Akademischer Segler-Verein

Dem Nachwuchs eine Chance

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Oliver Klempert

Und noch eine Wende! Das Schiff legt sich von einer Sekunde zur nächsten auf die Seite und fährt eine scharfe Kurve. Lukas Speetzen, 25 Jahre alt und eigentlich Medizin-Student an der Charité, brüllt mehrere Kommandos über das Deck, während er die Pinne des Segelschiffs in der Hand hält und beobachtet, ob seine Mitsegler seinen Anweisungen auch brav folgen.

Der Wind weht an diesem Freitagnachmittag recht kräftig über die Scharfe Lanke in Berlin-Spandau. Es herrscht fast Windstärke fünf, immer wieder treffen Böen das Schiff und so müssen sich die Studenten ins Zeug legen, um das Segelboot zu führen. So schnell wie es geht werden deshalb alle Segel umgesetzt.

Speetzen, der das Kommando hat und seine Mannschaft scheucht, wird gleichzeitig selbst wieder beurteilt, wie er das Schiff führt - von Jan Lassen, seines Zeichens Student der Schiffs- und Meerestechnik an der TU Berlin. Er hat für die "Prosit IV", Aushängeschild des Akademischen Segler-Vereins und nach seinen Angaben das größte Segelschiff in Berlin, bereits die entsprechende Befähigung, um das Schiff führen zu dürfen. Nun bildet er Speetzen dazu aus.

Lockere Studenten, strenge Regeln

Das klingt zunächst gewöhnungsbedürftig: Einerseits sind alle an Bord etwa im selben Alter, studieren gerade oder haben soeben ihr Studium abgeschlossen, andererseits herrscht aber auch eine strenge Hierarchie. Da gibt es mit der künftigen Englisch- und Mathelehrerin Annekatrin Linde etwa eine Takelmeisterin an Bord. Sie wacht darüber, dass das Material gut behandelt wird. Mit Wirtschaftsingenieur in spe Reemt Lücht ist ein Bootsmann dabei, der die rechte Hand des Schiffsführers ist. Weiterhin gibt es den Ausbilder und weitere "Matrosen", die bei "Mann-über-Bord"-Übungen Rettungsringe aus dem Wasser fischen müssen. Acht junge Menschen im Alter zwischen 22 und 35 Jahren segeln bei dieser Übungsfahrt mit.

Aber so ist das beim Akademischen Segler-Verein Berlins. Die Segler kommen von allen Fakultäten Berlins, aus alle Fachdisziplinen und im Herzen verbindet sie eines: die Leidenschaft fürs Segeln. Manche lernen es erst hier in Berlin, sei es, weil sie ein Kommilitone an der Uni mitgenommen hat. Andere hat die Studienplatzvergabe nach Berlin verfrachtet und hier können sie, wenn sie schon vorher gesegelt sind, nun dort weitermachen, wo sie daheim aufhören mussten. Das ist auch bei Speetzen so, der bereits in seiner Heimatstadt Kiel im Piraten segelte.

Der Akademische Segler-Verein ist einer der ältesten Segelvereine Deutschlands. Er hat seinen Sitz in Berlin-Spandau an der Scharfen Lanke und hat derzeit rund 320 Mitglieder. "Große Segelprojekte stehen seit jeher in seiner Tradition. Hochseesegeln für Studierende auf vereinseigenen Schiffen zu ermöglichen, ist das Ausbildungsziel des Vereins", sagt Ausbilder Jan Lassen an Bord, während einer ruhigen Minute. Zuletzt segelte etwa die 17 Meter lange Vereinsyacht "Walross IV" vom Jahr 2007 bis 2010 von Deutschland aus zu den Olympischen Spielen in China und über Australien und Kap Hoorn zurück. In 32 Etappen nahmen 148 Segler, darunter viele Studenten, per Crewwechsel an dem mehr als 93.000 Kilometer umfassenden Projekt teil. Das klingt nicht nur danach - das ist die große weite Welt und das Gegenteil von überfüllten Hörsälen oder stickigen Räumen, in denen Tutorien abgehalten werden.

