Verkehr

Pferdekutschen - ein umstrittenes Geschäft

Klack, klack, klack. Im ruhigen Schritt ziehen zwei Rappen eine schwarze Kutsche gen Süden. Über den Platz der Luftbrücke, unter der Autobahnbrücke der A 100 hindurch, vorbei an Karstadt, zum Nachtquartier an der Trabrennbahn Mariendorf. Am Straßenrand stehen Kinder und winken. Hinter der Kutsche, die von der City zur Rennbahn anderthalb Stunde braucht, staut sich der Verkehr.

Ein Autofahrer überholt, drosselt das Tempo auf Höhe des Kutschbocks, lässt die Scheibe runter, schreit "Tierquäler" und gibt Gas. An Pferdekutschen auf Berlins Straßen mögen sich Touristen ergötzen. Doch mancher Großstädter klagt über Staus und Gestank.

Sorge wegen Lärm und Abgasen

Im Bezirksamt Mitte hat das Thema seit Wochen Priorität. Mitarbeiter aus Veterinär-, Tiefbau-, Straßenbau- und Grünflächenämtern arbeiten mit Polizisten, Verkehrslenkern in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dem Landestierschutzbeauftragten an Meldepflichten für Droschken.

Das reicht Peta nicht. Die radikalen Tierschützer plädieren für ein Kutschfahrten-Verbot, wie es in London, Paris, Toronto und Peking gilt. In Berlin, so Peta, würden Pferde gezwungen, bei extremer Kälte oder Hitze zu arbeiten. Sie müssen auf Zement laufen, Autos ausweichen und Abgase einatmen. Der Kampagne hat sich die Ex-Klatschspalten-Ikone Ariane Sommer angeschlossen. In einem offenen Brief an Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit schreibt sie von "grausamen Fahrten" und weiter: "Ich liebe Pferde und hasse die Vorstellung, sie nur als Lasttier zu betrachten."

Peta argumentiert mit Bess. Die 17 Jahre alte Stute ging vor einigen Wochen am Brandenburger Tor zu Boden und kam von allein nicht mehr auf die Beine. Berlins Landestierschutzbeauftragter Klaus Lüdcke - persönlich kein Freund des "Kutschen-Anachronismus"- betont, das aus Brandenburg stammende Droschkenpferd sei wieder wohlauf. "Wir haben das zuständige Veterinäramt informiert und erhalten dessen Kontrollberichte."

Amtstierärztin Yvonne Gall vom Bezirksamt Mitte hat den Halter der Stute einbestellt. Er konnte die nötige Reit- und Fahrbetriebserlaubnis nach Paragraf 11 Tierschutzgesetz vorweisen.

Dass Gall ihn überhaupt identifiziert hat, war Glück im Unglück. Denn bei den meisten Beschwerden ist nicht nachzuvollziehen, welche Kutsche gemeint ist. Nicht alle Pferde sind auf der Trabrennbahn Mariendorf untergebracht, die der Kontrolle des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg unterliegt. "Viele Pferde werden morgens aus dem Umland mit Transportern in die Innenstadt gefahren und abends abgeholt", sagt Lüdcke. "Da fehlt uns der Einblick."

Auch der Überblick fehlt. Anders als bei Autos und Mopeds gibt es für Kutschen keine Kennzeichnungspflicht. Selbst die absolute Zahl der Kutschen, die durch Berlins historische Mitte rollen, ist unklar - wenngleich wohl steigend. Olaf Luft, mit der DMP Droschken GmbH und sechs Fiakern seit März 2008 am Markt, spricht von "ungefähr" zehn weiteren Kutschen. Keiner hat sie registriert. Das Problem wie auch Lage und Anzahl der Stellplätze, Entsorgung der Pferdeäpfel und Versorgung der Tiere sind Diskussionsthema zwischen Behörden und Droschkern.

