Porträt

Terminator Trump ist im Oval Office angekommen

Donald Trump hat es geschafft. Gegen alle Prognosen ist er der 45. Präsident der USA. Nun wird die Welt genau beobachten, was er macht.

Donald Trump ist der künftige Präsident der USA.

Donald Trump ist der künftige Präsident der USA.

Foto: MIKE SEGAR / REUTERS

New York.  Wenn Donald Trump in den vergangenen 17 Monaten seine Wahlkampfveranstaltungen ausklingen ließ, dann so: Die Rolling Stones spielten aus der Konserve „You Can’t Always Get What You Want”. Gestern nicht.

Als der 70-Jährige am Dienstagabend im großen Ballsaal des Hilton-Hotels in Midtown Manhattan im Tross seiner miteinander um die Wette strahlenden Familie ins Scheinwerferlicht trat, hatte er bekommen, was er wollte. Er ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Trump trotzte den Vorhersagen

Gegen alle Meinungsforscher, die noch vor wenigen Stunden seiner Widersacherin Hillary Clinton die größeren Sieg-Optionen ausrechneten.

Gegen alle Warnungen des militärisch-politisch-konservativen Komplexes, der Amerika und die Welt mit einem Trump im Weißen Haus schwere Turbulenzen prophezeit.

Gegen alle Erfahrung, die in den vergangenen 150 Jahren in den USA Radikale vom höchsten Staatsamt in letzter Minute ferngehalten hat.

Anfangs nahm ihn keiner ernst

Donald Trump war stärker. Jetzt steht er im Hilton. Da, wo schon John F. Kennedy am Wahlabend den Applaus entgegennahm. Und seine Fans kriegen sich vor Begeisterung nicht mehr ein. „Ich hab’s euch doch gesagt“, sagt Trump. Hillary Clinton, seine Rivalin? Geschichte. Ausrangiert von einem Außenseiter wie er außenseitiger nie war.

Als Donald J. Trump, der mit den goldenen Löffeln im Mund geborene Nachfahre wackerer Einwanderer aus Kallstadt in der Pfalz, im Juni 2015 auf der Rolltreppe seines glitzernden Wolkenkratzers an der Fifth Avenue ins Erdgeschoss fuhr, um dort zu verkünden, dass er seinen Hut in den Ring werfe, nahm ihn kaum jemand ernst.

Seine Anhänger tun alles für ihn

Die Satirezeitung „The Onion“ presste die Vergeblichkeit seines Tuns in einen bösen Slogan „Ich mache das von nun an alle vier Jahre, bis ich sterbe.“ Den Zwiebel-Leuten gehen heute die Tränen. Präsident Trump lebt. Er hat es allen gezeigt.

Der eigenen Partei hat er sich genähert wie ein Pirat einem arglos in der Lagune dümpelnden Dreimaster. Als die 16 Crew-Mitglieder, die Rivalen im Vorwahlkampf, von Bord geekelt waren, übernahm Trump das Ruder. Sein Zickzack-Kurs, ein Gemisch aus Verschwörungstheorie, Fremdenfeindlichkeit, Isolationismus und Demagogie, verursachte den Parteigranden Übelkeit. Aber da war Trump längst am Horizont verschwunden. Wissend, dass seine Anhänger für ihn über jede Planke gehen würden.

Weltinnenpolitik in 140 Zeichen

Die Medien hat sich Donald Trump mit einer Chuzpe Untertan gemacht, die noch auf Jahre die Publizistik-Lehrstühle beschäftigen wird. Obwohl er das Gros der Berichterstatter tagein, tagaus als verlogenes Pack abkanzelte, warfen ihm CNN, Fox News, NBC & Co. Sendeminuten im Gegenwert von über zwei Milliarden Dollar hinterher. Überprüfung? Recherche? Mangelware.

