Das rätselhafte Verschwinden der Georgine K.

Am 25. September um 13.45 Uhr verschwand die 14-jährige Georgine Krüger auf dem Heimweg in Moabit spurlos.

Am 25. September um 13.45 Uhr verschwand die 14-jährige Georgine Krüger auf dem Heimweg in Moabit spurlos. Trotz intensiver Suche und Ermittlungen in alle Richtungen tappen Familie und Polizei über den Verbleib des Mädchens völlig im Dunkeln. Gestern setzten die Ermittler eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro für Hinweise aus, die zur Klärung des Falles beitragen. Die Berliner Morgenpost hat sich im Moabiter Stephankiez auf Spurensuche gemacht.

Der unheimliche Ort

"Straßen zum Leben" steht auf dem selbst gemalten Straßenschild an der Stendaler Straße in Moabit. Wie Hohn wirkt zurzeit das Schild, das auf die Verkehrsberuhigung in der kurzen Straße aufmerksam macht, auf die Familie Krüger, die an der Stendaler Straße wohnt.

Direkt daneben hängt ein Fahndungsplakat der Polizei. Genau hier, wo der Lärm der Perleberger Straße der Ruhe des Alt-Berliner Kiezes in der Seitenstraße weicht, verliert sich die Spur der 14-jährigen Tochter der Familie, Georgine Krüger.

Es war ein ganz normaler Montag, der vorletzte vor dem Beginn der Herbstferien, als sich Georgine Krüger nach sechs Stunden Unterricht in der Fontane-Oberschule an der Turmstraße auf den Heimweg machte. Sie stieg in den Bus der Linie M 27 und fuhr nach Hause. An der Ecke Perleberger/Rathenower Straße stieg sie wie üblich aus - was dann geschah, liegt bis heute völlig im Dunkeln.

Gerade einmal 200 Meter sind es von der Bushaltestelle über die belebte Kreuzung bis zur elterlichen Wohnung an der Stendaler Straße. Dass hier, zwischen dem Lebensmittelgeschäft "Habibi" und dem Elektroladen am anderen Ende der Straße, ein junger Mensch am späten Mittag spurlos verschwindet, ist rätselhaft.

Georgine

Georgine ist ein fröhliches Kind. Nach dem Umzug der Familie aus dem niedersächsischen Peine nach Berlin hat sie sich schnell in der neuen Heimat eingelebt. Sie besucht die Fontane-Oberschule, eine Realschule, nachmittags trifft sie sich mit Freundinnen oder chattet im Internet. Später möchte sie einmal Schauspielerin werden, sagte sie Bekannten.

In den entsprechenden Chat-Foren von MSN oder anderen Anbietern schließen junge Leute in Windeseile Kontakte, unterhalten sich kurz, bevor sie sich wieder in die Unendlichkeit des Internets verabschieden. Es ist ein riesiges Netzwerk an Belanglosigkeit, das sich dort jeden Tag zusammenfügt und wenige Stunden später wieder zerstreut.

Hier hat Georgine Bekanntschaften gemacht. Zuletzt mit einem Nutzer namens Andreas, der vorgab, sich in die 14-Jährige verliebt zu haben. "Du bist mein Traumgirl", schrieb er Georgine nach der Schule. Und: "Ich könnte dich glatt aufessen. Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt", ließ er die Unbekannte wissen. Zu einem vereinbarten Treffen erschien Georgine nicht - wie Mitglieder der Chatgemeinde zu Tausenden nicht zu vereinbarten Treffen erscheinen. Internetchats sind ein Meer an Unverbindlichkeiten, in dem Menschen alles behaupten und vor allem junge Leute unter dem Schutz der Anonymität erste - tapsige oder unverfrorene - Versuche machen, das andere Geschlecht zu ergründen.

Georgine war kein leichtgläubiges Mädchen, sagen Nachbarn. Sie grüßte stets und gehörte nicht den Gangs an, die lärmend durch die Straßen ziehen. Sie war zuverlässig, erzählt die Mutter, von Problemen in der Schule oder in der Familie wissen die Nachbarn nichts. Auch die Familie hat noch keine Antworten auf die vielen Fragen gefunden, die sie sich seit zwei Wochen ununterbrochen stellen.

Alleingelassen

Vesna Krüger hält es sogar kaum noch aus. Georgines Mutter sitzt seit dem 25. September zu Hause und wartet auf ein Lebenszeichen ihrer Tochter. "Sie ist immer noch nicht zu Hause. Wir sitzen hier und warten", sagt die verzweifelte Mutter. "Nein, wir haben überhaupt nichts gehört, nichts von der Polizei und auch nichts aus dem Bekanntenkreis. Das ist das Schlimme, wir stehen andauernd unter Stress." Jedes Klingeln des Telefons lässt die Hoffnung wieder stärker aufglimmen, bei jedem Klingeln an der Tür steht unausgesprochen die Frage im Raum: Ist es Georgine?

