Dossier: Eltern für Bildung

Ein Traum von einer Schule

Camille ärgert sich. Sie möchte die Kinder zu den "Sanddornbergen" führen und weiß den Weg nicht mehr. Ratlos steht die Zehnjährige im Wald und versucht, sich zu orientieren. Lehrer Hagen Stenzel hilft mit einer Landkarte aus. Sofort beugen sich neun Kinderköpfe über das Papier. Alle wollen wissen, wie das mit den Himmelsrichtungen ist und hören genau zu, als Hagen es ihnen erklärt. Zwischendurch muss Hund Tigger ermahnt werden, doch bitte seine Pfoten von der Landkarte zu lassen.

Nach längerer Diskussion ist die Entscheidung gefallen. "Wir machen uns Richtung Osten auf den Weg", sagt Hagen Stenzel. Ob dort tatsächlich die "Sanddornberge" liegen, bleibt allerdings ungewiss. Aber unterwegs wird es viel zu entdecken geben, selbst wenn sie schließlich ganz woanders landen sollten.

Die zehnjährige Camille ist eine von insgesamt 18 Schülern der Freien Naturschule in Pankow. Die Schule wurde vor einem Jahr gegründet. Immer mittwochs findet der gesamte Unterricht im Wald statt. An den anderen Tagen treffen sich die Kinder im kleinen Schulgebäude auf dem Gelände des gemeinnützigen Vereins StadtGut Blankenfelde e.V.. Auch dort sind sie viel im Freien. Ein großer Garten bietet jede Menge Platz zum Lernen und Toben.

"Genauso haben wir uns das vorgestellt", sagt Evelyn Frank. Die 39-Jährige ist Mutter zweier Söhne, von denen der ältere, der siebenjährige Ludwig, die Naturschule besucht. Auch Daniela Hoffmann (39) ist froh, dass ihre Tochter Enna in die Naturschule gehen kann. Beide Mütter gehören zu den Gründerinnen der Freien Schule und haben viel Herzblut in die Entwicklung dieses Projekts gesteckt.

Am Anfang stand der Traum von einer anderen Schule. "Ich habe meine eigene Schulzeit als Zeitverschwendung erlebt", erzählt Daniela Hoffmann. In 13 langen Jahren habe sie wenig gelernt und davon kaum etwas behalten. "Das wollte ich meiner Tochter einfach nicht zumuten." Auch ihre Lehrer hat Hoffmann nicht unbedingt in guter Erinnerung. "Ich werde den ersten Tag am Gymnasium nicht vergessen. Wir sollten gar nicht erst versuchen, aufzumucken, hat unser Klassenlehrer damals gesagt, er würde sowieso am längeren Hebel sitzen."

Viele Eltern aus dem Umfeld der 39-Jährigen haben ähnliche Erinnerungen an ihre Schulzeit und deshalb den dringenden Wunsch, dass die eigenen Kinder es besser haben sollen. "Wir träumten von einer Schule, die den Kindern genügend Freiraum gibt, sich zu entfalten. Die jeden einzelnen so fördert, wie er es braucht und ihm die Möglichkeit bietet, im Einklang mit der Natur zu leben und zu lernen", sagt Daniela Hoffmann.

Für sie stand fest, dass die staatlichen Schulen so etwas nicht leisten können. "Ein Jahr bevor unsere Kinder eingeschult werden sollten, haben wir deshalb beschlossen, eine eigene Schule zu gründen", sagt Hoffmann.

Jedes einzelne Kind fördern

Wir - das waren damals etwa zehn Eltern, deren Kinder den Pankower Waldkindergarten besuchten, der ebenfalls von Eltern gegründet worden war. "Wir haben gesehen, dass und wie es funktioniert, das hat uns Mut gemacht", erinnert sich Hoffmann. Schnell stand fest, die Schule sollte den Ansatz des Waldkindergartens fortführen. Daniela Hoffmann erklärt: "Unser Konzept basiert darauf, dass sich die Kinder in der Natur frei entfalten und bewegen können. Dabei sollen sie vor allem lernen, wie man lernt und wie man Leute findet, die einem helfen."

