Politik

Moralisch angeschlagen

Der absurde US-Wahlkampf schwächt den Stand der Supermacht in der Welt

Kann man diese Wahl nicht noch absagen? Kann man nicht eine Art nationalen Gewissensnotstand ausrufen und neue Kandidaten aussuchen, weil die existierenden dem Land zur Schande gereichen? Am vorletzten Wochenende vor der unerquicklichsten Präsidentschaftswahl seit Ewigkeiten flüchten sich viele Amerikaner in Zynismus. Man kann sie verstehen. Anders ist die Farce nicht zu ertragen.

Die Endlosschleife von Skandalen, Lügen und anderen Ungeheuerlichkeiten, mit der Donald Trump, die personifizierte Unfähigkeit auf republikanischer Seite, das Land und seine demokratische Tradition in den Dreck trampelt, hat offenbar nicht gereicht. Jetzt muss auch noch die einzige Erwachsene im Raum, Hillary Clinton, hilflos mit ansehen, wie sie kurz vor Toresschluss von einem von allen guten Geistern verlassenen FBI-Chef in die Nähe eines psychisch Gestörten gerückt wird: Der von einem Sexskandal in den Abgrund gerissene demokratische Politiker Anthony Weiner – einen anderen Schluss lässt das nebulöse Vorgehen des FBI kaum zu – hat womöglich Einblick in Staatsgeheimnisse oder vertrauliche Informationen genommen. Wie? Weil seine inzwischen von ihm getrennt lebende Gattin Huma Abedin, die seit 20 Jahren Clintons rechte Hand in allen Lebenslagen ist, ihren Computer und ihre E-Mail-Konten offenbar nicht vor fremdem Zugriff geschützt hat.

Es ist kaum vorstellbar, dass dieses absurde Klein-Klein wirklich das Niveau ist, auf dem nach 18 Monaten dröhnender Wahlkampf-Seifenoper die wichtigste Personalie der westlichen Welt verhandelt wird. Wie will Amerika, ohne rot zu werden, eigentlich noch einmal irgendwem auf der Welt in Sachen Demokratie die Leviten lesen?

FBI-Chef James Comey hat mit seinem Vorstoß seiner in Wahljahren zu besonders strikter Neutralität verpflichteten Behörde einen Bärendienst erwiesen. Er gilt ab sofort als bester Wahlkampfhelfer Trumps, der bereits zu den Untoten dieser Wahl gezählt wurde. Trumps Vergleich mit dem Watergate-Skandal ist zwar verboten dumm. Aber er könnte bei Wählern verfangen, denen Hillary Clinton schon immer irgendwie suspekt war.

Anstatt dem neuen Verdacht in der Causa Clinton geräuschlos nachzugehen und erst auf Grundlage gesicherter Erkenntnisse die nötigen Konsequenzen zu ziehen, hat der Spitzen-Polizist öffentlich die Pferde scheu gemacht. Comeys Einmischung zehn Tage vor der Abstimmung züchtet Spekulationen und Missverständnisse, die am Ende ihren Niederschlag auf Wahlzetteln finden können. Dem von Obama ernannten Beamten musste klar sein: Die Öffentlichkeit denkt automatisch, dass etwas im Argen liegt, wenn das FBI ermittelt. Bisher gibt es aber keinen einzigen substanziellen Anhaltspunkt dafür, Clintons nicht enden wollende E-Mail-Affäre strafrechtlich in einem neuen Licht zu sehen. Wenn Comey nicht umgehend liefert, wird er zurücktreten müssen.

Aber: Zur Wahrheit gehört auch, dass Hillary Clinton sich das Fiasko am Ende selbst zuzuschreiben hat. Gegen ausdrücklichen Rat und gegen alle logischen Sicherheitsbedenken inszenierte sie als Außenministerin eine per Definition verdächtige E-Mail-Schattenwirtschaft. Als die Sache aufflog, bunkerte sie sich ein, stritt Fehlverhalten ab und setzte auf den Faktor Zeit. Dieser Mangel an Problembewusstsein, diese sture Mir-kann-keiner-was-Haltung wird Clinton weiter begleiten, sollte sie trotzdem Präsidentin werden. Die Republikaner werden das Thema nach allen Regeln der Kunst ausschlachten. Selbst ein Amtsenthebungsverfahren ist kein Tabu. Trübe Aussichten für Amerika.