Dabei hatte alles einmal recht klein angefangen: Der ASV wurde 1886 - vor 125 Jahren - von zehn Studenten der Königlich Technischen Hochschule Charlottenburg, der heutigen TU Berlin, gegründet. Seitdem hat er aber immer wieder Yachtsportgeschichte geschrieben. So segelte der Studentenkutter "Matador" als erste deutsche Yacht 1888 nach Stockholm. Im gleichen Jahr gründete der ASV mit anderen Vereinen den Deutschen Segler-Verband. In den 30er Jahren segelten die Berliner auf "Prosit III" rund um England und Schottland und nach Nordnorwegen. Das war für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Reise. 1972 erreichte die "Walross II" als erste deutsche Yacht das nördliche Eismeer und Spitzbergen.

In den Jahren 1981 und 1982 nahm der Verein mit der "Walross III" als einzigem deutschen Schiff an der Weltumsegelungsregatta "Whitbread-Round-The-World" teil. Seit 1936 wird das jährliche Stiftungsfest über Pfingsten gefeiert, auch wenn der Verein schon am 7. Januar 1886 gegründet wurde.

Doch zurück an Bord der "Prosit IV": Nachdem Lassen seinen Aspiranten Speetzen gleich noch einmal eine Wende hat fahren lassen, kehrt zunächst ein wenig Ruhe ein. Auf die Frage, was ihn am Akademischen Segler-Verein reizt, weiß der 25-Jährige sofort eine Antwort: Neben dem Gemeinschaftsgefühl sind es auch die Schiffe des Vereins, die es ihm angetan haben. Die "Prosit IV" zum Beispiel ist ein echtes Schmuckstück. Sie hat einen klassischen Riss, wurde 1969 gebaut. Mit ihrer Länge von 20 Metern, einer Yawl-Takelung und ohne Motor ist das Schiff ein Klassiker, wie er im Buche steht. Zurück geht das Schiff auf einen Entwurf aus dem Jahr 1919 von Max Oetz, einst auch ASV-Mitglied und Konstrukteur kaiserlicher Yachten wie der berühmten "Meteor".

Segeln verbindet ein Leben lang

Das klingt auch in den Ohren von Jürgen Hillenbrand interessant. Er studiert Vermessungs- und Geoinformatik und ist heute das erste Mal an Bord eines Segelschiffs - und darf sofort mit anpacken. "Ich finde das schon sehr spannend", sagt er. Er will sich in jedem Fall durch den Kopf gehen lassen wiederzukommen - und das trotz der Risse an den Händen, die er sich bei der körperlichen Arbeit gleich am ersten Tag zuzieht.

Das Besondere liegt vielleicht auch darin, dass das Segeln im Akademischen Segler-Verein die Mitglieder auch über die Studienzeiten hinaus verbindet - oft ein Leben lang. Mehr noch: Der jährlich wechselnde studentische Vorstand ist für die Steuerung des Vereinslebens verantwortlich, die älteren Herren bewahren die Tradition. "So entsteht immer wieder aufs Neue eine reizvolle Balance zwischen Neuem und Altbewährtem, mit der neue Ideen einfließen und alte Traditionen weiterleben", sagt Lassen. Finanzieren kapitalkräftige Vereinmitglieder den Verein, so revanchieren sich die Studenten mit Rasen mähen, Ausbesserungsarbeiten am Clubhaus oder Arbeiten an den Schiffen.

"Das Schwierigste ist, eine Mannschaft für die Übungsstunden zusammenzubekommen. Da muss man rumtelefonieren", sagt Speetzen. Haben Studenten immer Zeit? Speetzen schüttelt den Kopf. "Im Gegenteil." Studieren sei Stress, ganz wie Segeln: Unbemerkt hat Lassen erneut den Rettungsring über Bord geworfen. Es wird ein Mann-über-Bord-Manöver fällig.

Interessierte Studenten wenden sich an: Akademischer Segler-Verein e. V., Scharfe Lanke 57-61, 13595 Berlin-Spandau