Motoren

Der Bergdoktor

Auf seinem einsamen Tiroler Bergbauernhof veredelt Conrad Gruber Sportwagen mit maßgeschneiderten Motoren. Er hat Kunden in aller Welt

Ein winziges Dorf in den Tiroler Bergen. Es duftet nach frisch gemähtem Heu. Das leise Pfeifen des Windes in den Bäumen und das ferne Lachen der Menschen von der Terrasse des Gasthauses schaffen eine friedliche, eine entspannte Stimmung. Das Knattern eines Traktors ist in der Ferne zu vernehmen. Wanderer mit bunten Rucksäcken laufen auf der schmalen Asphaltstraße den Berg hinauf. Thierbach in der Wildschönau bietet heimatfilmtaugliche Bergidylle.

Doch plötzlich durchbricht an diesem sonnigen Herbsttag ein Röhren diesen Frieden. Ein tiefes, dumpfes Grollen, das lauter wird und sich immer wieder mit einer trompetenhaften Fanfare abwechselt. Ungewohnte Klänge für ein Gebirgsdorf. Verursacher ist ein gelbes Ungetüm, das um die Ecke fährt und sich mit einem schmetternden Gasstoß Aufmerksamkeit verschafft: ein Lamborghini Diablo. Der Fahrer hat es nicht besonders eilig, biegt vor der Kirche rechts ab und parkt seinen Boliden vor einem alten, etwas abseits gelegenen Bergbauernhof, dessen dunkle, verwitterte Holzfassade einen perfekten Kontrast zu dem Knallgelb des italienischen Supersportwagens abgibt.

Während einige Urlauber überrascht ihre Hälse verdrehen, bleiben die Bauern auf der steilen Bergwiese völlig gelassen. „Ach, da Conrad is wieda unterwegs.“ Man kennt sich hier oben. Die linke Tür des Wagens schwebt langsam nach oben, und der Fahrer erhebt sich aus dem tiefen Schalensitz. Schwarze Lederhose, schwarzes Hemd. Das ist das Markenzeichen von Conrad Gruber. Im elterlichen Bauernhof beschäftigt er sich seit 18 Jahren mit dem Veredeln von Hochleistungssportwagen. Hinter der unscheinbaren Fassade des alten Hofes versteckt sich eine Hightech-Werkstatt, die den etwas sperrigen Namen „Albrex Hochleistungsmotoren Technologie“ trägt. In der arbeitet Gruber zusammen mit seinem Mechaniker Thomas Steiner an Sportwagen. Sie werden wiederaufbereitet, veredelt und mit erheblichen Leistungszuschlägen auf die Straße zurückgeschickt. Zu dem einsamen Bergdorf auf über 1100 Metern Höhe, wo die Leute gewöhnlich von der Landwirtschaft oder vom Tourismus leben, passt Grubers Handwerk so gut wie ein Supertanker in den Duisburger Binnenhafen.

Früher rüstete der 51-Jährige für renommierte Tuningfirmen die Motoren auf, die dann in martialisch aufgemotzten Testarossas oder Countachs eingebaut wurden. Diese Zeiten sind vorbei. Am Äußeren der Autos verändert Gruber in seiner Werkstatt nichts. Das Tuning ist ausschließlich auf die inneren Werte begrenzt. So wie bei einem englischen Kunden, der sich seinen Ferrari F50 auf 850 PS aufwerten ließ, oder bei der schwarzen Corvette, die nun mit 750 statt mit ursprünglich 520 PS unterwegs ist. Das Extremste, was Gruber je auf die Räder gestellt hat, war ein Zwölfzylinder von Ferrari mit 1060 PS, eine Replika des legendären Rennwagens 330 P4 auf Testarossa-Basis. Der hatte mehr als das Doppelte der ursprünglichen Leistung.

Penibel sauber und fein sortiert sieht es in der Werkstatt aus. Leistungsprüfstände, ein Zylinderinnendruckmessgerät und verschiedene Metallbearbeitungsmaschinen stehen an den Wänden. Gruber ist ein Tüftler, einer, der am liebsten alles selbst macht, denn nur so kann er seine hohen Ansprüche verwirklichen. „Ich bin der Spezialist für die ganz speziellen Aufgaben“, sagt er mit leiser und ruhiger Stimme.

Gruber und Steiner arbeiten meist an mehreren Projekten gleichzeitig. Vorne steht eine schwarze Chevrolet Corvette, auf der einen Hebebühne versteckt sich ein gecrashter Ferrari 599 unter einer Plastikplane, und hinten im Eck thront in knapp zwei Meter Höhe ein betagter Audi Sport Quattro. Letzterer gehört einer in Österreich bekannten Unternehmerfamilie; nach etlichen Jahren des Stillstands soll er wiederbelebt werden. Das eigenwillig proportionierte Coupé, eine verkürzte Version des Urquattro, wurde vor 30 Jahren zu Homologationszwecken nur 220-mal produziert und kostete damals rund 200.000 Mark. Mittlerweile zahlt man für den kantigen Allradsportwagen mehrere Hunderttausend Euro. „Grundsätzlich sind wir an keine Marke gebunden und für so ziemlich alles offen“, sagt Gruber. Wobei sich das Wort „alles“ schon auf alles Teure konzentriert, denn die oft monatelange Behandlung in der kleinen Tuningschmiede geht ins Geld.

Doch es wird nicht nur repariert, auch Fahrzeuge, die bereits gut und sportlich sind, werden von Gruber und Steiner in ihrem Fahrverhalten und ihrer Motorcharakteristik optimiert. Bei einem Jaguar XK120 Coupé hat Gruber beispielsweise die Bremsanlage verbessert sowie Motor und Getriebe überarbeitet. Vorne am Tor parkt ein Lotus Elise, den Gruber mit neuem Turbo auf 300 PS bringt. Damit dürfte der rund 700 Kilogramm schwere Wagen zu einem Geschoss werden. Zwischen all diesen Sportwagen wirkt der blaue Renault 5 verloren und deplatziert. Beim genauerem Hinsehen entpuppt sich der vermeintliche Kleinwagen jedoch als pausbäckige und sportliche Mittelmotorversion, die es vor 34 Jahren sogar mit einem Porsche aufnehmen konnte.

Mit den verschiedenen Typen und technischen Eigenarten hat Gruber kein Problem. „Bei jedem Auto werden zuerst die Vorgaben aus der Serie genau analysiert, und dann entscheiden wir, was gemacht wird.“ Der gelernte Mechaniker produziert viele Teile selbst. Besonders stolz ist er auf den von ihm entwickelten Albrex-Kompressor. Bei Bedarf schmiedet er auch Kolben, Nockenwellen oder Querlenker. Conrad Gruber sagt: „Heute geht es den Leuten viel weniger um die optische Show, sondern um ein individuelles Fahrerlebnis.“

Dass Grubers Werkstatt abgelegener kaum sein könnte, dass sie im Winter nur mühsam zu erreichen ist, tut seinem Geschäft keinen Abbruch. Eher im Gegenteil. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten haben sich mittlerweile herumgesprochen. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt, sie lassen ihre Fahrzeuge oft per Lkw anliefern, und ob sie nun einen Monat oder gleich mehrere Monate bearbeitet werden, scheint für Albrex-Fans keine Rolle zu spielen.

Ein maßgeschneiderter Motor braucht seine Zeit. Und er reift wohl nirgends besser als im Tiroler Thierbach.