Technik

Berlins bester Vergaser-Experte steht vor dem Aus

Mit gerunzelter Stirn schaut der Meister auf ein kleines Teil in seiner Hand. Er hält es schräg nach oben gegen das Licht, kneift ein Auge zu und sagt leise: "Das hab' ich mir doch gleich gedacht, die Düse ist verstopft."

Horst Grafenberger ist einer der letzten Meister seiner Zunft, der Vergasertechnik-Spezialisten. Ist der Beruf schon vom Aussterben bedroht, so scheint auch das Ende von Grafenbergers Werkstatt mitten in Berlin besiegelt zu sein.

1970 war Horst Grafenberger von Lüchow-Dannenberg zugezogen. Der damals 20-jährige gelernte Kraftfahrzeugmechaniker lehnte in seinem Heimatort eine Anstellung für einen Stundenlohn von weniger als zwei Mark ab und versuchte sein Glück in Berlin. Es dauerte nicht lange, und die Spezialwerkstatt für Vergasertechnik Feichtinger & Wachholz (1947-2001) stellte ihn ein. Dort avancierte er 1973 zum Meister, machte sich 1978 selbstständig und stieg 1982 als Partner bei Klaus Warnke in die gleichnamige Werkstatt ein. Diesen ehemaligen Standort von Feichtinger & Wachholz an der Yorckstraße betrieben die beiden zu günstigen Konditionen, jetzt aber verkaufte ihr Vermieter an einen Immobilieninvestor.

"Damals waren wir acht Leute", erinnert sich Grafenberger an seiner Werkbank, auf der Vergaserteile akribisch nebeneinander aufgereiht liegen. "Die Transitreisenden mit ihren 70er-Jahre-Autos wollten mit gut gewarteten Vergasern auf die DDR-Strecken gehen, da war immer etwas zu tun." Doch auch DDR-Bürger, die West-Autos fuhren, gehörten zum Kundenkreis. Nach der Wende gingen die Aufträge zurück. Der Tod von Partner Warnke vor elf Jahren führte zu einer Verkleinerung der Firma, die sechs ausgestattete Arbeitsplätze und eine kleine Vergaserwerkstatt hat. Heute arbeiten hier noch Meister Grafenberger und sein Geselle Ulf Kannenberg. Urlaub hat der Chef seither nicht mehr gemacht.

"Die Stammkunden müssen doch versorgt werden, wenn Oldtimer im Sommer Hochsaison haben", sagt Grafenberger. Im selben Moment biegt ein Mercedes Cabrio, Baujahr 1952, in die Einfahrt, und schon beim Aussteigen fängt der Fahrer an, die Symptome des akuten Motorleidens zu schildern. "Alle Oldtimerbesitzer, die ich kenne, kommen mit Vergaserproblemen hierher. Da gibt es keinen besseren in Berlin", sagt er später.

Erfahrung und Wissen zählen

Seit der ehemalige große Konkurrent Feichtinger & Wachholz im Jahr 2001 die Werkstatt schloss, ist Grafenberger der einzige Spezialist in Berlin, der Solex, Pierburg, Zenith und die Vergaser vieler anderer Hersteller in- und auswendig kennt. Im Gegensatz zu anderen Oldtimer-Werkstätten beschäftigt er sich seit fast 40 Jahren ausschließlich mit dieser Materie. Ob eine Leerlauf-Düse verstopft ist oder eine Beschleunigerpumpe kaputt - diese Diagnosen stellt der Meister oft, ohne in die komplizierten kleinen Gasfabriken hineinzusehen, zumindest bei den Standardvergasern älterer Baujahre.

An Komplexität ist ein Vergaser kaum durch andere Bauteile eines Oldtimers zu übertreffen. Umso mehr zählen für Wartung und Reparatur Erfahrung und Wissen. Doch auch völlig neuen Herausforderungen stellt sich Horst Grafenberger noch immer gern. "Letztes Jahr kam ein Rolls-Royce Phantom auf den Hof gerollt, so etwas hatte ich noch nie gesehen", erzählt er. "Ein Sieben-Liter-Motor mit eigentlich schon exotischer Technologie. Ich brauchte zwei Wochen und einen Englisch-Übersetzer, bis ich die Aufgabe gelöst hatte." Und Lösungen findet der Spezialist immer. Einen 95 Jahre alten Stammkunden holt er manchmal von zu Hause ab, damit dieser zu seinem frisch gewarteten Audi 80 in die Werkstatt kommt.

Auf dem Hof herrscht zu Geschäftszeiten reger Verkehr. Nicht nur Kunden mit Vergaserproblemen laufen bei der Firma Warnke auf, auch normale Reparaturen und Wartungsarbeiten gehören zum täglichen Betrieb. "Was andere Kfz-Werkstätten machen, können wir natürlich auch", sagt Ulf Kannenberg, der seit 20 Jahren mit Horst Grafenberger arbeitet und sich ebenfalls zum Oldtimer- und Vergaser-Spezialisten entwickelt hat.

Diese Spezialkenntnisse sterben somit nicht zwangsläufig wegen Überalterung demnächst aus, allerdings sprechen die Experten im parlamentarischen Arbeitskreis "Automobiles Kulturgut" von lediglich 39 erfassten und qualifizierten Oldtimerwerkstätten bundesweit. Für eine so geringe Anzahl möglicher Ausbildungsbetriebe lässt sich aber kein eigener Ausbildungsweg schaffen.

Miete könnte sich verdoppeln

Andrea Zeus vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe nennt eine mögliche Lösung, die ihre Organisation stattdessen in Erwägung zieht: "Es wird eine Zusatzqualifikation installiert, die in Berufsschulen und Betriebsbildungsstätten angeboten werden soll. Hierbei handelt es sich um eine Qualifikation, die der Betrieb im Ausbildungsvertrag verankern kann, ohne diesen inhaltlich zu ändern. Die bestehende Ausbildungsverordnung und der Rahmenlehrplan haben genügend Spielraum, um diese Qualifikation einzubinden." Das lässt auf Nachwuchs in Oldtimerwerkstätten hoffen, ob jedoch eine Qualifikation zum Vergaserspezialisten daraus entstehen kann, ist unklar.

Für Horst Grafenberger stellt sich die Frage nach seinem Ausbildungsangebot allerdings nicht mehr. Bis zu seiner Pensionierung sind es noch fünf Jahre. Und bis dahin will er weder seine Kunden noch seinen Gesellen im Stich lassen. "Wer soll das sonst machen?", fragt er. Der Umzug vom angestammten, quasi historischen Ort in eine neue Werkstatt kann ihn teuer zu stehen kommen. Lag die monatliche Miete in der Yorckstraße noch im dreistelligen Bereich, dürften neue Vermieter an anderer Stelle mindestens den doppelten Betrag verlangen.

Die Kündigung kam im Mai. Horst Grafenberger legt die Briefe auf seinem Bürotresen ab. "Hier das Schreiben eines arabischen Friedensrichters, hier eines vom Vertreter des alten Vermieters, der Verwertungsgesellschaft für Eisenbahnimmobilien", sagt er mit traurigem Blick, "und hier die offizielle Kündigung des Käufers." Ein Immobilieninvestor aus Dortmund erwarb das Grundstück zwischen Yorckstraße, Dennewitzplatz und Gleisdreieck, um voraussichtlich ein Einkaufszentrum zu errichten. Bleibt zu hoffen, dass Horst Grafenberger und Ulf Kannenberg bis zum 31 Dezember 2010 eine neue, bezahlbare Werkstatt finden, um ihr Wissen noch lange anwenden zu können.