Lasse Klötzing

Segeln gegen die Krankheit

Noch kann Lasse Klötzing Schoten und Fallen gut greifen, daran ziehen und das Boot auf neuen Kurs bringen. Noch kann er schnelle Wenden und Halsen fahren und allein sein Boot zu Wasser bringen. Niemand aber weiß, wie lange der 20-Jährige das noch kann, denn Klötzing leidet unter einer fortschreitenden Nervenkrankheit, bei der seine Nervenenden nach und nach zerfasern.

Im Alter von fünf Jahren wurde die Krankheit bei ihm diagnostiziert. Sie wird durch einen Gendefekt ausgelöst und führt dazu, dass Muskeln nicht mehr genug Informationen zur Kontraktion bekommen. Seither schreitet sie langsam, aber kontinuierlich voran. Bis vor wenigen Jahren konnte Lasse Klötzing zum Beispiel noch laufen, nun sitzt er im Rollstuhl und kann seine Füße nicht mehr bewegen.

Aktueller Deutscher Meister

Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass Klötzing zu den absoluten Berliner Spitzenseglern zählt. "Sicher, irgendwann wird es mit dem Segeln vorbei sein", sagt Klötzing. "Spätestens dann, wenn die Kraft in den Händen weg ist. Aber da denke ich jetzt noch nicht dran. Ich lebe im Hier und Jetzt." Gerade erst hat der Berliner vor Travemünde die Deutsche Meisterschaft im 2.4mR-Boot gewonnen, einem kleinen Segelboot, das speziell auf die Bedürfnisse von behinderten Seglern zugeschnitten ist. Im kommenden Januar fliegt Klötzing nach Florida, um dort an der Weltmeisterschaft der behinderten Segler teilzunehmen. Und im Mai segelt er beim Berlin Cup. "Klappt alles so, wie ich es mir wünsche, und gewinne ich die Regatten, so fliege ich Anfang September nach London zu den Paralympischen Spielen", freut er sich.

Klötzing erzählt dies recht nüchtern, so als sei dies nichts Besonderes. Doch wer denkt, dies sei deshalb bereits eine ausgemachte Sache, der irrt: Wie bei nicht behinderten Seglern für die Olympischen Spiele ist die Ausscheidung für die Paralympics hart - über Jahre ist sehr viel Leistungstraining notwendig. Aktuell ist Klötzings Boot mit der Segelnummer GER 44 zwar schon verpackt und im Container Richtung Florida unterwegs, ansonsten trainiert er aber im Schnitt zweimal pro Woche. Als Mitglied im Potsdamer Yacht Club ist der Wannsee hierfür sein Heimatrevier.

Darüber hinaus ist Klötzing aber auch noch Mitglied im Audi Sailing Team Germany, der deutschen Segelnationalmannschaft - und wird dort von Trainer Bernd Zirkelbach für die Paralympischen Spiele fit gemacht. "In Kiel finden regelmäßig Trainingseinheiten statt", erklärt Klötzing. Dort bekommt er dann etwa ein spezielles Taktiktraining, das er daheim auf dem Wannsee mit seinem Vater verfeinert. Außerdem trifft er bei den Taktikeinheiten immer wieder seinen ärgsten Konkurrenten und Mentor: Heiko Kröger, Paralympics-Sieger in Sydney und siebenfacher Weltmeister. Er segelt ebenfalls ein 2.4mR-Spezialboot, weil sein linker Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert ist.

"Ich bin seit Jahren der Erste, der ihn herausfordert", sagt Klötzing selbstbewusst. Allerdings: "Gleichzeitig hat Heiko mich unter seine Fittiche genommen und bringt mir vieles bei. Aber nur, bis es hinaus aufs Wasser geht. Dann sind wir schlagartig wieder Konkurrenten."

Nur einer von ihnen beiden wird schließlich zu den Paralympics fahren, da wie bei den Olympischen Spielen auch hier pro Bootsklasse nur ein einziger Nationenplatz vergeben wird - und sie schenken sich daher auch nichts. "Das würde ich aber auch gar nicht wollen", sagt Klötzing. Mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft hat er aktuell aber ohnehin die Nase vorn.

An Land befreundet, auf dem Wasser Konkurrenten - hinsichtlich der Freund- und Feindschaften auf dem Wasser unterscheidet sich das Behindertensegeln nicht vom Segeln nicht behinderter Menschen. Und dennoch gibt es gravierende Unterschiede, etwa bei den Booten: "Unsere Boote gelten als sogenannte Konstruktionsklasse", erklärt Klötzing.

Das bedeutet: Abgesehen von einem vorgeschriebenen Maximalgewicht von 254 Kilogramm ist alles andere variabel. So hat sich Klötzing die Schoten für das Bedienen des Vorsegels zum Beispiel etwas anders gelegt, um wegen seiner Behinderung und der abnehmenden Kraft in den Händen leichter damit hantieren zu können. Wo bei anderen Booten derselben Klasse ein Sitz eingebaut ist, hat sich Klötzing einen Kitesurf-Gurt installiert, in dem er quasi über dem Bootsboden hängt und wodurch er schnell und flexibel hantieren kann. "Es sind solche Kleinigkeiten, die dann auf dem Wasser den Erfolg ausmachen."

Doch außer dem Bootstuning und regelmäßigen Trainingseinheiten gibt es natürlich eine lange Vorgeschichte, die Klötzing dazu befähigt, heute seine Spitzenleistung beim Segeln zu erbringen. "Im Alter von sechs Jahren begann ich mit dem Opti-Segeln. Damals konnte ich noch alles bewegen." Bei Wenden und Halsen schnell die Seite des Boots zu wechseln sei zwar von Anfang an mühsam gewesen. "Aber es ging."

Bis zum Alter von 13 Jahren blieb er dem Optimisten treu, der Wechsel beispielsweise auf einen Laser war jedoch nicht möglich, da dieser erfordert, sich weit aus dem Boot zu hängen. "Raus würde ich schon kommen, nur zurück nicht mehr", sagt Klötzing, "dazu fehlt mir die Kraft." Im 2.4mR-Boot fand er dann aber genau das für ihn passende Gefährt. Regelmäßig betreibt er seit drei Jahren Krafttraining, um so lange wie möglich fit fürs Segeln zu bleiben.

Keine Sonderbehandlung

"Im Jahr 2005 stieg ich in die internationale Bootsklasse 2.4mR um, die als Einmannkielboot bei den Paralympics gesegelt wird. Von da an ging es dann mit meiner Segelkarriere bergauf", sagt Klötzing. Im Audi Sailing Team Germany erfährt er nun genau die gleiche Förderung wie gesunde Segler. "Wir machen keine Unterschiede", sagt Trainier Bernd Zirkelbach. Für ihn ist Klötzing ein großes Talent.

Lasse Klötzing selbst freut eine solche Einschätzung, und er würde eine Sonderbehandlung auch gar nicht wollen. Die Hilfe und Unterstützung, die er gerade im Berliner Segelsport wegen seiner Behinderung erfahren hat, hilft ihm aber durchaus. "Das gibt mir eine starke Rückendeckung." Dass viele Vereinsgelände kaum behindertengerecht gebaut seien, etwa entsprechende Bootsrampen fehlen oder viele Stufen das Hantieren mit dem Rollstuhl schwierig machen, sei so zu verschmerzen und ließ ihn seine Behinderung manchmal sogar fast ein wenig vergessen.