"So zu verschwinden, ist ja nicht normal."

Spurlos.

"Und wenn Kinder verschwinden, dann sind sie nach drei oder vier Tagen, vielleicht einer Woche, wieder da. Aber jetzt sind es schon über zwei Wochen!" Die Stimme der Mutter klingt dünn und verzweifelt. So als ob jemand lange geweint hat und nun keine Tränen mehr hat.

"Die Polizei ruft manchmal an und sagt, dass es nichts Neues gibt, oder sie hat noch ein paar Fragen."

Nach all dem Warten geht Vesna Krüger die Kraft aus. Die kleine Tochter Michelle sitzt meist vor dem Fernseher, manchmal kommt der Bruder einer Freundin vorbei und spielt mit der Sechsjährigen. Georgines Halbbruder Tomislav versucht, den alltäglichen Wahnsinn von der Familie fernzuhalten.

"Ich bin zu schwach, ich möchte nicht mehr reden", sagt Vesna Krüger. Und zum Abschied: "Nichts zu danken."

Nein. Es gibt wirklich nichts zu danken.

Vesna Krüger fühlt sich alleingelassen.

Der vergessene Kiez

Das Stephanviertel ist ein vergessener Kiez. Das Viertel liegt in einem Bermudadreieck zwischen Quitzow-, Perleberger und Stromstraße. In der Mitte des Quartiers liegt der Stephanplatz. Hier dokumentiert sich die allgemeine Verwahrlosung des Stadtteils, in dem Georgine verschwand, an einem x-beliebigen Vormittag wie gestern anschaulich. Eltern stellen ihre Kinder am Spielplatz ab und trinken am Imbiss eine Ecke weiter oder in der Kneipe "Zum kaputten Heinrich" oder dem "Café Side" das erste Morgenbier. Ihre zerfurchten Gesichter lassen befürchten, dass im Verlauf des Tages noch viel Bier folgt. Auf den Bänken am Anfang der Stendaler Straße sitzen diejenigen, die nicht einmal mehr in eine Kneipe zum Trinken gehen. Sie versorgen sich bei Penny mit Alkohol.

Die Kinder werfen unterdessen Steinchen auf die Mitarbeiterin des Gartenbauamtes, die die Pflanzen auf dem Platz sprengt, bis sie entnervt aufgibt. Nebenan an der Stephanstraße schleichen drei Mädchen um die Briefträgerin herum und stehlen lachend Briefe aus der Posttasche, sobald die Postbotin in einem Hauseingang verschwindet.

Es herrscht Gleichgültigkeit. Nein, über Georgines Verschwinden wollen die meisten nicht reden. "Die ist abgehauen", sagen Passanten. "Die ist entführt und geht jetzt auf den Strich", vermuten andere. Mitgefühl gegenüber der Familie formuliert niemand. Mehr als ein Schulterzucken hat kaum jemand übrig. Das Leben im Stephankiez ist hart. Hilf dir selbst, dann ist an jeden gedacht, lautet das Lebensmotto hier. Wer Kinder hat, möchte sie hier nicht aufwachsen lassen. Wer kann, zieht weg.

Drüben in Moabit West hat der Senat mit Mitteln der Europäischen Gemeinschaft ein Quartiermanagement eingerichtet. Da beginnt sich das Klima auf der Straße zu verbessern, die Gewalt sinkt. Frauensenator Harald Wolf hat das Frauenprojekt schon besucht, und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat das Engagement der Quartiermanager ausgezeichnet.

Das alles gibt es im Stephankiez nicht. Und der hat es doch bitter nötig.

Das Verschwinden

Das Beunruhigende am Verschwinden von Georgine ist, dass sie offenbar erst sechs Stunden die Schule besucht hat, dann in den Bus Richtung eigener Wohnung eingestiegen ist und an der gewohnten Haltestelle an der Perleberger Straße ausgestiegen ist, bevor sich ihre Spur verliert. Dieses Verhalten spricht gegen ein freiwilliges Verschwinden des Mädchens. Wer abhauen will, fährt nicht erst nach Hause, ohne dann die Schultasche wegzubringen. Besorgniserregend ist darüber hinaus, dass ihr Handy eine Viertelstunde, nachdem Zeugen sie zuletzt gesehen haben, ausgeschaltet wurde - und seitdem geblieben ist.