In der Naturschule können die Kinder selbst bestimmen, was sie lernen und wann sie das tun. Jeder Schultag beginnt allerdings mit einer Stunde Stillarbeit, in der gerechnet, gelesen oder gemalt wird. "Anfangs waren einige Eltern unsicher, weil die Schule eben nicht die üblichen Standards vermittelt", erinnert sich Hoffmann. Inzwischen sei das Vertrauen in die andere Form des Unterrichtens gewachsen. "Die Kinder lernen selbstbestimmt und beschäftigen sich lange mit einem Thema, Lerninhalte werden stark mit der Praxis verknüpft. Auf diese Weise prägt sich erworbenes Wissen viel nachhaltiger ein", beschreibt die Schulgründerin das Prinzip der Naturschule.

Jeden Mittwoch steht dort der Wald auf dem Stundenplan. So auch am letzten Mittwoch vor den großen Ferien. Wie immer treffen sich alle um 8.30 Uhr auf dem Gelände des Waldkindergartens am Rande von Blankenfelde. Wald und Wiese wachsen hier vor der Tür. Manche Kinder kommen mit dem Bus, andere werden von ihren Eltern gebracht. Einige sind noch ziemlich müde. Wie Clara, die sich erst einmal auf eine Holzbank legt und von dort aus zuhört, was die anderen im Morgenkreis besprechen. Niemand drängt sie, sich sofort zu beteiligen. Die Kinder dürfen vorschlagen, was heute gemacht werden soll. Camille will den anderen die Sanddornberge zeigen, Jakob möchte Schnecken sammeln. Lehrer Jan Küster fragt, wer mit ihm Tiere aus Ton formen will.

Und Clara? Die Siebenjährige würde am liebsten überall dabei sein. Schließlich will sie Schneckensammeln gehen. Und Vögel beobachten. "Ich interessiere mich für Tiere", sagt Clara und zählt auf, welche Tierarten sie auf den Streifzügen mit Lehrer Hagen Stenzel schon kennengelernt hat. Kurz vor zehn Uhr schwärmen zwei Gruppen in den Wald aus. Die anderen bleiben mit Jan Küster zurück, um zu töpfern. Mittwochs sind auch die Kindergartenkinder mit dabei. Schließlich werden viele von ihnen später einmal die Naturschule besuchen.

"Mein Sohn geht gern zur Schule"

Evelyn Frank ist glücklich. "Mein Sohn Ludwig geht so gern zur Schule", sagt sie. Und sein kleiner Bruder Manu, der noch den Waldkindergarten besucht, würde am liebsten gleich mitgehen. Dafür habe sich alle Mühe gelohnt, sagt Evelyn Frank.

Jirka Grahl ist ebenfalls froh. Der Vater von Laila (8) und Ruben (7) hat mit der Regelschule keine guten Erfahrungen gemacht. "Die Lehrer haben sich zwar bemüht, waren aber mit den großen Klassen total überfordert. Die konnten eigentlich nur noch wie Dompteure agieren", sagt er. Die Interessen und Stärken jedes einzelnen Kindes seien in der Masse einfach untergegangen. An der Naturschule sei das anders.

"Wir haben zwar das Gefühl, dass unsere Kinder hier etwas langsamer lernen, dafür können sie ihre Persönlichkeit frei entfalten und genau darauf kommt es uns an." Ruben schmiegt sich derweil an seinen Vater, um sich von ihm zu verabschieden. Dann setzt er sich in den Morgenkreis und verkündet fröhlich, bei der Suche nach den Sanddornbergen dabei sein zu wollen.

Auch alle anderen Eltern sind nach dem ersten Durchlauf der Schule sehr zufrieden. "Niemand geht weg", sagt Evelyn Frank. Die Nachfrage nach Schulplätzen sei im Gegenteil viel größer als die vorhandene Kapazität. Mit dem kommenden Schuljahr können neun weitere Kinder aufgenommen werden. Auf bis zu 60 Plätze insgesamt will die Schule in den nächsten Jahren wachsen.