Den Rest der Wähleransprache erledigte der zum Stammeln neigende Unternehmer über Twitter. Weltinnenpolitik in 140 Zeichen. 13 Millionen Anhänger lasen es jeden Tag mit Wonne. „Believe me.“

In seiner Liga werden Fouls nicht bestraft

Niemand hielt ihn auf. Nichts konnte seine Unterstützer ins Grübeln bringen. Nicht die ungezählten Enthüllungen, Lügen und Fehltritte. Nicht die Tatsache, dass sich Hunderte renommierte Politiker aller Lager, Wirtschaftsbosse, Showstars, Schriftsteller, 60 ehrbare Zeitungen, ja sogar der Papst, in Wort und Schrift gegen ihn stellten. An Teflon-Trump blieb nichts hängen.

Der Kandidat spielte in einer Liga, die Fouls belohnt, nicht straft. Je größer der Protest gegen ihn, desto höher in Trumps Wagenburg die Zinnen. Seine glühendsten Fans sehen in ihm einen Robin Hood in Nadelstreifen. Einer, der Washington und Wall Street die Dollars abknöpft und sie wie Manna über den amerikanischen Geisterstädten der Globalisierung niederregnen lässt.

Jetzt muss Trump liefern

Welchen Donald Trump Amerika und die Welt ab morgen erleben werden, ist aber nicht ausgemacht. Sein Sternkreiszeichen müsste eigentlich das Chamäleon sein. Mittags das Gegenteil von dem zu behaupten, was man morgens gesagt hat, um es abends auf die Spitze zu treiben, das ist seit Jahrzehnten seine Masche.

Man kann den Menschen alles weißmachen, steht sinngemäß in einem seiner Bücher, man muss es nur oft genug wiederholen. Daher die „Mexiko! Mexiko!“-Rufe, wenn Trump auf seinen Veranstaltungen fragte, wer für den von ihm propagierten Bau einer Mauer an der Süd-Grenze bezahle. Darum die lynchjustizhysterischen „Sperrt sie ein! Sperrt sie ein!“-Chöre, wenn Trump versprach, dass er Hillary Clinton hinter Gitter stecken werde. Maulheldentum? Spätfeudalistische Allmacht? Er müsste jetzt liefern.

Mal Pro, mal Contra

Zwischen 1999 und 2012 wechselte Donald Trump fünf Mal die Parteizugehörigkeit, war mal für, mal gegen Abtreibung, mal für und gegen die Homo-Ehe, mal für und gegen den Irak-Krieg. Donald Trump ist ein wandelndes Pro, das nach Belieben zum Contra wird. „Man muss unberechenbar bleiben“, sagt er.

Sein Versprechen, Amerika durch die Brille eines Terminator-ähnlichen Unternehmers zu führen und so wieder „great“ zu machen, hat Stirnrunzeln bis Atemnot ausgelöst. Nicht nur bei drei Millionen Staatsbediensteten und 1,5 Millionen Militärangehörigen, die sich fragen, wann es für sie wohl heißt: Du bist gefeuert!

„Alles ist verhandelbar.“

Meint er es ernst mit den tiefen Einschnitten in den öffentlichen Sektor? Niemand weiß es. Trumps politische Positionen sind so fließend, dass man sie in Gefäßen aufbewahren muss.

Einreise-Verbot für Muslime? Abschiebung von elf Millionen Illegalen? Strafzölle für US-Firmen, die im Ausland produzieren? Eine Art Bezahlschranke für Nato-Mitglieder? In Trumps eigenen Worten: „Alles ist verhandelbar.“

Ab heute hört die Welt genau zu

Aber mit wem? Seine Regierungsmannschaft hat keine Konturen. Weil niemand von Rang und Namen für ihn arbeiten will. Bis heute gibt es außer Versprechungen im Glückskeks-Format keinen einzigen politischen Plan, der dem Kongress zur Abstimmung vorgelegt werden könnte. Bis auf den: Alles muss weg, wo Obama draufsteht.

Als Donald Trump einmal gefragt wurde, wen er in außenpolitischen Dingen am häufigsten konsultiere, hofften die Parteioberen inständig auf Namen wie Henry Kissinger. Nichts da. „Ich spreche als erstes mit mir. Ich habe einen sehr guten Kopf und schon vieles gesagt“, sagte der neue Präsident Amerikas.

Ab heute hört die ganze Welt sehr genau zu, wenn sich Donald Trump im Oval Office mit sich selbst berät.