikrorissen, dann zu Spannungsrissen, schließlich zum Bruch.

Im Fall von Georg Burghardt hat die gegnerische Generali-Versicherung jedoch erklärt: "Der Schmerzensgeldanspruch ist unbegründet." Beim Kläger sei ja kein Bruch des Implantats aufgetreten. "Allein eine gewisse Verunsicherung des Klägers vor dem Hintergrund der fehlerbehafteten Prothetik scheint nachvollziehbar." Psychische Befindlichkeitsstörungen indes seien "kein eigenständiger Krankheitswert", so die Ausführungen der Versicherung.