Während der letzte Zeugenhinweis von 13.45 Uhr noch nichts über den tatsächlichen Zeitpunkt des Verschwindens aussagt - Georgine hätte noch stundenlang durch die Stadt fahren können, bis die besorgte Mutter Anzeige erstattet hat -, legt das fast zeitgleiche Ausschalten des Handys allerdings einen Zusammenhang nahe. Auch deswegen hat die 7. Mordkommission den Fall übernommen.

Die Dauervermissten

Gegen ein unfreiwilliges Verschwinden spricht allein die Wahrscheinlichkeit. Seit der Wiedervereinigung hat die Polizei in Berlin sieben Fälle von dauervermissten Minderjährigen registriert. Vier Mädchen und drei Jungen. Auffallend ist, dass die drei Jungen im Alter von elf bis 13 Jahren zwischen 1993 und 1995 verschwanden, die vier Mädchen im Alter zwischen zwölf und 17 seit 2000 vermisst werden. Es verschwinden offenbar nur noch Mädchen.

Aber auch in einer Metropole wie Berlin lösen sich Menschen nicht einfach so in Nichts auf. Jährlich mehr als 1000 Vermisstenmeldungen (2005: 1054; 2004: 1200) stehen insgesamt 18 dauerhafte Vermisste seit der Wiedervereinigung gegenüber. Das heißt: Von 1000 Vermissten verschwindet durchschnittlich nur einer für immer und ungeklärt.

Die Ermittler

Sofort nach der Vermisstenanzeige der Mutter lief die Ermittlungsmaschinerie der Polizei an. "Wir waren in jedem Haus, in jedem Keller und jedem Verschlag in der Gegend", sagt ein Sprecher der Mordkommission. Insgesamt bis zu 60 Beamte durchkämmten die Gegend rund um die Stendaler Straße. In den vergangenen zwei Wochen haben sie 270 Keller, Dachböden, Hinterhöfe, Brachflächen in der Nähe, den Fritz-Schloss-Park, das Poststadion daneben und das Industriegelände im Norden des Stadtteils durchsucht - ohne Ergebnis. Auch im Westhafen fand sich keine Spur des vermissten Mädchens. Die Spur der Internetbekanntschaft lief ins Leere.

Jetzt sind die sichtbaren Ermittlungen abgeschlossen und die Detailarbeit der 7. Mordkommission beginnt. Das familiäre Umfeld wird systematisch abgeklopft. Immer wieder rufen die Ermittler bei den Familienangehörigen an und stellen Nachfragen. Mit wem traf sich Georgine regelmäßig, wen kannte sie noch? Könnte sie freiwillig in ein Auto eingestiegen sein? Aber in wessen? Gab es Ärger, vielleicht schon vor längerer Zeit?

Die Polizei setzt weiter auf die Unterstützung der Nachbarn. "Alle Personen, die weitere Angaben zum Verschwinden oder dem momentanen Aufenthaltsort von Georgine Krüger machen können, werden dringend gebeten, sich bei der Polizei zu melden", heißt es im jüngsten Aufruf der Polizei. Inzwischen hat sie eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgelobt.

Es kann doch nicht sein, dass ein Mädchen mittags in einer belebten Gegend einfach spurlos verschwindet. Und niemand sieht etwas, und kein Fitzelchen Stoff oder ein Gegenstand aus dem Besitz der Vermissten taucht auf.

Auch das Landeskriminalamt in Niedersachsen hilft bei den Ermittlungen. Vielleicht findet sich in Georgines alter Heimat ein Erklärungsansatz für ihr Verschwinden.

Die Ungewissheit

Die quälende Ungewissheit ist es, die den Krügers den letzten Nerv raubt. Das Unwissen lässt Raum für Spekulationen, die am Ende doch keine Erleichterung bringen. Alle Erklärungsversuche gleiten an dem ungewöhnlichen Fall der verschwundenen Georgine Krüger ab, ohne dass etwas Greifbares hängen bleibt.

Die Ermittlungen der Polizei gehen jetzt in eine entscheidende Phase. Entweder sie finden einen Ansatzpunkt in der Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis oder sie müssen vor dem Fall zunächst kapitulieren und auf einen Zufall hoffen.

Auch für die Mitarbeiter der 7. Mordkommission ist es ein ungewöhnlicher Fall. Einer, den man nach Feierabend nicht einfach im Büro lässt, sondern mit nach Hause nimmt. Alle Mordkommissionen fürchten sich vor solchen Fällen, die womöglich jahrelang in der Schreibtischschublade schlummern, ohne dass sich jemals eine Lösung abzeichnet.

Hoffnung und Qual

Georgine Krüger verschwand am 25. September um 13.45 Uhr auf dem Weg von der Schule nach Hause, 200 Meter von der elterlichen Wohnung entfernt. Vielleicht für immer. Vielleicht steht sie schon heute wieder vor der Tür.

Das ist das Grausame an einer rätselhaften Geschichte.