US-Wahlkampf

Warum Merkel einen Besuch von Romney abwimmelte

Weil die Mehrheit der Deutschen Barack Obama favorisiert, kam Angela Merkel in eine unangenehme Situation

Foto: Michael Gottschalk / DAPD

Die Auswahl der Reiseziele war eine Botschaft: Mitt Romney, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, besuchte im Juli keine neuen Mächte, sondern die verlässlichsten Freunde der USA: Großbritannien, Israel, Polen. Was bisher nicht bekannt war: Der Kandidat, der aktuell in Umfragen an Barack Obama vorbeigezogen ist, hätte auch gern einen anderen alten Freund der USA besucht – Deutschland. Romneys Team hatte frühzeitig im Kanzleramt vorgefühlt, ob es zu einem Treffen mit der Bundeskanzlerin kommen könnte. Damit brachte er Merkel in eine heikle Lage. Denn kein anderes Volk der Erde ist immer noch so in Obama verliebt wie die Deutschen. Spektakuläre 87 Prozent der Bundesbürger würden laut einer Emnid-Umfrage für den Demokraten stimmen, dürften sie in Amerika wählen, nur fünf Prozent dagegen für Romney.

Der Kandidat hat einfach ein zu schlechtes Image in Deutschland, um sich mit ihm sehen zu lassen, analysierten Merkels Leute – und mussten dafür in der Folgezeit einige Verrenkungen unternehmen. Die Kanzlerin, wurde Romneys Leuten damals erklärt, könne den Kandidaten leider nicht empfangen. Sie sei zu der Zeit im Urlaub, in Italien. Dabei ist die CDU seit Jahrzehnten den US-Republikanern verbunden – also der Partei von Ronald Reagan und den Bushs. Und wenn es um Amerika geht, tickt die Kanzlerin ganz anders als die deutsche Öffentlichkeit. So hält Merkel etwa die allgemein an Verachtung grenzende Beschreibung von George W. Bushs Präsidentschaft für grundfalsch. Sie hat Obamas republikanischen Vorgänger nicht nur als verlässlichen Partner in internationalen Verhandlungen empfunden, sondern auch persönlich als interessierten und aufgeschlossenen Charakter kennengelernt.

Irritiert und brüskiert

Obama hingegen hat nie aufgehört, sie zu irritieren. Während Merkel bewusst alle Erwartungen dämpft, um in einer möglichst leidenschaftslosen Atmosphäre konkrete, oft kleine Schritte gehen zu können, schürt Obama mit viel Pathos Hoffnung auf ganz große Sprünge – die dann oft ausbleiben. Persönlich stört Merkel zudem die Unberechenbarkeit Obamas. Nach seinem Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald vor drei Jahren überraschte er Merkel mit der Frage, warum sie die Türkei aus der EU halten wolle. Dabei hatte sich dieses Streitthema nicht unter den abgestimmten Gesprächsthemen gefunden.

Ein Jahr später bestellte er sie vor dem G-20-Gipfel im koreanischen Seoul in sein Hotel, um sie dann, weil er noch länger mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao plaudern wollte, zwanzig Minuten warten zu lassen – so etwas hasst Merkel. Obamas laxe Begründung, mit den Chinesen müsse man immer so langwierige Höflichkeiten austauschen, mit den Deutschen aber nicht, konterte Merkels spitz: „Aber heute hätte ich sie gerne gehört!“

Auch auf dem jüngsten G-20-Gipfel in Mexiko brüskierte er sie wieder. Obama versammelte die Europäer um sich und präsentierte ein Papier, das er ausgerechnet mit dem Italiener Mario Monti vorbereitet hatte. Für wie gefährlich Obama Merkels Euro-Politik hält, offenbarte er bei der Nominierungsrede: „Die Pläne der Terroristen müssen gestört werden, Europas Krise muss eingedämmt werden!“, rief er da in einem Atemzug. Merkels Europa als Sicherheitsrisiko – es war sein einziger Bezug auf den alten Kontinent.