Fiaker-Chef Luft hat reagiert und für den Gendarmenmarkt bei den Wasserbetrieben einen Hydranten gemietet. Lufts Kutscher Steven Wirth führt seinen Wallach Ronny (14) und Ex-Traberin Lady (7) mehrmals täglich zu dieser Tränke - und lässt auch Pferde der Konkurrenz dort saufen. Wirth hat für Ronny und Lady zwei Säcke Hafer dabei. Der 21-Jährige ist gelernter Koch, reitet seit seinem sechsten Lebensjahr und hat "aus Liebe zu Pferden" diesen Job angenommen. "Unsere Kutscher müssen Erfahrung haben", sagt Luft. Sie hätten bei der Reiterlichen Vereinigung ein Fahrabzeichen erworben, früher als Bierkutscher für Schultheiß auf dem Bock gesessen, seien Pferdewirte "oder sie müssen üben".

Acht seiner 14 Pferde bleiben manchmal zum Verschnaufen auf der Koppel. Über Pausen, Fütterung und Fahrten führt Luft Buch - eine Auflage des Veterinäramtes von Tempelhof-Schöneberg. Umweltstadtrat Oliver Schworck (SPD) sagt, dass ihm kein Grund zur Beanstandung vorliegt.

Pferdeäpfel im Leinensack

Hose, Hemd, Melone - Kutscher Wirth sitzt ganz in Schwarz auf dem Bock. Die Pferde sind geschniegelt. Ihr Geschäft plumpst in einen angehängten Leinensack. Der Inhalt reist abends zur Entsorgung zur Trabrennbahn. So vorbildlich ist nicht jeder. Besucher am Gendarmenmarkt haben die Ausdünstungen von Pferdeäpfeln bereits beklagt.

Dort wie am Holocaust-Mahnmal sind Stellplätze ausgewiesen. Kutschen stehen auch am Pariser Platz. Das ist im Bezirksamt unerwünscht. Grundsätzlich aber, sagt ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes, dürften Kutschen auf Parkplätzen stehen - "wie Autos auch. Nur ein Ticket müssen sie ziehen."

Das Hupen und Bremsen der Autos erschrecke die Pferde nicht, sagt Lüdcke. "Sie sind Lärm gewohnt." Wie Lufts 14 Pferde: Sie stammen aus der Fiaker-Hochburg Wien. Selbst die Abgasbelastung akzeptiert der Tierschutzbeauftragte. "Da müssten wir auch Kinder von der Straße fernhalten - sie atmen auf selber Höhe ein wie die Pferde." Unfälle habe es noch nicht gegeben.

"Allerdings", wählt Lüdcke seine Worte mit Bedacht, "erreichen mich viele Beschwerden, deren Urhebern es an Sachkenntnis mangelt." So habe jemand beklagt, dass die Pferde sich nicht hinlegen könnten. Doch das brauchen sie nicht. Sie sind Fluchttiere, schlafen im Stehen und können bis zu 15 Zentner ziehen.

Berlin-Touristin Marina Krall lässt sich für 25 Minuten und 40 Euro durch die City Ost kutschieren. "Ich finde das gemütlich. Und die Queen macht es ja auch." Umweltstadtrat Schworck aus Tempelhof-Schöneberg kann dieser Romantik nichts abgewinnen. Er steht zu oft im Stau, wenn die Kutschpferde zum Nachtquartier schreiten.

Erleichterung verschafft ihm ein neues Verkehrsschild am Mariendorfer Damm: Schwarze Kutsche auf weißem Grund mit roter Umrandung. Das Fahrverbot gilt auf 300 Metern Länge. "Wir leiten die Kutschen auf Nebenstraßen um", sagt Jörg Lange, Leiter der Verkehrslenkung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Wegen Bauarbeiten im Hafen steht nur eine Fahrbahn zur Verfügung. Das Verbot wird in vier Wochen aufgehoben. Denn grundsätzlich, so Lange, seien Kutschen Verkehrsteilnehmer wie Fahrräder. "Denen schreibt man auch keine Mindestgeschwindigkeit vor."