Eine Mutter aus Buckow hat genau diesen Fall erlebt und ihre Tochter verloren. Jetzt erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Berliner Feuerwehr: Weil Rettungssanitäter erst über eine halbe Stunde nach der Alarmierung bei ihrer bewusstlosen Tochter eingetroffen sind, sei die 37-jährige Heike R. gestorben. "Meine Tochter hatte einen Herzstillstand. Eine rechtzeitige Behandlung durch einen Notarzt hätte ihr das Leben gerettet", ist sich Bärbel Runge sicher.
Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung
Die Buckowerin erstattete Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung. Doch die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren zunächst ein, weil angeblich ein möglicher Täter nicht ermittelt werden konnte. Erst nach Recherchen der Berliner Morgenpost hat die Behörde den Fall jetzt erneut aufgerollt. Die Zentrale Beschwerdestelle der Berliner Feuerwehr hat dem Vorfall zwar auch ein Aktenzeichen gegeben, bittet aber um Geduld, bis die internen Ermittlungen abgeschlossen sind.
"Am Sonntag, dem 27. April, gegen 21.10 Uhr, rief meine Enkeltochter Laura bei mir an und sagte, dass es ihrer Mutter nicht gut geht", sagt Bärbel Runge. Sie selbst wohnt knapp zwei Kilometer von der Wohnung ihrer Tochter im Kleistring in Schönefeld, Ortsteil Großziethen, entfernt. Etwa vier Minuten braucht man mit dem Auto bis zu der Brandenburger Adresse.
"Ich fand meine Tochter Heike gegen 21.15 Uhr bewusstlos auf dem Fußboden", erinnert sich Bärbel Runge, "meine jüngere Tochter, die mit mir nach Großziethen gefahren war, alarmierte sofort die Feuerwehr über 112. Danach leistete sie ihrer Schwester Erste Hilfe, Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung." Bärbel Runge informierte zwischenzeitlich auch Verwandte aus Buckow und Rudow, die nach und nach im Kleistring eintrafen.
Gegen 21.25 Uhr rief die besorgte Mutter erneut beim Notruf 112 an. Die Frau am Telefon soll ihr erklärt haben, dass ein Rettungstransportwagen (RTW) unterwegs sei. Und mehr als fahren könne er auch nicht. Vor der Wohnung traf mittlerweile eine Polizeistreife aus Schönefeld ein. Die Beamten des Schutzbereiches Dahme-Spree werden offenbar stets informiert, wenn es einen Feuerwehreinsatz in ihrem Revier gibt. "Die Polizisten sagten uns, der RTW komme aus Köpenick. Wir haben uns noch gewundert, warum kein anderer Rettungswagen in unmittelbarer Nähe war", so Runge. Noch immer lag ihre Tochter Heike bewusstlos am Boden, noch immer leisteten die Verwandten Erste Hilfe.
21.40 Uhr. Kein Krankenwagen in Sicht. Erneut rief die Mutter 112 an und bat um schnellere Hilfe. Wieder erhielt sie die Auskunft, dass der Rettungswagen unterwegs sei. Doch die Minuten vergingen. Tatsächlich trafen die Helfer - nach Angaben der Mutter - erst gegen 21.50 Uhr vor der Haustür im Kleistring ein. Ohne Signalhorn und Blaulicht sollen sie zuvor durch die Siedlung geirrt sein, auf der Suche nach der richtigen Hausnummer. Bärbel Runge bat die Feuerwehrleute noch auf der Straße, sich zu beeilen. Das Leben ihrer Tochter sei in großer Gefahr, rief sie den Rettern entgegen. "Doch sie sagten zu mir, dass sie eine 25 Kilogramm schwere Sauerstoffflasche dabei haben und mit ihr nicht rennen können."
Der Notarzt trifft ein
Um 21.58 Uhr traf schließlich auch der Notarzt vor Ort ein. Nach zehn Minuten die schockierende Nachricht: "Ihre Tochter ist tot." Die Familie war geschockt.
"Meine Heike ist nach Angaben eines Pathologen mit aller Wahrscheinlichkeit an einem Herzstillstand gestorben. Sie hatte keine Vorerkrankungen", so Bärbel Runge. "Eine rechtzeitige Behandlung innerhalb von sieben bis zehn Minuten durch einen Notarzt mit entsprechender Ausrüstung hätte meiner Tochter wahrscheinlich das Leben gerettet", sagt sie.
Nach dem Tod vom Heike R. erstattet die Buckowerin Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung gegen unbekannt bei der Berliner Polizei. Die Beamten übergeben den Fall an ihre zuständigen Kollegen in Brandenburg. "Es kann und darf nicht sein, dass Rettungskräfte so lange Zeit brauchen, um an den Einsatzort zu gelangen. Es befinden sich in der Nähe der Wohnung meiner Tochter mehrere Wachen, deren Fahrzeuge schneller vor Ort gewesen wären. Die Leitstelle hat völlig falsche Entscheidungen getroffen", sagt Bärbel Runge. Sie kündigte in Briefen an Polizei und Feuerwehr an, dass sie alles dafür tun werde, dass die Umstände, die zum Tod ihrer Tochter führten, aufgeklärt werden.
Die Staatsanwaltschaft Potsdam schickte der Familie am 4. Juni ein automatisch erstelltes Schreiben, das an die tote Tochter Heike adressiert war. Aktenzeichen 4129UJs 6469/08, der Inhalt: "Das Verfahren ist eingestellt worden, weil ein Täter nicht ermittelt werden konnte. Weitere Nachforschungen versprechen zurzeit keinen Erfolg. ... Für die Versicherung ist eine Durchschrift beigefügt."
Beschwerdebrief an die Behörde
Familie Runge ging auf die Barrikaden und schrieb Mitte Juni einen Beschwerdebrief an die Behörde: "Wie wir aus Ihrem Schreiben erkennen können, haben Sie nicht einmal gelesen, um wen oder was es bei der Anzeige geht. Warum verschicken Sie Briefe an Verstorbene? Ist die Wache der Köpenicker Feuerwehr oder die Einsatzzentrale nicht mehr auffindbar? Gibt es keine Aufzeichnungen über unsere Notrufe?" Es sollte doch zu ermitteln sein, wer an dem Einsatz beteiligt war.
Gegenüber der Berliner Morgenpost räumte ein Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft gestern ein: "Irgendetwas ist schiefgelaufen. Unser automatisch erstellter Bescheid passt nicht mit dem Verfahren zusammen. Der Fall bekommt ein neues Aktenzeichen", so Sprecher Christoph Lange. Das bedeutet, dass die Polizei jetzt erneut ermitteln muss, was genau nach dem ersten Notruf am 27. April passiert ist, welcher Meldeweg genutzt wurde und welcher Beamte damals im Dienst war.
Die Beschwerdestelle der Feuerwehr hat den Vorgang unter dem Aktenzeichen ZBSt_054/08 an die Direktion Süd zur Prüfung weitergeleitet. Es soll Anhörungen der beteiligten Einsatzbeamten geben. "Unsere dokumentierten Zeiten zu dem Einsatz sind gut. Wir waren innerhalb von zwölf Minuten in der Siedlung. Doch es gab offenbar ein Problem beim Auffinden des Hauses", sagt Jens-Peter Wilke, Sprecher der Berliner Feuerwehr.