Evelyn Frank und Daniela Hoffmann haben jedenfalls noch keinen Tag bereut, das große Wagnis Schulgründung auf sich genommen zu haben. "Auch wenn wir unsere Jobs im vergangenen Jahr hinten anstellen mussten, um uns voll und ganz dem Projekt widmen zu können und kaum Zeit für Privates hatten - es war die richtige Entscheidung", sagt Evelyn Frank, die als IT-Beraterin arbeitet. Daniela Hoffmann jobbt freiberuflich und konnte deshalb eine zeitlang andere Prioritäten setzen. "Das Projekt hat uns viel Kraft und Zeit gekostet", sagt sie.

Den für die neue Schule notwendigen Verein zu gründen und das Gebäude zu finden waren die geringsten Probleme. "Viel schwerer war es, einen geeigneten Lehrer zu finden", sagt Evelyn Frank. Schulgründer brauchen mindestens einen Lehrer mit zweitem Staatsexamen und der soll möglichst schon Erfahrung mit Freien Schulen haben. "Der Markt ist leer gefegt. Die Privatschulen prügeln sich deshalb geradezu um die wenigen Lehrer, die in Frage kommen", weiß Frank.

Ein Grund dafür ist die deutlich schlechtere Bezahlung von Lehrkräften an Freien Schulen. "Ich bekomme 1000 Euro weniger auf die Hand als meine Kollegen an den staatlichen Schulen", sagt Jan Küster. Seine Stelle an der Naturschule würde Küster trotzdem nicht mehr tauschen."Wenn Kinder unter guten Bedingungen nach ihrem eigenen Rhythmus arbeiten können, dann kommt zehnmal mehr raus als üblich", sagt der 50-jährige Lehrer. Ein gutes Beispiel seien die Schüler seiner ersten Klasse. Die hätten anfangs nur im Zahlenraum bis zehn rechnen können. In nur einem Jahr seien sie bis 1000 gekommen. "Jetzt wagen sich einige schon an die schriftliche Division, das ist sonst Stoff der dritten Klasse."

Mehr Anfragen als Plätze

Da sich die Schülerzahl der Naturschule im September vergrößern wird, suchen die Eltern jetzt dringend eine weitere Lehrkraft. Bisher haben sie niemanden gefunden. "Wir bleiben trotzdem optimistisch", sagt Frank. Optimismus sei für Gründungseltern ohnehin die wichtigste Voraussetzung, fügt sie hinzu. "Es gibt viele Hürden, von denen man anfangs nichts ahnt." Eine sei die Finanzierung. Freie Schulen bekommen staatliche Unterstützung - 93 Prozent der vergleichbaren Personalkosten staatlicher Schulen - frühestens nach drei Jahren. Um trotzdem über die Runden zu kommen, ist oft hohes Schulgeld nötig. "Das wollten wir nicht, um niemanden ausgrenzen zu müssen", sagt Evelyn Frank. An der Naturschule zahlen alle Eltern je 100 Euro pro Monat, für Geschwisterkinder die Hälfte.

Einen Teil des dringend notwendigen Geldes nimmt die Schule über die Hortzuschüsse ein, die es von Anfang an gibt: pro Kind 350 Euro. Auch staatliche Fördergelder fließen schon. Denn die Naturschule hat mit der Freien Schule am Mauerpark einen erfahrenen Träger gewinnen können. Zum Start musste die Elterninitiative einen Kredit aufnehmen. Bei der GLS-Bank, die soziale Projekte fördert, haben sie 40 000 Euro geborgt, um damit die Schulräume auszubauen und einzurichten. Eltern, die ihre Kinder an der Naturschule anmelden, müssen überdies einmalig 1000 Euro zahlen. Mit diesem Geld werden die notwendigen Arbeitsmaterialien gekauft.

In diesem Sommer wird wieder eine Menge Geld gebraucht. "Wir haben die alte Stellmacherei neben dem Schulgebäude gemietet, um mehr Platz für die wachsende Schülerschaft zu haben", sagt Evelyn Frank. Das Backsteingebäude muss nun aus- und umgebaut werden. Bis Schuljahresbeginn soll alles fertig sein. Ihr Traum von einer Schule macht den Eltern ganz schön viel Arbeit.