Architektur

Senat verspricht: "Dieses deutsche Welterbe ist in besten Händen"

Mit der Aufnahme der sechs Berliner Großsiedlungen in die Unesco-Liste kann Berlin nach den preußischen Schlössern und Parks von Potsdam-Sanssouci und Berlin sowie der Berliner Museumsinsel in Mitte nun eine dritte Welterbe-Position verbuchen. Der Berliner Senat sei "hocherfreut" über die Entscheidung, sagte Senatssprecher Richard Meng. Sie zeige, dass Berlin viel mehr zu bieten habe als die bekannten Sehenswürdigkeiten.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) fügte hinzu, dass noch nie zuvor normale Wohnsiedlungen als Welterbe vorgeschlagen wurden. Die Senatorin hatte den Antrag zur Aufnahme der Berliner Siedlungen auf die Welterbe-Liste bereits vor zwei Jahren gestellt. Die Senatorin weiter: "Die Unesco kann sich sicher sein, dass dieses deutsche Welterbe in besten Händen ist."

Die Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten in Berlin, Christine Edmaier, sagte dieser Zeitung: "Dass die Großsiedlungen jetzt Weltkulturerbe sind, ist eine ganz, ganz tolle Nachricht." Sie freue sich, weil damit anerkannt werde, dass sich viele Menschen in diesen Siedlungen sehr wohl fühlen. Die energetische Sanierung der Großsiedlungen sei nun eine wichtige Herausforderung. Dafür müssten große Anstrengungen unternommen werden, um auch technische Lösungen für die Bauten aus den 20er-Jahren zu finden.

Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Michael Braun, sagte: "Das ist eine große Freude und eine große Verantwortung. Eine große Freude deshalb, weil nun auch Gebäude, die nicht in Mitte stehen, ausgezeichnet worden sind. Und es ist eine große Verantwortung, nun sehr sorgfältig mit den Siedlungen umzugehen." Mittes Bürgermeister Christian Hanke (SPD) sagte: "Wir sind mächtig stolz, dass jetzt eine Siedlung aus dem ehemaligen Arbeiterbezirk Wedding zum Weltkulturerbe ernannt wurde."

Auch die Eigentümer reagierten gestern begeistert. Für sie ist die Aufnahme der Siedlungen eine besondere Auszeichnung. So sagte der Sprecher der italienischen Pirelli RE Deutschland, die Eigentümerin der Wohnstadt Carl Legien ist: "Die Entscheidung der Unesco macht uns alle natürlich stolz. Die Freude ist nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien sehr groß und damit grenzenlos."

Die ersten Reaktionen bei einigen Mietern beispielsweise in der Hufeisensiedlung waren dagegen noch verhalten. Helga Lorenz (72) lebt seit 1965 in Britz. Sie kritisierte, dass in den vergangenen Jahren durch den häufigen Eigentümerwechsel wenig Geld in die Substanz der Siedlung gesteckt wurde. Bernd Seelig (64), der seit 15 Jahren in der Hufeisensiedlung wohnt, sagte: "Es wird zu wenig in die Siedlung investiert. Vielleicht ändert sich das ja jetzt." Werner Wittig-Buchmann (62) ist dort seit 20 Jahren beheimatet. Er sagte: "Ich hoffe, dass die Siedlung nun an Ansehen gewinnt und dass mehr saniert wird. Der Status Weltkulturerbe ist eine Chance. Denn die Stadt kann die Siedlung nun nicht mehr verkommen lassen." Sabine Mielke wohnt bereits ihr ganzes Leben in der Hufeisensiedlung. "Ich sehe das positiv, weil hier endlich wieder mal was gemacht wird. In letzter Zeit ist viel heruntergekommen", sagte die 40 Jahre alte Grafikerin. Sie befürchtet nur, dass durch den Status des Weltkulturerbes mit Mieterhöhungen zu rechnen sei.

Für die Baumeister des 20. Jahrhunderts waren die klaren Formen und Strukturen dieser Wohnanlagen wegweisend. Zeilenkonzepte ersetzten die Blockbebauung. Oft waren in die Siedlungen auch Einkaufsläden, Cafés oder Arztpraxen integriert. Berlin wurde so zur Metropole des modernen Städtebaus.