Architektur

"Die amerikanische Botschaft muss sich nicht verstecken"

Es ist merkwürdig, einem Traum aus der Kindheit gegenüberzusitzen. Noch sonderbarer ist es, diesen Mann - er ist nicht gerade als Tausendsassa bekannt - als Traum zu bezeichnen. Doch Klaus Schütz, der hochgewachsene, herrenhafte Politiker mit der großen Hornbrille, der Regierende Bürgermeister von Berlin zwischen 1967 und 1977 war jedes Jahr einen Tag lang mein König.

Es begann mit den Bundesjugendspielen 1973. Sie erinnern sich: jener Leichtathletik-Dreikampf, den jeder Schüler bis heute auszufechten hat. Wer kräftig, wer außerordentlich, also Ulrike-Meyfarth- oder Mark-Spitz-artig war, der bekam eine "Ehrenurkunde", unterschrieben vom Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Wem es gelang, immerhin nicht als Letzter durchs Ziel zu traben, dem überreichte Frau Milz, unsere Sportlehrerin, wenige Tage später eine "Siegerurkunde" mit der Unterschrift des Regierenden Bürgermeisters. Kurzum, das Autogramm von Klaus Schützbedeutete mir viel, weil eben dieser Klaus Schütz meine 191 (von 700) Punkten persönlich für hervorragend befunden hatte.

Der heute 82-Jährige sieht noch immer so aus wie damals, obgleich die Zeit auch bei ihm ihre Arbeit geleistet hat und die Brille der Mode gemäß geschrumpft ist. Wir sitzen im Wohnzimmer seiner großen Altbauwohnung in Wilmersdorf. Schütz hat nach dem Gespräch noch einen Termin, oder hat er sich fürs Foto in den Anzug geworfen, die Falte der Hose scharf wie eine Rasierklinge gebügelt?

Es wäre Zeit, ihm nun von Frau Milz und der Siegerurkunde zu erzählen. Doch neben Schütz sitzt der Direktor der American Academy, sein Schwiegersohn Gary Smith. Da bleibt keine Zeit für Kindereien. Smith und Schütz leben im selben Haus, die Wohnung der Familie Smith liegt über der des Großpapas. Man pflegt die Familienbande: "Sonntags lege ich meinen Kindern die Brötchen vor die Tür. Auch versuchen wir, einmal in der Woche mit den Enkeln gemeinsam Mittag zu essen."

Verwunderung über die Wucht der Attacken

Beide Männer stehen für Berlin und für Amerika - der eine mehr für die Stadt, der andere mehr für die Staaten. Das ist der Anlass für den Besuch bei der deutsch-amerikanischen Familie wenige Tage vor Eröffnung der US-Botschaft am Brandenburger Tor. Das Gebäude ist von zahlreichen Journalisten als Festungsbau kritisiert worden. Schütz war in der Jury, die über das Aussehen des Hauses zu entscheiden hatte. Er versteht die Wucht der Attacken nicht. "Schauen Sie sich doch die anderen Häuser am Pariser Platz an: die französische Botschaft, die Akademie der Künste, das Hotel Adlon. Das sind Bauten, über die man auch einiges Kritische sagen kann. Die amerikanische Botschaft muss sich nicht verstecken."

"Mich hat die Art der Kritik gewundert", fällt Gary Smith ein. Er werde den Verdacht nicht los, dass es in einigen Artikeln zur Architektur gar nicht um das Bauwerk ging, sondern um ein düsteres Amerikabild, in welches jenes Haus gezwängt wurde, das am 4. Juli eingeweiht wird.

Es gibt nur wenige Persönlichkeiten im Land, die das deutsch-amerikanische Verhältnis derartig scharfsichtig beobachten. Auch kommt kaum einer dies- und jenseits des Atlantiks mit so vielen Politikern und Publizisten, Künstlern und Wissenschaftlern zusammen wie der Direktor der American Academy. Seit Jahren ist Smith der eigentliche Botschafter der Vereinigten Staaten in Berlin, auch wenn er es nicht hören will. Von allen politischen Zwängen befreit, unter der jeder Statthalter seiner Regierung im Ausland steht, knüpft Gary Smith unabhängig von den jeweiligen Machthabern in Washington und Berlin Beziehungen mit all denen, die ihn interessieren. Der 1954 in New Orleans geborene Smith hat sich zum Ziel gesetzt, die geografische Ferne durch geistige Nähe zu ersetzen. Berlin und das Land wären ohne ihn ärmer. Es gibt nicht viele gesellschaftliche Naturen an der Spree, die in sämtlichen Kreisen gern gesehen sind und dieses Wohlwollen gleichzeitig so gekonnt für ihre Einrichtung - in dem Fall die Academy - zu nutzen in der Lage sind. Gary Smith kann es. Darüber hinaus versteht der Germanist, der über Walter Benjamin promovierte, viel von den Deutschen.

