Segelboot

In 1000 Tagen um die Welt

Etwas seltsam ist er schon. Nicht David Eitzinger, der mit Frau und Kindern zu einer Weltumseglung aufbrechen will. Sicher, auch dieser Plan ist gewöhnungsbedürftig und verlangt nach einer Erklärung. Seltsamer mutet jedoch der Gitarre spielende Zweibeiner mit Elefantenrüssel an, der den blauen Strickpulli des künftigen Weltenbummlers ziert.

Eitzinger sieht den Blick und versucht sich in einer Erläuterung: "Das ist ein Pulli vom spanischen 'Potipoti'-Label." Angesagt also. "Meine Frau kann zwar stricken, aber sie findet derzeit keine Zeit, auch mal einen Pulli für mich zu machen."

Das dürfte künftig wohl anders werden. Zeit sollte nicht das Problem sein. Die gilt es eher totzuschlagen, wenn man Jahre lang auf den schier endlosen Weiten des Ozeans herumdümpelt. Eitzinger winkt ab. "Das wird nichts, Salzwasser und Wolle vertragen sich nur mäßig." So wird seine Frau Guillermina noch die Entwürfe für die nächsten beiden Kollektionen ihres eigenen Stricklabels abschließen, um sich auf See demnächst mit Leinen statt mit Garn herumzuärgern.

Das wird dann auf einer Stahlyacht der Feltz-Werft sein. Gut 70 000 Euro hat die Skorpion II A gekostet - dafür hätten wohl etliche Omas lange stricken müssen. Weshalb der Kauf des 30 Jahre alten und elf Meter langen Schiffs auch mit anderen Mitteln als dem Verkauf von Strickjacken und Pullovern realisiert wurde. Der 36-Jährige ist Geschäftsmann und hat die Anteile an seinem IT-Unternehmen für seinen Lebenstraum verkauft: einmal rund um die Welt.

Allerdings nicht wie Phileas Fogg, der es in Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" schaffen wollte. Diese zeitliche Spanne reicht für die Eitzingers gerade bis zur Biskaya. Ende August wollen die Wahlberliner da sein, nachdem sie im Juni aufgebrochen sind. Anfang Dezember sind die Kapverden und der Senegal geplant, während die Atlantiküberquerung im Winter ansteht. Aus der Karibik wollen sie vor Mai weg, "bevor die Hurrikan-Saison beginnt", sagt der Familienvorstand. Dann werde es dort zu gefährlich, meint der Skipper, der sich selbst als "Sicherheitsfanatiker" bezeichnet.

Sicherheitsfanatiker? Ein junger Mann aus Österreich (was nicht am Meer liegt) will mit seiner jungen Frau (32, aus Buenos Aires, das zwar am Meer liegt, Guillermina hat ihren Segelschein trotzdem erst seit zwei Jahren) und seinen beiden Kindern (Viola Lila, 3, und Bruno Eros, 5) drei Jahre übers Meer. Sicherheitsfanatiker also. Was auch sonst?

Vom Hippie-Bus auf die Stahlyacht

Auslöser für die Idee war Söhnchen Bruno. Als sein Vater und seine Mutter das erste Mal segelten, soll er in einer der schönsten Buchten von Kroatien entstanden sein. Daraufhin wurde das gesamte bürgerliche Programm gefahren: Kredit aufnehmen, Wohnung kaufen, das nächste Kind, arbeiten, Alltag. Im Februar 2008 saß David Eitzinger allein zu Haus, während Guillermina mit den Kindern in Buenos Aires war. Und es begann zu rattern unterm stets struwweligen Blondschopf. "1999 bin ich das erste Mal gesegelt." Das sei zauberhaft gewesen. Und doch hatte es etwas gegeben, was störte: "Der Trip hat nur eine Woche gedauert." Nicht lang genug für einen, der sich früher die Welt in einem "richtigen alten VW-Hippie-Bus" erobert hatte. Also spukte der Plan im Kopf herum, so einen Trip möglichst lange auszudehnen. Aber wie, mit zwei Kindern und einer Wohnung auf Kredit?

Eitzinger tat das, was ein Zahlenmensch am besten kann. Er begann zu rechnen und zu kalkulieren. Zwei Wochen lang beschäftigte ihn die Frage: Ist das überhaupt möglich? Er kam zu dem Ergebnis: Ja, es geht. Aber nur noch jetzt, bevor die Kinder eingeschult werden und erste enge Freundschaften schließen. Also rief er in Buenos Aires an: "Wärst du für eine Weltumseglung zu haben?"

Sie war. Alles andere hätte ihren Mann wohl auch sehr verwundert. Denn Guillermina - der Name ist übrigens eine spanische Variante von Wilhelmine - hat selbst ein umtriebiges Wesen. An der Pariser Sorbonne studierte sie zunächst Philosophie, lernte David bei einem Kurztrip nach Wien kennen, kehrte wieder nach Argentinien zurück und schlug letztlich in Kreuzberg auf, um bei einer Zeitschrift ein Praktikum zu machen. Da die Zimmerbuchung aus Übersee nicht funktioniert hatte, stand sie schließlich nach einem verzweifelten Telefonat vor der Tür ihres heutigen Mannes. Und so jemand, der fünf Sprachen fließend spricht, soll Angst vor der Durchquerung der sieben Weltmeere haben?

Unter österreichischer Flagge

Auch Sorgen wegen der Ausbildung der Kinder macht sich niemand. Wenigstens nicht mehr, nachdem sich die Eitzingers gründlich informiert hatten. Formal sind sie ohnehin auf der sicheren Seite. Da unter österreichischer Flagge gesegelt wird, herrscht an Bord nur die in Österreich herrschende Unterrichts- im Gegensatz zur deutschen Schulpflicht. "Die allgemeine Schulpflicht kann ferner durch die Teilnahme an häuslichem Unterricht erfüllt werden", heißt es dort laut Gesetz.

Doch was formal zählt, ist die eine Seite. Entscheidender war für den Vater, wie es um die Inhalte und den Anschluss der Kinder in Zukunft bestellt ist. "Erst nachdem ich eine ganze Reihe Bücher zu dem Thema gelesen habe, habe ich meine Angst diesbezüglich verloren", sagt Eitzinger. Wenn Seglerkinder in die Schule kommen, so der einstimmige Tenor in der Literatur, haben sie in der Regel weder Anpassungsschwierigkeiten noch großen Nachholbedarf und können problemlos altersgemäß eingeschult werden - wenn jede sich bietende Situation an Bord zum Lernen genutzt wurde (s. Info-Kasten).

Etwas, was auch die Eltern für sich selbst begreifen mussten. Als Guillermina ihr zweites Kind bekam, hatte sie den Eindruck, ihre Kreativität verloren zu haben. "Also begann sie zu stricken", erzählt David Eitzinger. "Eigentlich nur, weil sie es so schön meditativ fand." Mittlerweile ist daraus das Label Coquito ("kleine Kokosnuss") entstanden, dessen Klamotten sich laut Eitzinger "sensationell gut" verkaufen. Es wirkt nicht so, als ob man sich Sorgen darum machen müsste, dass die Eitzingers mal untergehen.