Sozialpolitik

Problembezirk Neukölln hat die wenigsten Sozialarbeiter

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Joachim Fahrun

Neukölln leidet anerkanntermaßen unter den Berliner Bezirken unter den schwersten sozialen Verwerfungen. Dennoch hat der Problembezirk die wenigsten Sozialarbeiter, wenn die sozialen Indikatoren mit berücksichtigt werden.

Am meisten Sozialarbeiter beschäftigt Pankow, relativ gesehen mehr als doppelt so viele wie Neukölln.

Diese Erkenntnis hat Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) aus einem Vergleich der Personalausstattung der Bezirke herausgefiltert. Die Daten beruhen auf einer Umfrage seiner Beamten in den zwölf Bezirksrathäusern. Der Senator hat sich damit für die Diskussion mit den Bezirkspolitikern gewappnet, die für Kinderschutz und Betreuung von Jugendlichen mehr Sozialarbeiter fordern. Seine Erkenntnis: Die Ressourcen von knapp 2000 sozialpädagogischen Fachkräften in Berlin sind zwischen den Bezirken extrem ungleich verteilt. Insgesamt variiert der Aufwand deutlich, mit dem die Bezirke ihre prinzipiell gleichen Leistungen erbringen.

Eklatantes Missverhältnis

In Neukölln kommen auf 10 000 Einwohner 4,8 Sozialarbeiter. Nur die sozial weitaus besser strukturierten Bezirke Treptow-Köpenick (4,4) und Steglitz-Zehlendorf (4,6) haben ein paar weniger. Andere Bezirke wie Marzahn-Hellersdorf (7,1), Pankow, Mitte oder Friedrichshain-Kreuzberg (je 6,7) leisten sich erheblich mehr. Eklatanter wird das Missverhältnis, wenn die Bevölkerungszahl nach sozialen Indikatoren wie hohe Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund oder Ausbildungsniveau gewichtet wird. Dann zählt Pankow in Relation doppelt so viele Sozialarbeiter wie der Problembezirk im Südosten. Wenn potenziell problematische Jugendliche als Relationsgröße dienen, steht Neukölln mit 22,8 Sozialpädagogen je 10 000 Angehörigen dieser Klientel deutlich vor Spandau (28,7) und Reinickendorf (33,5) am Kopf der Skala, der eine kurze Personaldecke ausweist; am meisten Betreuungspersonal haben Pankow (59,9) und Lichtenberg (46).

Ob jedoch tatsächlich diese Sozialarbeiter auf den Straßen und in den Jugendklubs unterwegs sind, weist die Statistik nicht aus. Denkbar ist, dass viele Sozialarbeiter im Innendienst eingesetzt werden. Sarrazin ließ durchblicken, dass in den kommenden Jahren sehr wohl Sozialarbeiter eingestellt werden müssten. Denn jeder dritte der auf den 2000 Vollzeitstellen Eingesetzten ist älter als 56 Jahre, nur 0,4 Prozent sind unter 30. Mehr als jeder vierte wird in den nächsten sieben Jahren in den Ruhestand gehen.

Die Unterschiede in der Ausstattung der Bezirke hat Sarrazin auch in anderen Ämtern diagnostiziert. Insgesamt am günstigsten wirtschafte Neukölln. Im Vergleich dazu habe Mitte ein Drittel, Lichtenberg und Treptow-Köpenick ein Viertel mehr Mitarbeiter.

Gespräche mit den Bürgermeistern

So benötige Mitte fast doppelt so viel Personal, um eine Baugenehmigung auszustellen, als der am günstigsten arbeitende Bezirk Pankow. In den Bürgerämtern arbeitet Pankow am wirtschaftlichsten, Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf benötigen zwei Drittel mehr Personal für vergleichbare Aufgaben.

Direkte Forderungen nach Personalabbau leitet der Finanzsenator aus seinen neuen Erhebungen nicht ab. Die Bürgermeister und Personaldezernenten werden ihm aber bei einem Gespräch kommende Woche und auch in den nächsten Monaten die enormen Unterschiede erklären müssen. Spandaus Gesundheitsstadtrat Martin Matz (SPD), dessen Gesundheitsbereich nach Sarrazins Vergleichszahlen eher schlecht besetzt ist, will die Daten genau nachrechnen. Er ist dafür, berlinweit festzulegen, wie viele Fälle etwa von Grundsicherung im Alter ein Sozialarbeiter betreuen soll. Danach könnte man das Personal gerecht zumessen.