Vor der Wiedervereinigung habe ich Berlin als provinziell erlebt. Ich fand es übertrieben, dass einige Berliner ihre Stadt mit New York verglichen, und empfand dies als nostalgischen Wunsch nach der Weltstadt Berlin. Eigentlich hatte ich vor, in die USA zurückzukehren. Doch dann kam die Wiedervereinigung. Zwar findet sich diese Selbstüberschätzung dann und wann immer noch, doch ist die Stadt heute ein unglaublich spannender Ort. Nirgendwo sonst in diesem Land finde ich so viele unterschiedliche Deutschlands wie in Berlin", erklärt Gary Smith in gutem Deutsch. Geltungsdrang hin und Wiedervereinigung her - haben sich Berlin und Deutschland nicht spätestens seit der Präsidentschaft des jüngeren Bush von Amerika abgewandt?

Schütz und Smith schütteln den Kopf. "Unser Verhältnis ist schon früher ein anderes geworden", wirft Schütz ein. Das mag stimmen, aber ist Deutschland nach der Wiedervereinigung nicht im Begriff, zurück in die unselige Mittellage zu rutschen? Haben die Berliner 1994 während des Abzugs der Alliierten aus der Stadt nicht Plakate mit dem Satz geklebt: "Wir verabschieden unsere westlichen Partner", so, als ob sie selbst gar nicht zum Westen gehörten? Wieder kommt ein Nein. "Berlin ist nicht mehr das Berlin der Luftbrücke, und die Berliner sind mehrheitlich nicht mehr diejenigen, welche den Kennedy-Besuch erlebten", sagt Klaus Schütz. "Das war eine besondere Zeit. Wer sie erlebt hat, wird sein Leben lang emotional mit den Vereinigten Staaten verbunden bleiben. Nun stellen andere Generationen mit anderen Erfahrungen und Einsichten die Mehrheit. Das ist ganz natürlich."

Ganz besondere Nähe

"Ich habe mich gewundert", sagt Smith, "wie schnell historische Ereignisse ihren Wert verlieren. Als wir den ehemaligen US-Außenminister George Shultz in der Stadt hatten, um gemeinsam an die berühmte Rede zu erinnern, die Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor gehalten hatte, ist die Bedeutung dieses Ereignisses nicht angemessen gewürdigt worden. Dennoch ist eine ganz besondere Nähe zwischen Amerikanern und Deutschen da. Ich spüre sie täglich. Die Gemeinsamkeiten unserer Nationen gehen viel tiefer, als die meisten ahnen."

Die Deutschen hätten nach der Wiedervereinigung ihre neue Rolle noch nicht gefunden, gibt Klaus Schütz zu bedenken. "Das deutsch-amerikanische Verhältnis war immer sehr emotional und wird es wohl auch bleiben", stellt Smith fest. Er erklärt, dass die Beziehungen auch in der Vergangenheit von Übertreibungen gekennzeichnet waren. "Nach der Krise vor und während des Irak-Krieges sind wir nun zu einer Nüchternheit zurückgekehrt, die wohltut. Das liegt nicht zuletzt auch an der Politik der Bundeskanzlerin."

Man kann nur hoffen, dass dieser Sonnenschein auch über den Konflikt mit dem Iran hinaus hält", werfe ich ein.

"Wir müssen viel mehr miteinander sprechen", wiegelt Schütz ab. "Früher haben wir Woche für Woche in Berlin mit den amerikanischen Vertretern gesprochen. Überhaupt ist der Abzug der amerikanischen Brigade ein großer Verlust für das gemeinsame Gespräch und das deutsch-amerikanische Verhältnis, weil die Soldaten, zurück in den USA, ihr Interesse an Deutschland behalten haben."

German Academy am Potomac River?

Heute sei an ihre Stelle einzig die American Academy getreten. "Es wird Zeit, dass dieses Gesprächsforum eine Entsprechung in Washington findet."

Gute Idee: eine German Academy am Potomac River.